Der Herr der Tränen

Berliner Abende Ich trete die Flucht nach vorn an. Nach ein paar Tagen auf der Berlinale halte ich es kaum mehr aus, im Kino neben, zwischen oder vor anderen ...

Ich trete die Flucht nach vorn an. Nach ein paar Tagen auf der Berlinale halte ich es kaum mehr aus, im Kino neben, zwischen oder vor anderen Menschen zu sitzen. Menschen, die mit regungslosem Kopf über zwei Stunden hinweg die Untertitel des japanischen Films für mich in zwei unleserliche Hälften teilen. Menschen, die bemüht leise die Dialoge für die des Französischen nicht mächtige Sitznachbarin ins Russische übersetzen. Die sich im Dunkeln die Schuhe ausziehen. Schlecht riechen, weil sie seit Tagen im Hotel wohnen und offenbar mit zu leichtem Gepäck reisen. Oder morgens verschlafen und dann fürs Duschen keine Zeit mehr haben, weil der erste Wettbewerbsfilm schon um neun Uhr anfängt. Die während des Films in ihren Taschen kramen und irgendwas zu essen anfangen. Immer sehr rücksichtsvoll langsam und darauf achtend, dass sie nicht zu viel Lärm machen. Doch wenn auf der Leinwand gerade jemand bedeutungsvoll dem Ende der eigenen Existenz ins Auge blickt (und es wird viel gestorben auf dieser Berlinale), gibt es nichts Nervtötenderes als das minutenlange Genestel des Sitznachbarn, der versucht, währenddessen unbemerkt eine Tüte Gummibärchen zu öffnen. Für böse Blicke ist es leider zu dunkel. Und mit zurechtweisendem Gezischel stört man wiederum die anderen. Die dann ihrerseits auf einen einzischeln. So wogen in regelmäßigen Abständen ganze Zischelwellen durch den Kinosaal.

Die Flucht in die erste Reihe wird auch mein Tränenproblem lösen. Denn wo viel gestorben wird, muss auch viel geweint werden. Wie sich das Nervenkostüm überhaupt durch die vielen Filme ganz schön aufweicht. Da ist dann morgens um zehn schon das Make-up für den ganzen Tag versaut. Was tun, wenn das Licht angeht und man sein verweintes Gesicht gleich in die Menge halten soll, in der sich womöglich Bekannte befinden? Von der ersten Reihe aus lässt es sich leichter noch im Dunkeln, sobald die ersten Titel anfangen, fliehen - hin zu einem sicheren Ort, an dem man sich erst mal selbst prüfend ins Gesicht schauen kann.

Den schnellen Fluchtweg suchen auf der Berlinale viele. Wenn man nicht unter den Ersten ist, die den Kinosaal betreten, finden sich alle Randplätze belegt. Wer sich derart strategisch günstig positioniert, hat in der Regel noch viel vor: Am Ende des Films geht es im Laufschritt raus und ins Pressezentrum zum Ticketcounter. Im Vorbeirennen greift man sich das Formular für den nächsten Tag und kreuzt meist noch im Gehen die gewünschten Filme an. Der sture Blick aufs Papier sorgt dafür, dass man nicht von grüßenden Bekannten vom rechten Weg abgebracht wird. Schon zwei Sätze Konversation- »Welchen Film hast du gerade gesehen?«. »Der Titel fällt mir nicht mehr ein!« - können in der Schlange vor dem Counter zu erheblichen Verlusten in der Platzierung führen. Die Menschen, von denen man wirklich etwas will, muss man deshalb zur Begrüßung vorsichtig am Arm fassen und gleichzeitig sanft ihren Namen rufen. Erst dann schauen sie auf und sind nach kurzem Hin und Herzoomen soweit, dass sie ihr Gegenüber erkennen. »Ach du bist´s, was schaust du dir jetzt an?«. »Den chinesischen, ich weiß nicht, wie er heißt.«

Der Platzanweiser begrüßt mich, als ich mich entschlossen in die erste Reihe des Berlinale-Palasts setze und links und rechts von mir Tasche und Mantel verteile, in der Hoffnung, die Sitze dadurch frei zu halten. Die ganze Zeit schon habe ich mich eigentlich über ihn geärgert. Was macht er da, mit dem Rücken zur Leinwand, den Blick stur auf die hereinströmenden Menschen gerichtet? Amüsiert er sich über die kleinliche Versuche der Besucher, sich sitz-strategische Vorteile zu ergattern? Nun sehe ich, dass er ein Mikrofon im Kragen versteckt hat. Er hat mich gar nicht begrüßt, er redet ununterbrochen vor sich hin und gibt so weiter, was er sieht: »Im Parkett oben sind rechts noch Plätze frei. Die linken Türen jetzt bitte schließen. Jetzt ist das eingetroffen, was ich gefürchtet habe: ein Stau an der vorderen Tür des ersten Ranges, bitte sofort jemand da hinschicken ...« Ich habe ihn für einen spöttischen Gaffer gehalten, nun entpuppt er sich als der Dirigent der Massen.

Endlich ordnet er die Schließung der Türen an - Zuspätkommende müssen oben in den zweiten Rang, damit sie nicht stören - und es wird dunkel. Diesmal habe ich die Untertitel direkt vor meiner Nase. Dafür stürzen mir die Filmränder ein wenig ab. Ich habe endlose Beinfreiheit; mein Nachbar linkerhand leider auch, er zieht sich die Schuhe aus. Dem Geruch nach lebt er im Hotel. Die Frau rechts hat ihr Butterbrot zu Beginn des Films wieder in die Tasche gepackt. Immerhin.

00:00 14.02.2003

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