LGBTQ-Community und Mafia: Fat Tony regelt das

TikTok Auf dem Videoportal bezeichnet sich die LGBTQ-Community selbst als „Alphabet Mafia“. Tatsächlich gab es in den 1960er-Jahren Verbindungen zwischen queerer Szene und Mafia. Warum der Begriff trotzdem eine Verharmlosung ist
Disco in Manhattan, 1979: Sie tanzen, das organisierte Verbrechen kassiert mit
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Foto: Jill Freedman/Getty Images

Während die Welt mit der Corona-Pandemie beschäftigt war, entwickelte sich im Jahr 2020 auf dem Videoportal Tiktok ein bizarrer Trend: Viele aus der LGBTQ-Community bezeichneten sich dort als Mitglieder der „Alphabet Mafia“. Im Durchschnitt erhält ein einziges Video mit dem Hashtag #alphabetmafia 400.000 Likes. Und eines der beliebtesten Videos hat sieben Millionen Herzen. Mittlerweile ist sogar eine Marke namens „The Alphabet Mafia“ entstanden, die durch den Verkauf von Produkten (Kleidung und Accessoires) und mit eigenem Logo politisch aktiv ist – in allen sozialen Netzwerken und auf Spotify.

Dabei wurde der Begriff ursprünglich von homo- und transfeindlichen Menschen benutzt: „Alphabet Mafia“, das sollte sich über die vielen Buchstaben in „LGBTQ“ lustig machen und andeuten, dass es sich dabei um einen illegalen Geheimbund handelt. Allmählich adoptierte die queere Community den Ausdruck. Die nichtbinäre Demi Lovato haute 2021 in ihrem Coming-out-Podcast Joe Rogan Experience raus: „I’m part of the Alphabet Mafia and proud!“

In den meisten Fällen handelt es sich bei den mit #alphabetmafia gekennzeichneten Beträgen um sogenannte Point-of-View-Videos (POVs): einer beliebten Strategie auf Tiktok, um Zuschauern die eigenen Erfahrungen mithilfe erfundener Figuren näherzubringen. Der User @notstraightkait (330.000 Follower) zum Beispiel spielt zwei Charaktere gleichzeitig in einem POV-Video: ein junges neues Mitglied in der LGBTQ-Community und ein „älteres“ Mitglied. Der Ältere setzt sich an einen Tisch und heißt den Jüngeren mit italienischem Paten-Akzent „formell“ in der Alphabet-Mafia-Community willkommen. Der zweifelnde junge Mann fragt, ob denn mit „Alphabet-Mafia“ die LGBTQ-Gemeinschaft gemeint sei? Darauf der Ältere: „Klar, so nennen wir uns heute.“ Als der Neuankömmling fragt, ob es dieser Mafia erlaubt sei, Gewalt gegen „Homophobe“ anzuwenden, antwortet das Paten-Double: „Natürlich! Wir blenden sie mit dem Licht von tausend Regenbögen.“

In den sozialen Netzwerken kursiert noch eine andere Vermutung über den Ursprung des Begriffs „Alphabet Mafia“: Der Wortfilter von TiktokzensiertWörter aus der LGBTQ-Community wie „schwul“, „homosexuell“ oder „queer“. Der Algorithmus neigt dazu, diese Begriffe auf eine „Schwarze Liste“ zu setzen – natürlich auch das Akronym selbst. Deshalb findet man auf dem Videoportal nicht selten falsch geschriebene Ausdrücke wie „le$bean“ statt „lesbian“ oder „tran$“ anstelle von „trans“. Kam da die Selbstbezeichnung als „Alphabet Mafia“ gelegen, um den Algorithmus zu täuschen?

