Der Kandidat II

Arbeit am Mythos Edmund Stoiber und das bayrische Dilemma der Republik

Was weiß denn Deutschland von seinem Bayern, außer dass es wohl das Land der dümmsten Bauern sein muss, die die dicksten Kartoffeln ernten. Das Land, das gezeigt hat, wie man es schafft, dass Rückständigkeit sich auszahlt. Dazu gehört natürlich, dass Bayern von außen eine Sache ist und Bayern von innen eine andere. Von außen gibt es ein System von Klischees und Mythen, die zu dekonstruieren sich eigentlich niemand die Mühe machen braucht, weil sie sich immer vor unseren Augen dekonstruieren und neu als Kommunikationsmittel zusammensetzen. Von innen auch, nur alles spiegelverkehrt. Wenn es keine Maßkrüge und Defiliermärsche gäbe, wäre das nicht nur schlecht für den Tourismus. Das bayrische Modell wäre ohne die Bilder mal halbwegs liebenswerter, mal barbarischer Folklore ein unguter Beweis für Ungleichzeitigkeit der Entwicklung im Kapitalismus. Und dass man Maßkrüge gern auch einmal auf die Schädel seiner Mitmenschen haut und Defiliermärsche gern unangenehme politische Konnotationen erzeugen, gehört zur Konstruktion des Mythos. Vielleicht ist ja gerade die politische Anwendung des Mythos sein notwendiger Rest von Wirklichkeit.

Bayern von innen ist zunächst einmal mehrfach gespalten. Zum einen in Altbayern, Franken und Schwaben (und jede dieser Regionen ist noch einmal in sich gespalten, nicht nur was Geschichte und Sprache anbelangt, sondern auch in ihrer sozialen Struktur.) Zu sagen, dass sich Franken, Schwaben und Altbayern inniglich hassen, wäre gewiss geschönt formuliert; ihre Fremdheit ist nicht zuletzt eine ewige Strafe für den großen Verrat des kleinen Landes, das damals noch Baiern hieß, in der Napoleonischen Zeit: Bayern verdankt seine Existenz als politische Einheit der schlichten Tatsache, dass man hier den Franzosen Männer und Waffen zum Niederschlagen des Tiroler Aufstandes zur Verfügung stellte. Der bayrische deutsche Nationalismus ist eine Geschichte des Verrats, die sich in der Kandidatenfindung im Grunde wiederholt hat: Stoiber muss den Verrat zur politischen Ästhetik machen, um in der Mitte der deutschen Gesellschaft anzukommen. Dem Verrat fiel zunächst Angela Merkel zum Opfer, aber im wesentlichen geht es nun um den Verrat des Bayrischen selbst, ohne den sich nur das Debakel von Strauß wiederholen würde. Die Zielrichtung des Verrates ist nun also endlich umgekehrt worden: Bayern und Deutschland ist ein Widerspruch in sich; eines muss auf ewig im Dienste des anderen verraten werden. Damit haben wir Übung.

Die mehrfache Spaltung Bayerns ist ein Trick, der jedem gestattet, immer von etwas anderem und ganz eigenem zu sprechen, wenn er von Bayern spricht. Mal redet man nur von Oberbayern, also dem Alpen- und Jodelbayern südlich der Hauptstadt, mal muss es das ganze Bayern sein, was allerdings auch kalte und kaputte Industriestädte mit einschließt. Die provinzialistische Verkleidung war immer auch ein unermesslicher Vorteil im Kampf um die Subventionen: Bayern (und die CSU) wurde ein Champion in der Kunst, "Geld ins Land zu holen", was mit der Laptop-und-Lederhosen-Mythologie am besten gelang. Da gibt es noch etwas zu entwickeln, suggeriert das, da ist man ebenso aufgeschlossen wie man nach Feierabend ungestört das Geld auch wieder ausgeben kann, weil es hier mehr Natur und weniger Verbrechen gibt. "Entwicklung und Lebensqualität" ist die andere Formel, in die man das bringen kann. Und Leute wie Moshammer, die das perfekt ausdrücken können, dass man nicht dem hanseatischen oder preußischen Bürger-Ideal entsprechen muss, um Geld zu machen und in die höheren Kreise zu kommen.

