Der große Vorsitzende

Porträt Clemens Tönnies ist Fleischproduzent, Schalke-Boss, Putin-Freund und jetzt auch noch Klima-Experte
Der große Vorsitzende
Er hat es durch Ausbeutung unter die 100 reichsten Deutschen geschafft, nun wollte er Afrika das Licht bringen: Tönnies agiert wie ein Kolonialherr

Foto: Imago Images/Pakusch

Schalke-Fan zu sein, das ist nicht immer leicht. Der Club hat in den letzten Jahren Dutzende Trainer verschlissen, und was woanders Spielidee oder sportliches Konzept genannt wird, ist nicht vorhanden. Wenn Schalke – wie in der vorletzten Saison – Vizemeister wird, dann hat das mehr mit Glück und der Schwäche der Gegner als mit eigenem Können zu tun. Aber eins, das konnte uns Schalkern keiner nehmen. Wir hatten das Problem mit Rassismus einigermaßen erfolgreich aus dem Stadion verbannt. Seit den frühen 1990er Jahren hatten sich Fans, teilweise auch handfest, mit Nazis auseinandergesetzt. Wer die Nordkurve in Nazi-Kleidung zu betreten versuchte, der bekam, wenn nicht schon der Ordnungsdienst ihn aufgehalten hatte, auch mal ein blaues Auge ab. Wenn der ungeliebte Nachbar aus Dortmund mal wieder sportlich vorn lag, konnte man als Schalker immer noch sagen: „Immerhin haben wir kein Nazi-Problem!“

Das ist jetzt anders. Nun ist Clemens Tönnies kein Nazi, aber ein handfester Rassist ist der Aufsichtsratsvorsitzende des Gelsenkirchener Vereins durchaus. Beim Tag des Handwerks in Paderborn hatte er in einer Rede gesagt, man müsse in Afrika Kraftwerke bauen, denn „dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren“. Eine Aussage, die so auch von einem kolonialen Feldherrn am Anfang des 20. Jahrhunderts hätte stammen können. Soll der weiße Mann dem triebgesteuerten Schwarzen doch das Licht bringen, um ihn unter Kontrolle zu bringen.

War abzusehen, dass sich Tönnies so äußert? Der ehemalige Schalke-Star und jetzige Teammanager der U23-Mannschaft Gerald Asamoah schrieb auf Instagram, er arbeite schon lange mit Clemens Tönnies zusammen, „und wir sind auch schon lange eng befreundet. Mir gegenüber hat er sich nie rassistisch verhalten.“ Trotzdem kritisiert Asamoah die Äußerungen scharf, schreibt von einer Beleidigung gegen sich und „alle anderen Betroffenen“. Tönnies hat sich bei ihm zwar entschuldigt, Asamoah will sich aber noch einmal mit ihm zusammensetzen: „Das können wir nicht dulden.“ Für einen Angestellten von Schalke hat sich Asamoah weit aus dem Fenster gelehnt, andere Verantwortliche distanzierten sich mit deutlich milderen Worten von Tönnies. Das hat Gründe, denn ohne den Mann aus Ostwestfalen läuft nicht viel auf Schalke.

Tönnies ist ein Mann der großen Erzählungen – einer der letzten in der Fußballbundesliga. Felix Magath, der auf Schalke als Trainer und Manager tätig war, wurde von Tönnies für den Verein „emotional aufgeladen“, tat er in einem Interview kund. Noch heute ein Running Gag unter Fans: Messi, Neymar, Ronaldo müssten von Tönnies nur „aufgeladen“ werden, schon kämen sie ins Ruhrgebiet. Auch seinen Einstieg auf Schalke verbindet Tönnies mit einer großen und tragischen Erzählung. Seinem 1994 jung verstorbenen Bruder habe er quasi auf dem Sterbebett versprochen, sich um Schalke zu „kümmern“. Gern habe er diese Aufgabe nicht übernommen. Er sei kein Mann für die erste Reihe und habe sich auf seine Fleischfabriken konzentrieren wollen. Aber das Versprechen gegenüber dem Bruder sei wichtiger gewesen. Eines Tages wolle er ihm die Meisterschale aufs Grab legen.

Für dieses Ziel arbeitet Tönnies seit fast 20 Jahren im Schalker Aufsichtsrat. 2006 sorgte er dafür, dass der langjährige Manager Rudi Assauer zurücktrat. Wie lukrativ Tönnies’ neue Macht auf Schalke war und worauf sie sich stützt, erlebten die Fans kurze Zeit später. Als neuer Hauptsponsor wurde der russische Konzern „Gazprom“ präsentiert, der Schalke, wie Tönnies damals stolz erklärte, „in eine neue Dimension“ vorstoßen ließ. Der Schriftzug auf dem Trikot wurde fast so teuer verkauft wie beim Bundesliga-Primus Bayern München. Seitdem rühmt sich Tönnies seiner Freundschaft mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, der von ihm immer Eisbein mitgebracht bekomme und auf seine wirtschaftspolitischen Ratschläge höre.

Tönnies’ Freundschaft mit dem russischen Präsidenten dürfte allerdings nicht nur mit Schalke zusammenhängen, sondern mit seiner eigentlichen Hauptbeschäftigung. Tönnies ist Europas größter Vermarkter von Schweinefleisch. Geschäfte in Russland sind für ihn attraktiv. Über 22 Millionen Schweine jährlich schlachtet der Konzern; doch auch hier gibt es Ärger. Sein Neffe, Robert Tönnies, will den Verkauf des Familienunternehmens erzwingen – Hintergrund sind unter anderem Streitigkeiten über Gesellschaftsanteile, Tierwohl und Arbeitsverträge. Beschäftigte, davon viele Arbeitsmigranten aus Rumänien, sind mit Werkverträgen bei Subunternehmern angestellt und leiden unter jämmerlichen Bedingungen wie Lohndumping und mieser Unterbringung. Tönnies hingegen hat es mit einem von Forbes geschätzten Vermögen von 1,4 Milliarden Euro unter die 100 reichsten Deutschen geschafft. Für den Erhalt seines Reichtums ist er auch für kreative Problemlösungen aufgeschlossen. Als 2016 Kartellstrafen in Höhe von 128 Millionen Euro gegen zwei Tochterunternehmen verhängt wurden, wurden diese rechtzeitig aufgelöst, um die Strafzahlung zu umgehen. Die entsprechende Gesetzeslücke wurde erst später geschlossen.

Dass Tönnies auch den Bundesligaclub nach eigenem Gusto führt, bewies er am Dienstag: Der Schalker Ehrenrat sollte über Konsequenzen zu seinen Äußerungen entscheiden. Die erlegte sich Tönnies dann selbst auf: eine dreimonatige Pause als Aufsichtsratsvorsitzender. Ein Bekenntnis zum antirassistischen Leitbild des Clubs sieht anders aus.

Sebastian Weiermann ist als freier Autor in Nordrhein-Westfalen tätig

12:00 07.08.2019
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