Der Fehler im System

Wahrheit Wie gern hätte unser Rezensent mit dem Regisseur Adolf Dresen über die Marxsche Revolutionstheorie gestritten
Der Fehler im System
Dresen sah im Gedankengebäude von Marx Ungereimtheiten, die für andere gerade reizvoll sind
Foto: Johannes Eisele / AFP / Getty Images

Mitte der siebziger Jahre erzählte mir mein Cousin Michael P. (Maik) Hamburger, sein Freund Adolf Dresen, der Theaterregisseur, sei mit einer grundlegenden Kritik der Marx’schen Ökonomie befasst und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm zu debattieren. Ich weiß nicht mehr, warum es nicht zu der Begegnung gekommen ist, vielleicht war es zu kurz vor Dresens Weggang aus der DDR, vielleicht war es Vor- oder auch Rücksicht seinerseits. Nun, 35 Jahre später, leider auch zehn Jahre nach des Verfassers Tod, liegt mir seine Kritik in gedruckter Form vor.

Dresen selbst hat seine Kritik, anlässlich eines stark gekürzten Abdrucks*, in einer hier als Ergänzung nachgestellten Vorbemerkung wunderbar zusammengefasst: „Zentrum des Marxschen Werks ist seine Revolutionstheorie; sie verbindet seine Philosophie und seine Ökonomie, seine Dialektik und seine Geschichtsauffassung, seine Theorie und seine Praxis [...] Gerade in seiner Revolutionstheorie aber ist Marx gescheitert: Er hat eine Revolution vorausgesagt und vorbereitet, die in dieser Weise nicht gekommen ist. Für ihn war die soziale Revolution zugleich eine technische, die Befreiung des Proletariats zugleich eine Befreiung der Produktivkräfte, das Proletariat zugleich die Hauptproduktivkraft. Die Geschichte hat solche Einheit der Revolution nicht bestätigt, beide schlossen sich in der Geschichte gegenseitig aus, die eine geschah um den Preis der anderen. Ich wollte zeigen, daß die Abweichung der historischen Praxis von der Theorie mit dem Fehler der Theorie selbst zusammenfällt. Ein Inkonsistenznachweis lässt sich nur in Marx’ ökonomischer Theorie führen, da sie selbst einen Konsistenzanspruch stellt [...] Marx’ Revolutionstheorie ist in seiner Ausbeutungs- beziehungsweise seiner Mehrwerttheorie enthalten. Eine Kritik dieser Theorie könnte, so hoffe ich, auf eine neue Theorie führen, und diese könnte sich sogar auf Marx berufen, wenn sie die Kritik und die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse einschließt. Es wird keine Linke geben, die Marx links liegen lässt.“

Die „Linke“ lässt Marx links liegen

Der Schluss ist sicherlich Dresens letztlich unverwüstlichem Optimismus geschuldet: Er konnte sich einfach nicht vorstellen, wie weit eine sich „Die Linke“ nennende Partei Marx rechts überholen, also links liegen lassen könne. Auch war ihm nicht, ebensowenig wie seinen Kontrahenten, zu DDR-Zeiten aufgegangen, dass die damals weitverbreitete Losung, „die Errungenschaften der wissenschaftlich-technischen Revolution mit den Vorzügen des Sozialismus zu verbinden“, genau besehen, jedenfalls nach meiner damaligen despektierlichen Interpretation, den auch von Dresen klar artikulierten Widerspruch aussprach: Die technische Revolution fand im Westen statt und die soziale im Osten; das eigentliche und bis zum Schluß ungelöste Problem war, sie miteinander zu verbinden. Schließlich finde ich, im Unterschied zu Dresen, gerade die Inkonsistenzen innerhalb der Marxschen Theorie das unerhört Reizvolle, das das Nachdenken und die Diskussion ungemein Stimulierende an ihr.

So heißt es beispielsweise im Kommunistischen Manifest: „Der Leibeigene hat sich zum Mitglied der Kommune in der Leibeigenschaft herangearbeitet, wie der Kleinbürger zum Bourgeois unter dem Joch des feudalistischen Absolutismus. Der moderne Arbeiter dagegen, statt sich mit dem Fortschritt der Industrie zu heben, sinkt immer tiefer unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse herab.“

Die Arbeiter selbst haben in schweren Klassenkämpfen diese Aussage widerlegt und sich zu Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft heraufgearbeitet. Aber das ist nur die eine Seite, die andere eröffnet sich schon zu Beginn der Schrift, wo festgestellt wird, dass Unterdrücker und Unterdrückte in stetem Gegensatz zueinander standen und einen ununterbrochenen Kampf führten, „der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.“ Da die „revolutionäre Umgestaltung“ historisch stets den „gemeinsamen Untergang“ einschloß, warum sollte es heute anders sein? Als Klassen haben weder Sklaven noch Sklavenhalter die Errichtung des Feudalismus überlebt, haben weder Leibeigene noch Feudalherren die Errichtung des Kapitalismus überlebt – warum sollten Bourgeoisie und Proletariat als Klassen die Errichtung des Sozialismus überleben? Sie werden genauso untergehen, anders ist der Aufbau einer klassenlosen Gesellschaft gar nicht möglich.

