Der Ernst der Lage

NSU Rechtsextremismus ist keine Marginalie – wie Netzwerke und eine Kultur des Ressentiments ihn stärken, belegt ein Sammelband über Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt
Hanno Hauenstein-Pöppel | Ausgabe 33/2013 14
Der Ernst der Lage
Bild: Ullstein / ddp

Vor dem Hintergrund des aktuellen Überwachungsskandals wirkt es geradezu aberwitzig, dass die Rechtsterroristen der NSU sieben Jahre lang unbescholten vor sich hinmorden konnten. Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat, Michèle Kiesewetter – so lautet nach bisherigem Ermittlungsstand die Namensliste derer, die der NSU zum Opfer fielen.

Sind es nur Schlampereien und Insuffizienzen im Polizei- und Verfassungschutzapparat, die es so weit haben kommen lassen? Oder hielten Behörden die Ermittlungsbrille falsch herum und machten sich so gleichsam auf dem rechten Auge blind? Spiegelt der Fall der NSU gar eine Tendenz, wonach man das faktische Ausmaß rassistischer Gewalt lieber vertuscht? Solche Fragen stellt der im Ch.Links-Verlag erschienene Sammelband Blut und Ehre – Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt in Deutschland – detailliert und bissig. Das liest sich dann so: „Warum fiel die Bankraubserie mit allein zehn überfallenen Kreditinstituten in Sachsen nicht auf? Warum schlugen Personenspürhunde im November 2011 vor der Haustür eines bekannten NPD-Aktivisten in Eisenach an, der das Trio von früher gekannt haben muss? Warum befand sich ein Verfassungsschützer aus Hessen genau zum Tatzeitpunkt in dem Internetcafé, in dem Halit Yozgat erschossen wurde, und wie kann es sein, dass er nichts mitbekommen haben will?“ Grund genug, genauer hinzusehen.

Netzwerk der Unterstützer

Doch das Buch ist mehr als die Innenschau prozessrelevanter NSU-Geschichte. Akribisch skizzieren die Autoren die Anfänge im „Blood&Honour“-Netzwerk, das die NS-Ideologie durch Rechtsrock neu aufkochte. Mundlos, Bönhardt und Zschäpe standen dem Zusammenschluss nahe, denn „anders als offiziell dargestellt“ war das Trio niemals gesellschaftlich oder politisch isoliert – so heißt es bereits in der Einleitung. Gleichzeitig, über die NSU hinaus, bietet der Band eine Analyse der Aktualität des Rechtsextremismus in Deutschland. Die schlagende These: Es handelt sich keineswegs um ein entlegenes Phänomen, zumal die gewaltbereite Rechte in der BRD eine lange Geschichte hat. Jahrzehntelang wurde die Ernsthaftigkeit der Lage schwer unterschätzt – man denke an die „Gruppe Ludwig“, die von 1977 bis 1984 zehn Anschläge in Deutschland und Italien verübte und mindestens 15 Menschen ermordete. Rechte Gewalttäter beziehen ihre Schlagkraft eben, man kann es nicht deutlich genug sagen, aus einem Netzwerk, in dem sich alles versammelt, von Freien Kameradschaften zu Autonomen Nationalisten und radikalen Kräften innerhalb der ‚demokratisch‘ legitimierten Stimme der Nazis: der NPD.

Die Herausgeber Andrea Röpke und Andreas Speit, zwei Fachexperten der Szene, die für ihre intensiven Rechercheleistungen bereits Drohungen und Übergriffe in Kauf nehmen mussten, legen Kontinuitäten frei, beleuchten die Rolle des BKA, der schattenhaften V-Männer, und – dies macht den Band außergewöhnlich – vermeiden den Fehler manch anderer Publikation zum Thema: Sie mystifizieren die extreme Rechte nicht zum radikal Anderen, sondern stellen sie in einen Zusammenhang mit den Ressentiments der Gesellschaft, die sie hervorbringt – Speits Text über die von knapp 3.000 Neonazis und ihren „normalen“ Gesinnungsnachbarn verübten Brandpogrome in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda sticht da besonders hervor.

Über Täter, Opfer und Polizei hinaus

Allein die Vorarbeit zum Buch verdient Respekt: „Um die gegenwärtige Verfasstheit der rechtsextremen Szene einordnen zu können, haben die Autorinnen und Autoren frühere Opfer rechtsextremer Gewalt besucht, Aussteiger getroffen, Anwälte interviewt, Literatur und Hunderte geheimer Akten durchgesehen. Sie haben mit Redaktionen korrespondiert und die Sitzungen der NSU-Untersuchungsausschüsse akribisch ausgewertet.“ Konsequent: Die Autoren beschränken den Recherchezirkel keineswegs bloß auf die Trias aus Täter, Opfer und Polizei. Eine weitere Stoßrichtung des Bandes liegt in der Offenlegung der beschränkten Wahrnehmung des rechten Terrors in der deutschen Öffentlichkeit.

Die Reaktionen in Politik und Gesellschaft auf die NSU-Enthüllungen seien verblüffend schwach ausgefallen. Im Gegensatz zur RAF-Gewalt, die man als ‚Kriegserklärung‘ an den Staat verstand, sei der mediale Aufschrei im Fall NSU klein. „Liegt es daran, dass es eine schwache Bevölkerungsgruppe trifft, die Migranten?“, werden die Anwälte von Semiya und Kerim Şimşek zitiert. „Das wäre erschreckend, verroht und gefährlich.“ Überhaupt entlarven die Autoren die eine oder andere „verkürzte Denklogik“. Sie zeigen eindringlich, welche Missverständnisse man tunlichst umgehen sollte. Der Sammelband ist in vielerlei Hinsicht schockierend. Die Darstellungen der polizeilichen Ermittlungen gegen die Familie Şimşek offenbaren einen himmelschreienden Skandal.

Stellenweise hat man indessen den Eindruck, nicht genau zu wissen, mit welchem Format man es hier zu tun hat. Die reißerische Aufmachung und der anekdotische Berichtstil widersprechen dem analytischen Anspruch, der sich in einem haarkleinen Sachregister widerspiegelt. Dennoch ist klar: Wem es bei der NSU nicht bloß um den Knalleffekt der „Neuen Nazis“ geht – wer ihre Vorgeschichte verstehen und die Mittel an der Hand haben will, sie in einen Kontext rechter Gewalt in Deutschland nach 1945 zu stellen, der kommt um dieses Buch nicht herum.

Blut und Ehre: "Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt in Deutschland" Andrea Röpke, Andreas Speit (Hg.) Ch. Links Verlag 2013, 288 S., 19,90 € Hanno Hauenstein-Pöppel schrieb zuletzt im Freitag über Jonathan Meese in Israel

 

06:00 21.08.2013

Kommentare 14

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community