Der gefährliche Pazifismus

Wehrhaft ist der Mann Die Debatte um Krieg und Frieden ist immer auch eine um die Geschlechterordnung

Was ist eigentlich so gefährlich am Pazifismus, dass man ihn und seine Protagonistinnen und Protagonisten diskriminieren muss? Entsprechen vielleicht »Bequemlichkeit« und »Verweichlichung«, unserer »menschlichen Natur« viel mehr als »Kriegslust« und »Wehrhaftigkeit«, wie es die Bellizisten gerne glauben machen wollen? Und entspricht der Wunsch nach umfassender Gewaltfreiheit womöglich uns allen viel mehr, egal aus welchen politischen Lagern wir stammen, egal ob wir Mann oder Frau sind, nur dürfen wir es nicht zugeben?

Wird eine Geisteshaltung diskriminiert, so hat das zur Folge, dass eine Identifikation damit erschwert wird. Diese Art der sozialen Kontrolle wirkt bis heute hervorragend. Gerade die Irak-Debatte hat gezeigt, wie gefährlich es für Politiker ist, in die Nähe einer pazifistischen Grundhaltung gerückt zu werden. Von dort aus ist es nicht weit zum Vorwurf der »Naivität«, »der mangelnden Stärke«, ja sogar der »Ängstlichkeit«.

Woher kommt dieser Haltung, dass sich alle so sehr um einen angeblich »rationalen« Diskurs bemühen, anstatt davon zu sprechen, was Krieg vor allem auslöst, große Ängste, die sich bei allen am Krieg beteiligten, zu lebenslangen Traumata, zu unheilbarer seelischer und körperlicher Krankheit steigern können.

Der moderne Pazifismus hat in Deutschland keine starke Tradition. Doch in seinen Anfängen finden sich viele Argumentationsstränge wieder, die noch heute, wenn auch mit anderen Worten, zu hören sind. 1892 wurde in Berlin die Deutsche Friedensgesellschaft gegründet (DFG), fast achtzig Jahre nach den ersten Friedensgesellschaften, die interessanterweise in den USA entstanden (1814 Massachusetts und 1815 New York). Der Antikriegsroman der österreichischen Pazifistin Bertha von Suttner mit dem apologetischen Titel Die Waffen nieder! hatte dem Pazifismus im Wilhelminischen Kaiserreich mit zum Durchbruch verholfen. Gemessen an den Mitgliederzahlen nationalistisch-militärischer Verbände war die Zahl der Pazifisten und erst recht der Pazifistinnen jedoch gering. Die DFG wurde als »utopisch« und »unpatriotisch« diffamiert und musste sich den Vorwurf der »Unmännlichkeit« gefallen lassen.

Die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts tat sich ebenfalls schwer mit der »bürgerlichen Friedenstümelei«. Denn die Arbeiter sollten doch für den Kampf gegen den Kapitalismus gestählt werden. Auch sympathisierten männliche Arbeiterführer durchaus offen mit dem Militärischen als solchem. Kein Wunder also, dass im Erfurter Programm der SPD 1891 die »Erziehung zur Wehrhaftigkeit« anvisiert wurde. Selbstredend waren damit nur die Männer gemeint. Die Proletarierinnen sollten ihre Wehrhaftigkeit zwar nicht mit der Waffe, wohl aber im Kampfgeist gegen den Kapitalismus unter Beweis stellen. Auch waren weder die proletarische noch die bürgerliche Frauenbewegung eine Friedensbewegung. Erst während des Ersten Weltkrieges wurde der »Internationale Frauenausschuss für den dauernden Frieden« gegründet, ohne die Proletarierinnen. Er nannte sich 1919 um in »Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit«.

Der Pazifismus und die Friedenspolitik hatten es also von Anfang an schwer, Befürworter und auch Befürworterinnen zu finden. Über ihnen schwebte nicht nur das Verdikt der Lächerlichkeit, sondern schlimmer noch der Vorwurf des Vaterlandsverrates. Schon wer internationalistisch argumentierte, geriet in Verdacht, die eigene Nation schwächen zu wollen.

Nicht nur Männer, sondern auch Frauen taten sich daher hervor durch strammen Nationalismus: Zum Beispiel die Münchner Schriftstellerin Hermine Diemer. Sie schrieb 1899 ein markiges Pamphlet gegen die erste weltweite Frauenfriedensdemonstration. Die Frauen, so Diemer ganz im Ton der Zeit, sollten überhaupt besser die Politik den Männern ganz überlassen: »Der Krieg ist das Naturgemäße, nicht der Friede, selbst der blutige Krieg ist die notwendige Folge des Selbsterhaltungstriebes der Völker. Ohne Kampf keine Entwicklung. Ewiger Friede, im strengsten Sinne des Wortes, bedeutet ewigen Stillstand.« Mit dieser Meinung stand sie nicht allein, ganz im Gegenteil wurde sie in weiten Kreisen der Aristokratie, des Bürgertums und sogar bei Sozialdemokraten öffentlich vertreten.

