Der Gauleiter-Kreis

Zeitgeschichte Die FDP wurde 1953 von ehemaligen Nazi-Chargen unterwandert. Ihr Wortführer war Goebbels Staatssekretär Werner Naumann
Der Gauleiter-Kreis
Werner Naumann (Mitte) nach der Aufhebung des gegen ihn ergangenen Haftbefehls
Foto: AP/DDP-SZ-Photo

Am 15. Januar 1953 schlägt der Geheimdienst ihrer Majestät zu. Auf Befehl des Hohen Kommissars Sir Ivone Kirkpatrick wird Dr. Werner Naumann verhaftet. Warum? Wer ist Werner Naumann? Was hat er getan, und weshalb verhaftet ein britischer Kommissar einen deutschen Staatsbürger?

Der 1909 als Sohn eines Amtsgerichtsrats geborene Naumann hatte schon zu Zeiten der Weimarer Republik in der SA Karriere gemacht. Freilich sollte der Aufstieg 1934 abrupt zu Ende gehen. Wie andere SA-Führer wurde Naumann während des sogenannten Röhm-Putsches am 30. Juni 1934 verhaftet. Obwohl die ihm angelasteten finanziellen und sexuellen – genauer homosexuellen – Verfehlungen nicht bewiesen werden konnten, wurde er aus der SA verstoßen. Naumann nutzte die ihm dadurch verordnete politische Zwangspause, um sein Studium der Volkswirtschaft mit dem Diplom und der Doktorwürde zu beenden. Danach bemühte er sich mit Erfolg um seine Rehabilitierung. 1937 durfte der Geschasste in die SA zurückkehren und avancierte zum Standartenführer sowie Leiter des Propagandaamtes in Schlesien. Dabei wurde Propagandaminister Joseph Goebbels auf den nicht länger Verfemten aufmerksam und holte ihn als persönlichen Referenten ins Ordenspalais am Berliner Wilhelmplatz – weitere Beförderungen sollten folgen.

Von 1940 bis 1944 beteiligte sich Naumann als Offizier der Waffen-SS am Vernichtungskrieg im Osten. Mehrfach verwundet und zum Brigadeführer befördert, kam er schließlich ins Propagandaministerium zurück, wurde zunächst Staatssekretär und 1945 fast noch Minister. Hitler hatte Naumann in seinem politischen, im Bunker der Reichskanzlei verfassten Testament zum künftigen Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda bestimmt, weil ihm Goebbels als Reichskanzler nachfolgen sollte. Diesen Aufstieg konnte der damals erst 35 Jahre alte Naumann nicht mehr auskosten – der Krieg war verloren. Naumann tauchte unter und lebte unter falschem Namen erst in der sowjetischen, dann in der französischen Besatzungszone. Hier machte er eine Lehre als Maurer, die er erfolgreich abschloss. 1950 trat der Geselle und Ex-Staatssekretär eine Stelle in der Firma eines gewissen Herbert Lucht an, einem ehemaligen Mitarbeiter des Propagandaministeriums. Diese Tätigkeit schien ihn nicht ganz auszufüllen, begann er doch sofort damit, die niemals ganz abgerissenen Kontakte zu führenden Nazis von einst zu intensivieren und um sich herum ein Netzwerk aus Vertrauten zu knüpfen.

Dieses Beziehungsgeflecht wurde nach dem Wohnsitz seines Initiators in der Regel als „Düsseldorfer Kreis“ bezeichnet. Mancher bevorzugte auch den Code „Gauleiter Kreis“, was durchaus passend klang, da sich verschiedene seiner Mitglieder bis 1945 Gauleiter nennen durften. Andere waren sogar mehr als das, hatten sie doch einflussreiche Ämter im Partei- und Staatsapparat des nationalsozialistischen Unrechtsstaates bekleidet. Dafür hätten sie eigentlich vor Gericht stehen müssen, doch nichts dergleichen geschah. Alle fanden sich inzwischen „entnazifiziert“ und für den Verlust ihrer alten mit neuen Posten in Politik und Wirtschaft des aufstrebenden demokratischen Staates entschädigt. Das war nicht gut, aber keineswegs einzigartig. Ein Teil der alten Eliten setzte sich fest im neuen Staat. Am Aufbau der Bonner Demokratie waren eben nicht nur Demokraten, sondern auch alte Nazis und Antidemokraten beteiligt, und der angebliche Extremismus von links wurde viel wichtiger genommen als der von rechts.