Die „Agenda Gay“

Fest steht: Verbindungen zwischen queerer Gemeinschaft und Mafia sind kein neuer Trend. In den 1970er Jahren war von der „Velvet Mafia“ die Rede, ein Begriff, den der amerikanische Schriftsteller Stephen Gaines zum ersten Mal für das schwule Publikum im Manhattaner „Studio 54“ verwendet hatte. Zu dieser „Mafia“ gehörten Promis wie Calvin Klein, Truman Capote, Halston, Andy Warhol und Jann Wenner. Und in den 1980er und 90er Jahren warnten die Medien vor einer „agenda gay“, also einer fiktiven Verschwörung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transsexuellen gegen die traditionelle Werteordnung. Diese „Verschwörer“ wurden ebenfalls als „Velvet Mafia“ bezeichnet.

Bereits in den 80er Jahren gab es in New York City eine gleichnamige Band, deren Frontmann Dean Johnson eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der schwulen Rock’n’Roll/Queercore-Subkultur in Lower Manhattan spielte. Nach und nach wurde „Velvet“ durch „Gay“ ersetzt, bis dieser Begriff nach einem Vanity-Fair-Interview mit Michael Ovitz im Jahr 2002 berühmt wurde: Der damals mächtigste Agent in Hollywood beschuldigte die Mittelsmänner der Branche, die sogenannte „Gay Mafia“, sich gegen ihn verschworen zu haben. Heute ist die „Gay Mafia“ ein fester Bestandteil der amerikanischen und britischen Filmkultur und es gibt zahlreiche Beispiele von Fernsehserien, in denen sie erwähnt wird – von Will&Grace bis zu den Simpsons. Der Schauspieler Robin Williams nahm bei seinem Auftritt „Special Live on Broadway“ im Jahr 2002 Bezug auf die „Gay Mafia“. Und das neueste Buch des britischen Autors Darryl W. Bullock, welches im März 2021 veröffentlicht wurde, trägt den Titel: The Velvet Mafia: The Gay Men Who Ran the Swinging Sixties. Es würdigt den enormen Beitrag schwuler Persönlichkeiten zur Musikindustrie der 1960er Jahre.

Tatsächlich kam es bereits damals zu einer Zusammenarbeit zwischen der New Yorker LGBTQ-Community und italienischer Mafia, von der beide Seiten profitierten. Die Mafia hatte seit der Prohibition einen Großteil des – meist illegalen – Nachtclubgeschäfts in New York kontrolliert. Die Genovese-Familie, eine der sogenannten „fünf Familien“ der New Yorker Mafia, beherrschte die Barszene in der West Side von Manhattan. Dort blühte die LGBTQ-Community zwar auf, aber ihre Mitglieder hatten nur wenige öffentliche Orte, an denen sie sich versammeln konnten: Unter dem Vorwand von Gesetzen, die Bars verboten, welche gegen „die guten Sitten“ verstießen, führten die staatliche Alkoholbehörde und das New York Police Department (NYPD) regelmäßig Razzien in Schwulenbars durch. Für die Mafia war das ein goldenes Geschäft: Tony Lauria alias „Fat Tony“ kaufte 1966 das Stonewall Inn und verwandelte es in einen Schwulen-Nachtclub. Durch die Zahlung einer wöchentlichen Gebühr an das NYPD sorgte er dafür, dass dort so gut wie keine Kontrollen stattfanden.

Auch Cops füttern die Mafia

Bald jedoch gingen die Interessen der Mafia und jene der LGBTQ-Gemeinschaft auseinander, da sich das Geschäft der Clans auf schwule Prostitution verlagerte, bei der die Türsteher der Nachtclubs als „Zuhälter“ fungierten. In späteren Jahren versuchte das NYPD in dieser Sache Ermittlungen anzustellen, die jedoch bald wieder eingestellt wurden, da viele hochrangige Personen (darunter Mitglieder der Mafia, Polizeibeamt*innen und Hollywood-Größen) selbst Kund*innen dieser sexuellen Dienstleistungen waren. Während der Unruhen von 1969, als homosexuelle und trans Menschen mit der New Yorker Polizei aneinandergerieten, stand auf einem Schriftzug im Fenster des Stonewall Inn: „Gay Prohibition Corupt$ Cop$ Feed$ Mafia“. Übersetzt: Schwule Prohibition korrumpiert Polizisten und füttert die Mafia.