Ein klammheimlicher aber nicht zu unterschätzender Nebeneffekt der Verknüpfung von Modernisierung und Regression ist nämlich eine Art von ästhetischer Entgrenzung. Es gibt hier zwar ein paar begnadete Künstler, die natürlich unter Bayern zu leiden haben, das gehört sich so. Aber viel mehr gibt es unter den Bedingungen des bayrischen Kapitalismus eine Art von schlechtem Geschmack, der das Land in ein lebendes Museum der ästhetischen Transgression verwandelt. Sie ist freilich, wenn man genauer hinsieht, einer vom Rest der Republik unterschiedenen Konstruktion der Klassen geschuldet. So wenig wie es ein Proletariat im Traumbayern gibt, so wenig gibt es ein echtes Bürgertum (man hat das in München daher gerne importiert: Großdarsteller des Bürgertums wie Thomas Mann mussten sich hier wohlfühlen). Statt dessen gibt es einen anderen Oben- und - Unten-Diskurs: Einerseits der ewige Widerspruch zwischen der bäuerlichen Provinz und der mehr oder weniger leuchtenden Hauptstadt, andererseits ein in sich selbst rumorendes Kleinbürgertum, das sich beides, Hauptstadtglanz und Bauernfolklore, auf raffinierte Weise zunutze macht, um unentwegt gegen sich selbst zu intrigieren. So entsteht diese bayrische Ästhetik, von der man nie weiß, ob sie eine Sache abbildet oder selber Teil der Sache ist. "Laptop und Lederhosen", das hört sich ja noch einigermaßen nutzbringend und sinnvoll an, aber der Münchner liebt vor allem juwelenbesetzte Dirndl-Aufschläge und trinkt gern auf dem Oktoberfest Champagner aus dem Weißbierglas, wenn er es zu etwas gebracht hat. Und er bringt es umgekehrt zu etwas, wenn er diese Konstruktion des Kapitalismus in einem Land begriffen hat, die sich die Formel Fortschritt plus Tradition als Maske angepasst hat. Besser würde man den bayrischen Kapitalismus beschreiben als Interventionismus plus Mafia, pardon: Gesellschaftsleben.

Das Land, jedenfalls der alpenzugewandte Teil, ist schön, darüber ist man sich einig, drinnen wie draußen. So kann man zum Beispiel immer wieder hören und auch lesen, Bayern sei "von der Natur gesegnet" (wie jüngst erst wieder in der Zeit). Das mag vielleicht für einen kleinen Teil des Landes, nicht einmal für ganz Altbayern gelten, und verschweigt, dass dieses Land ansonsten mit einem geradezu unverschämten Angebot an öden Orten gesegnet ist, und reich an Landschaften, durch die der normale Mensch nicht einmal in betrunkenem Zustand fahren möchte. Trotzdem ist diese Schönheit natürlich auch wieder unbestritten "vorhanden", hinter der Postkarte und der Endlossiedlung im "Wir haben es im bayrischen Kapitalismus zu etwas gebracht"-Landhausstil. Vor allem aber ist diese Schönheit Ideologie und Ware.

Bayern also wird verkauft (und offensichtlich gerne angenommen) als ein Mythos der "Ganzheit", was nicht so sehr verwundert als eben nicht nur Land und Kultur, sondern jeder einzelne Mensch in Bayern zum Zerrissensten gehört, was man sich vorstellen kann. Daher ist Bayern vielleicht nicht allzu sehr für Reformen, durchaus aber für Revolten geeignet, wie der von 1918/9, die vor allem eine Befreiung des Einzelnen versprach und die vom Rest des deutschen Reichs mit der Unterstützung eben jener Bürokraten- und Fremdenklasse niedergeschossen wurde, die immer wieder die Regierung neben den dicken Gastwirten bilden konnte. Der nächste Verrat. Als Bayern ein Freistaat werden wollte, holte man die Deutschen zu Hilfe.