Werner Naumann und seine Ex-Nazis lehnten die neue Demokratie entschieden ab und wollten sie wieder durch die alte nationalsozialistische Diktatur ersetzen, jedoch nicht von unten – etwa durch den Aufbau einer neuen faschistischen Partei –, sondern von oben durch die Unterwanderung des Partei- und Staatsapparates der Bonner Republik. Bei einer Partei wäre Naumann und seinem Kreis dies fast gelungen. Die Rede ist von den Freien Demokraten. Ihr nordrhein-westfälischer Landesverband war von Naumann-Sympathisanten durchsetzt.

Der Bestand der zweiten deutschen Demokratie schien durch derartige Subversion ernsthaft gefährdet. Drohte ihr das Schicksal der ersten – der von Weimar? Diese Gefahr konnte den westdeutschen Politikern und Verfassungsschützern Anfang der fünfziger Jahre kaum verborgen geblieben sein. Dennoch griff niemand ein, um auszuschließen, dass aus Bonn Weimar wurde. Eine etwaige „Machtergreifung“ Naumanns wurde nicht von deutschen Demokraten, sondern vom britischen Hochkommissar Sir Ivone Kirkpatrick verhindert.

Dies geschah dank der Vorbehaltsrechte, über welche die West-Alliierten aufgrund des Besatzungsstatuts noch bis 1955 verfügten. Damit wurde Naumanns Festnahme gerechtfertigt. Allerdings reichten diese Rechte nicht aus, um dem Verhafteten den Prozess vor einem alliierten Gericht zu machen. Stattdessen befasste sich der Bundesgerichtshof mit dem Fall und ließ Naumann laufen. Der zweite Ferienstrafsenat (sic!) des obersten westdeutschen Gerichts stellte schon im Sommer 1953 das Verfahren ein.

Naumann triumphierte und fühlte sich in seinem Kampf gegen die verhasste Bonner Demokratie bestätigt. Er wollte immer noch Führer werden, jetzt mit Hilfe der Deutschen Reichspartei, die ihn zu ihrem Spitzenkandidaten bei der Wahl zum zweiten Bundestag machte. Das aber ging völlig daneben. Die DRP scheiterte an der Fünf-Prozent-Klausel und erhielt beim Parlamentsvotum von 1953 nur knapp ein Prozent der abgegebenen Stimmen. Naumann zog sich daraufhin aus der Politik zurück und wurde Wirtschaftsführer.

Bei einigen seiner Gefolgsleute war dies anders. Sie setzten ihre schon im sogenannten Dritten Reich begonnene politische Karriere fort, mancher weiterhin in den Reihen der FDP. Zu ihnen gehörte Ernst Achenbach, der die Deportation der französischen Juden organisiert hatte und nach dem Krieg Verteidiger im Prozess gegen den I.G. Farben-Konzern und Mitglied des Naumann-Kreises war. Achenbach wurde 1971 stellvertretender Vorsitzender der FDP-Fraktion im Bundestag und Vorsitzender des Ausschusses für die Beziehungen zu den afrikanischen Ländern. 1970 wäre er beinahe zum Kommissar der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) berufen worden. Daraus wurde nichts, weil man sich an Achenbachs verbrecherische Tätigkeit für Hitler erinnerte – die Sympathien für Naumann und seinen Kreis waren freilich vergessen.

Für dieses Vergessen sorgten die FDP und ihr nahestehende Historiker. Sie wiesen die Angriffe und Anschuldigungen zurück, die in einigen Studien zu finden waren, wie sie unmittelbar nach der Naumann-Affäre erschienen. Die FDP-Taktik hatte Erfolg, waren die kritischen Studien doch von ausländischen und marxistischen Historikern wie Alistair Horne, Kurt P. Tauber und Reinhard Opitz verfasst worden. Und Marxisten glaubte man in der Bonner Republik nun einmal nicht.

Die „Naumann-Affäre“ wird bis heute – auch durch die neuesten Studien von Historikern wie Norbert Frei, Ulrich Herbert und vor allem von Manfred Kittel – verharmlost. Sie soll nur eine Episode gewesen sein. Doch das stimmt nicht. Es ging keineswegs nur um die „Rehabilitierung des Nationalsozialismus“ (Ulrich Herbert), es ging um den Versuch einen neuen Faschismus von oben und aus der Mitte der Gesellschaft zu etablieren. Das aber wurde und wird geleugnet. Zu diesem Zweck verschafft sich eine neue und spezifische „Vergangenheitspolitik“ (Norbert Frei) Gehör. Ihre Erforschung steht aber noch an. Die „unbewältigte Vergangenheit“ der Bundesrepublik muss auch in dieser Hinsicht aufgearbeitet werden.

15:00 24.06.2012

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