Anlässlich des Internationalen Frauenkongresses 1904 in Berlin polterte ein Journalist: »Behüte uns Gott vor den Mannweibern und den verdrehten Schrullen, wie sie dieser internationale Kongress leider allzu zahlreich beisammen zeigte.« Und weiter: »Mehr als je braucht unser Zeitalter waffen- und denkfähige Männer, zarte, sinnige und milde Frauen.«

Der Pazifismus war somit eine Ideologie, von der nicht nur Gefahr für die Stärke der Nation ausging, sondern vielleicht schlimmer noch Gefahr für die »natürliche« Geschlechterordnung, die auf »wehrhaften Männern« und »zarten«, also wehrlosen Frauen gründete. Das wirksamste Mittel war, alles verächtlich zu machen, was gegen diese Ordnung verstieß.

Selbst Pazifisten wie der Schriftsteller Carl von Ossietzky, ein führendes Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft, gingen zu den eigenen Mitstreiterinnen auf Distanz. Die Vorstellungen der Frauen qualifizierte er als »moralischen Pazifismus« ab, während er seine eigenen Anschauungen mit dem Begriff des »politischen Pazifismus« aufwertete, eine Einordnung, die von vielen übernommen wurde. Bertha von Suttner unterstellte Carl von Ossietzky gar, sie sei dafür verantwortlich, dass sich nicht nur um sie selbst, sondern auch um die deutsche Friedensbewegung ein »sanftes Aroma von Lächerlichkeit« entsponnen habe und »ärger noch des Unmännlichen«. Wenn schon Pazifist, dann nur aus rationalen Gründen. Nur ja kein Gefühl zeigen, lautete die Devise.

Die Angst der Männer, als gefühlvoll, weich und damit als unmännlich zu gelten, saß so tief, dass sie von den Kriegsbefürwortern hervorragend als Kampfmittel eingesetzt werden konnte.

Doch auch die Pazifistinnen hatten Angst davor, als emotional bezeichnet zu werden, knüpfte sich daran doch häufig der Vorwurf der Unsachlichkeit. Ähnlich wie die meisten Pazifistinnen argumentierten sie entlang der Frage nach der Rechtmäßigkeit von Gewalt. Das Recht des Stärkeren sollte durch die Herrschaft des Rechts ersetzt werden. Frauen wie Margarethe Lenore Selenka, die 1899 die erste weltweite Frauenfriedenskundgebung organisiert hatte, beharrte darauf, Frauen hätten das »altverbriefte Recht auf Barmherzigkeit«. Sie seien nicht von Natur aus friedfertiger, hätten aber, anders als Männer, das »Recht« weich zu sein und Mitgefühl zu zeigen. Und dieses Recht sollten sie in der Politik um Krieg und Frieden aktiv einsetzen.

Der radikal-feministische Diskurs, wie ihn Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg initiierten, wurde nur von wenigen Pazifistinnen übernommen. Augspurg und Heymann setzten dem »männlichen Prinzip«, das vom Grundsatz der Gewalt durchdrungen sei, das »weibliche Prinzip« gegenüber. Nur dieses könne die völlige Zerstörung der Menschheit verhindern. »Denn weibliches Wesen, weiblicher Instinkt sind identisch mit Pazifismus.«

Welche Schlussfolgerungen können wir für die aktuelle Debatte daraus ziehen? Ohne die Mitwirkung der Frauen würde es keine Kriege geben, schrieb Sibylle Tönnies in der letzten Emma. Sie seien »Komplizinnen durch ihre Opferwilligkeit«. Stimmt, aber noch mehr die Männer. Sie opfern sich zahlenmäßig weit häufiger als die Frauen. Was bedeutet das für den Pazifismus? Müssen seine »weichen«, unmännlichen Seiten anerkannt werden, auch wenn es als lächerlich gilt, Gefühl und Mitgefühl zu zeigen?

Eine Debatte um Krieg und Frieden wird immer auch eine Debatte um Männlichkeit und Weiblichkeit und um die Geschlechterordnung sein. Heute dürfen sich auch Frauen mit der Waffen in der Hand aktiv im Kampf für das Vaterland opfern. Und die Linien zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit verlaufen anderes, wenn eine CDU-Vorsitzende Angela Merkel als Kriegsbefürworterin auftritt und ein Bundeskanzler Gerhard Schröder als Kriegsgegner.

Die alten Männer schicken die jungen Männer in den Krieg, um selbst länger am Leben zu bleiben, schrieb Sibylle Tönnies. Werden es irgendwann die alten Frauen sein, die die Jungen in den Krieg schicken um länger am Leben zu bleiben?

Ute Kätzel ist Historikerin und Journalistin und Mitinitiatorin des Interdisziplinären Colloquiums »PazifistInnen/Pazifismus - Friedensforschung als Geschlechterforschung«, das am 9. und 10. Mai von der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin veranstaltet wird. Tagungsinformationen unter www.glow-boell.de, Anmeldung über feministisches-institut@boell.de.

00:00 02.05.2003

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