Ludwig Watzal
03.06.2005 | 00:00

Der doppelte Standard

Klientelismus Das ziemlich einseitige "Plädoyer für Israel" des Harvard-Professors Alan Dershowitz

Wright or wrong my country - dieser Titel hätte auch gut für diese Streitschrift gepasst. Im Stile eines engagierten und gewieften Strafverteidigers macht sich einer der besten Anwälte der USA, der Harvard-Professor Alan Dershowitz, daran, jede Kritik an Israel und seiner Politik mit Vehemenz zurück zuweisen. Dass er dabei oft über das Ziel hinausschießt, liegt darin begründet, dass er meint, alles verteidigen zu müssen, was die israelischen Regierungen tun oder getan haben, sei es auch noch so fragwürdig. So behauptet der Autor allen Ernstes, dass es keinen Beweis dafür gebe, dass Israel niemals absichtlich eine Zivilisten tötete und weiter wörtlich: "Israel ist das einzige Land in der Geschichte modernern Kriegsführung, das als Vergeltung für die bewusste Bombardierung der eigenen Zivilbevölkerung nie blindlings Bomben auf ein feindliche Stadt geworfen hat, um unschuldige Bürger zu töten." Immerhin sind fast 600 unbewaffnete Kinder und Jugendliche in den letzten vier Jahren erschossen worden, und zwar oberhalb der Hüfte. Und wie würde Dershowitz wohl den Abwurf einer Bombe auf ein Wohngebiet in Gaza-Stadt klassifizieren, bei dem man einen "Terroristen" töten wollte, aber 13 Zivilisten tötete und über 50 Verletzte mit in Kauf nahm? Dieser fragwürdige Rechtfertigungsmarathon erstreckt sich über fast 400 Seiten. Das Buch überzeugt nur diejenigen, die bereits einen gefestigten Glauben haben. Es ist besonders gut geeignet als Argumentationsarsenal für den politischen Tageskampf. Für differenziert denkende Leser wirkt es eher abstoßend.

In Form von 32 Fragen macht sich der Autor daran, vieles, was allgemeiner Konsens in der Staatengemeinschaft ist, im Sinne einer radikalen israelischen Position in Frage zu stellen und zu widerlegen. In juristischer Manier werden sie nach folgendem Muster abgehandelt: die Anklage, die Ankläger, die Realität und der Beweis. Dazu gehören Fragen, die mit der Staatsgründung und den Folgen wie das Flüchtlingsproblem, den Kriegen Israels, über Folter, Terror, Menschenrechtsverletzungen, Boykott, Antisemitismus und vieles mehr zusammenhängen.

Den Anklagen begegnet Dershowitz nach eigener Einschätzung mit "harten Fakten, die unterstützt werden durch glaubwürdige Beweise". Jenseits allen Zweifels werde nachgewiesen, dass in bösartiger Weise ein doppelter Maßstab angelegt worden sei, um Israels Politik zu beurteilen. Dieser doppelte Standard ist auch das Hauptmotiv für das Engagement des Autors. Würde man an alle Staaten den gleichen Maßstab anlegen, bräuchte Israel keine Verteidigung, es spräche für sich selbst. Die Anwendung eines doppelten Standards, so Dershowitz, zeige sich am deutlichsten bei den Foltervorwürfen gegen Israel. Dabei wandte der "israelische Sicherheitsdienst manchmal physische Maßnahmen an, die denen ähneln, die heute von den US-Behörden gegen verdächtige Terroristen praktiziert werden". Ähnliche Verhörmethoden würden auch in Frankreich, Großbritannien und Deutschland angewandt werden, argumentiert der Autor vorsorglich. Warum gibt es dann zahlreiche israelische Menschenrechtsgruppen, die gegen die - trotz Grundsatzurteil des Obersten Israelischen Gerichts - immer noch praktizierte Folter des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet Sturm laufen? Auch die Berichte von amnesty international und Human Rights Watch zur prekären Lage der Menschenrechte in Israel sind Legion. Dass oft die Menschrechtsverletzungen in der arabischen Welt oder vielen anderen Staaten nicht mit der gleichen Intensität kritisiert werden wie die in Israel, ist in der Tat ein berechtigter Vorwurf, den Dershowitz erhebt. Dieses Manko enthebt aber Israel nicht von einem humaneren Umgang mit den Palästinensern.

Der Autor steht hinter fast allen Mythen, die sich um die Staatsgründung ranken und die bis heute die Staatsraison Israels maßgeblich prägen. Dazu gehören die Flüchtlingsfrage, die angebliche Verweigerungshaltung der arabischen Staaten und der Palästinenser Frieden mit Israel zu schließen, die kategorische Ablehnung der Teilung durch die arabischen Palästinenser und anderes. Mehrmals setzt sich Dershowitz mit den verpassten Gelegenheiten der Palästinenser auseinander, einen Staat zu erhalten: wichtige Jahren waren 1937, 1947 und 2000-2001. Insbesondere das "großzügige Angebot" Baraks in Camp David im Sommer 2001 wird als das Nonplusultra dargestellt, obwohl heute allgemein bekannt ist, dass es ein solches Angebot nie gegeben hat. "Ehud Barak bot den Palästinensern fast alles, was sie auf ihrer Wunschliste hatten, aber die palästinensische Führung antwortete mit der Eskalation des Terrors." Arafat wird von Dershowitz als derjenige dargestellt, der dafür die Verantwortung trägt.

Der Autor bedient sich dabei der gleichen Vorwürfe, die von der israelischen Regierung gegen Arafat erhoben werden: er stehe hinter dem Terror, organisiere ihn und setze ihn als politisches Instrument ein. Als "Kronzeugen" gegen Arafat führt der Autor den Saudischen Prinzen Bandar ins Feld, der Arafats Weigerung, Baraks Offerte abzulehnen, als "Verbrechen" bezeichnet hat. Dershowitz erwähnt mit keinem Wort, dass Israel seit 1949 alle arabischen Friedenspläne torpediert hat wie zuletzt den Saudi-Arabiens.

Ob diese geschönte Darstellung der Geschichte Israels dem Image des Landes letztendlich weiterhilft, wird die Entwicklung zeigen. Man hätte dem Autor eine größere Distanz zu seinem Verteidigungsobjekt gewünscht, aber dies ist von einem Anwalt ja nicht zu erwarten, der seinen Klienten auch vor Gericht raushauen muss, koste es, was es wolle. Dass dabei die brutale Okkupationspolitik Israels als Hauptgrund für den Terror der Palästinenser unerwähnt bleibt, kann aus Verteidigungsgründen unter den Tisch fallen. Der Wahrheitsfindung dienst es aber nicht. Der Autor ist überaus engagiert, argumentiert sehr stringent, aber fürchterlich einseitig.

Das größte Manko des Buches ist der Plagiatvorwurf, den kein geringerer als der Politikprofessor Norman Finkelstein erhoben und glaubhaft nachgewiesen hat. Dershowitz habe seitenlang aus dem Buch von Joan Peters: From Time Immemorial abgeschrieben. Vielleicht hat deshalb der Inhalt seiner Ausführungen so wenig mit der historischen Wahrheit zu tun. Der Ehrenkodex von Harvard besagt, dass jeder Student der Universität verwiesen wird, der sich des Plagiierens schuldig macht; aber diese ethischen Standards scheinen nicht mehr für Professoren zu gelten.

Alan M. Dershowitz: Plädoyer für Israel. Warum die Anklagen gegen Israel aus Vorurteilen bestehen. Mit einem Vorwort von Henryk M. Broder. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Schmid, Europa, Hamburg 2005, 416 S., 19,90. EUR