Welch ein Unterschied

Wie gern hätte ich mit Dresen über diese und andere Grundfragen der Marxschen Revolutionstheorie gestritten. Und vielleicht hätten wir uns sogar geeinigt, wenigstens im Sinne von Niels Bohr, der ja formulierte: „Nur bei den flachen Wahrheiten ist das Gegenteil falsch, bei den tiefen ist auch das Gegenteil wahr“ (übrigens: auch eine tiefe Wahrheit).

Der Band enthält außer dem Manuskript noch eine ganze Anzahl lesenswerter „Ergänzungen“ von Dresen sowie Erinnerungen von Dieckmann und Hamburger, außerdem eine „Einschätzung“ des Manuskripts durch einen Mitarbeiter des MfS, der es scharf ablehnte, aber zu Dresens Glück konstatierte, es stelle keinen Tatbestand im Sinne des Strafgesetzbuches dar; die Ablehnung war natürlich die Voraussetzung dafür, es straffrei stellen zu können – auch solche Mitarbeiter gab es.

Die Einführung des Herausgebers ist meines Erachtens etwas zu lang geraten, enthält aber wichtige Hinweise zur Entstehung und zum Schicksal des Textes. Dresen blieb nach seinem Weggang aus der DDR deren Staatsbürger, und so fragt Dieckmann: „Hätte er seinen Schlüssel-, seinen Entschlüsselungstext damals zutage treten lassen sollen? Die Veröffentlichung im Westen hätte den östlichen Leser nur unter großen Schwierigkeiten erreicht, dem Autor die Heimat aber mit Sicherheit versperrt. Im Westen hätte sie ihn jenen angenähert, die ihm fremd waren, und jenen entfremdet, die überzeugen zu können er lange hoffte; Instrumentalisierung im Außerhalb wäre das unvermeidliche Los der daheim verweigerten Debatte gewesen.“ Welch ein Unterschied zu so vielen andern, die alle Brücken hinter sich abbrachen...

Zwei Non-Konformisten in der DDR und später


Adolf Dresen
ist der Vater des Filmregisseurs Andreas Dresen. Bis zu seiner Übersiedlung 1977 im Gefolge von Wolf Biermanns Ausbürgerung wirkte er als Regisseur am Deutschen Theater in Berlin. Im Westen war Dresen als Schauspieldirektor in Wien und Frankfurt beschäftigt. Es folgte eine Tätigkeit als freier Opernregisseur, unter anderem inszenierte er Wagners Ring der Nibelungen. Zur Bühne war der 1935 in Mecklenburg-Vorpommern geborene Dresen schon früh gekommen. Als Student lernte er am Berliner Ensemble das epische Theater kennen. Bei seiner zweiten Station als Regisseur, in Greifswald, handelte er sich den ersten Ärger ein: Wegen einer Hamlet-Inszenierung wurde er 1962 entlassen. Adolf Dresen starb 2001 in Leipzig.

Thomas Kuczynski wurde 1944 als Sohn des Ökonomen Jürgen Kuczynski im Londoner Exil geboren. In der DDR arbeitete er am Institut für Wirtschaftsgeschichte der Akademie. Kuczynski wurde bekannt, als er die Entschädigungsansprüche für Zwangsarbeit in der NS-Zeit berechnete. 2007 wirkte er an dem Stück Karl Marx Das Kapital der Gruppe Rimini Protokoll mit.

 

Der Einzelne und das Ganze. Zur Kritik der Marxschen Ökonomie Adolf Dresen Hrsg. v. Friedrich Dieckmann, Theater der Zeit 2012, 159 S., 16 €

 

* Vgl. Adolf Dresen: Wieviel Freiheit braucht die Kunst? Reden, Briefe, Verse, Spiele. Hrsg. v. M. Hamburger, m. e. Essay v. F. Dieckmann = Theater der Zeit. Recherchen 3. Berlin 2000)

12:10 01.10.2012

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