Die italienischen Gangs sind seit jeher homophober als ihre amerikanischen Counterparts. In einem Interview mit Arcigay aus dem Jahr 2016 erklärt der Autor Roberto Saviano: „In den 1980er Jahren konnte man der Cosa Nostra nicht beitreten, wenn man homosexuell war oder homosexuelle Verwandte hatte. Die moralische Strenge dieser Organisationen ist enorm, denn sie haben Angst vor allem, was Ausdruck von Freiheit ist.“

In den vergangenen Jahrzehnten scheint sich jedoch etwas geändert zu haben. Wie aus den Verhörprotokollen des italienischen Staatsanwalts Nicola Gratteri, die dem Kriminologen Antonio Nicaso vorliegen, hervorgeht, scheinen mehrere Mitglieder der kalabrischen Mafiaorganisation „Ndrangheta“ homosexuell zu sein. Enzo Macrì, Generalstaatsanwalt von Ancona und ehemaliger nationaler Anti-Mafia-Staatsanwalt, formuliert es wie folgt: „Es ist nicht so, dass ein Boss ganz offen ein Coming-out haben kann. Homosexualität ist in der Mafia immer noch ein Tabu, aber ein Boss kann sich dennoch erlauben, homosexuell zu sein, ohne Angst zu haben, getötet zu werden. Kleinere Mafiosi müssen sich verstecken, sonst werden sie vertrieben, auch gewaltsam. Aber wenn einer Boss ist, dann kann er sich das leisten. Niemand wagt es, ihn anzufassen. Das ist wirklich eine Veränderung: Man kann schwul und ein Mafioso sein.“ Die Camorra ist die am wenigsten homofeindliche unter den verschiedenen Organisationen. „Man kann sagen, dass die städtische Camorra die sexuell ‚offenste‘ ist und in diesem Sinne einem gewissen neapolitanischen Geist folgt, der schon immer tolerant gegenüber Minderheiten war“, erklärt Raffaele Cantone, ehemaliger Staatsanwalt von Neapel und Richter am Kassationsgerichtshof.

Die Mafia ist kein Film

Das Hauptelement, welches die Mafia mit der LGBTQ-Community verbindet, ist der Begriff der „Familie“. Doch die Tatsache, dass es bei der queeren Gemeinschaft kein Verständnis dafür gibt, was Mafia bedeutet, ist das Ergebnis der populären Film- und Literaturkultur, die dazu beigetragen hat, sie zu romantisieren. Die Mafia, von der gesprochen wird, ist „cool“ und „legendär“, fast eine Quelle der Bewunderung. Aber die Mafia ist kein Film: Die Ndrangheta macht mit Kokainhandel und illegaler Giftmüllentsorgung einen geschätzten Umsatz von 50 Milliarden Euro pro Jahr. Einem Bandenkrieg der Camorra fielen zwischen 2004 und 2005 fast 200 Menschen zum Opfer.

Obwohl einige Mitglieder der LGBTQ-Community gegen die Selbstbezeichnung als „Alphabet Mafia“ rebelliert haben, sind die wenigen kritischen Stimmen im Internet noch immer in der Minderheit. Deshalb ist es notwendig, dafür zu sensibilisieren, wie widersprüchlich die Verwendung des Begriffs „Mafia“ durch diese Community ist. Schließlich ist die Mafia eine verbrecherische Organisation, die – trotz verwandtschaftlicher Bünde – nichts mit einer großen, netten Familie gemein hat.

Giorgia Cacciatori lebt in Italien und engagiert sich bei der Berliner NGO mafianeindanke

Übersetzung: Helena Raspe

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