Die Zerrissenheit wurde möglicherweise zum Motor jenes "bayrischen Wunders", was eine bedingungslose Modernisierung meint, die nicht von einer kulturellen und sozialen Modernisierung begleitet ist. Die Wirtschaft nun wird von der leuchtenden Hauptstadt und ihren Trabanten bestimmt, die Kultur dagegen von der ewigen Provinz, die nach der Niederschlagung der Münchner Moderne und durch das Fernsehen höchst allgemein verbindlich wird. Die "Gnade der späten Industrialisierung", die die Wirtschaftswissenschaftler bei der Beschreibung der bayrischen Wirtschaftswunder ins Feld führen, hat eben auch wieder nur etwas für sich, wenn man von der Zusammengesetztheit Bayerns absieht und nur München plus Hinterland betrachtet, wo in der Tat nun das "Schöne" an diesem Land zum Privatbesitz der Erfolgreichen geworden ist. Was aber das reale Bayern anbelangt, so ist die Industrialisierung hier eben nur herumgeschoben worden; das Hinterland musste daher nicht veröden, sondern konnte, zum Beispiel in Kriegs- und Krisenzeiten, immer wieder zum Rettenden auch werden. Die Gespaltenheit immerhin verhinderte, dass man über sich selbst hinauswuchs. Statt wie an anderem Ort den Provinzialismus abzuschütteln, wurde er hier immer gepflegt, er war eine immer mehr exklusive Ressource, was wiederum zur Folge hat, dass sich hier Wirtschaft und Politik in einer anderen Gemengelage entwickelten, nicht in einer solchen Spannung wie anderswo.

Das änderte sich auch nicht, als mit dem Umzug von Siemens von Berlin nach München in der Nachkriegszeit eine neue Form der Industrialisierung für diese "ländliche" Region begann. Im Gegenteil, der Siemens-Angestellte war der Avantgardist der neuen bürgerlichen Entdeckung von bayrischer "Lebensqualität". Und damit schließt sich der Kreis zum interventionistischen Kapitalismus bayrischer Prägung (eine lange verborgene Alternative zum rheinischen Kapitalismus, der sein eigenes Milieu bilden und ausbeuten muss und daher zum Kannibalismus neigt). Die Frage nun ist, ob der Trick des bajuwarischen Kapitalismus noch funktionieren kann, wenn man ihm beim Funktionieren zuschaut, entweder, um ihm etwas abzuschauen, oder um ihm dieses ja nun in der Tat zerrissene und verlogene Funktionieren zu verbieten.

Das Landwirtschaftliche und das Industrielle bestehen nicht einfach nebeneinander, als Ausdruck der sozialen und ökonomischen Zerrissenheit dieses Landes. Das eine ist Ausdruck des anderen; das Wunder der späten Industrialisierung (die einem eben das lästige Industrieproletariat und seine Zerfallserscheinungen erspart hat) und die "liebenswerte" Rückständigkeit gehören zueinander, weil sie gemeinsam irgendeine Opposition aus einer vielleicht ab und an zu Verstand kommenden Mitte heraus verhindern, auf die sich der Rest der Bundesrepublik beziehen muss. Es liegt der Verdacht nahe, dass Stoibers Kanzlerkandidatur zwar vielleicht der Anfang von etwas ist, dass er aber vor allem das Ende von etwas ist. Die Frage ist nur, ob sie dieses Ende herbeiführt, oder ob Stoibers Kandidatur nicht umgekehrt lediglich Symptom dieses Endes ist (das Ende verschiedener Kapitalismen in einem Land, um genau zu sein).

Deshalb ist es wohl verständlich, dass Stoiber und Schröder sich einen "Wirtschaftswahlkampf" liefern, das hat das Fernsehen schon einmal beschlossen. Das geht ein bisschen über die nachvollziehbare Aktualität der Themen hinaus. Die erste einigermaßen konkrete Aussage des neuen Kandidaten, nämlich die Staatsverschuldung auf das gerade noch zulässige Maß zu erhöhen, hat daher einen viel höheren symbolisch Gehalt als einen realen. Es ist die Ankündigung, den interventionistischen Kapitalismus bayrischer Prägung auf das Deutschland von Rezession und eingeschlafener Hand anzuwenden. Und Stoiber hat vermutlich damit recht, dass er mit dieser Ankündigung zuerst einmal die Grenzen zwischen links und rechts ignoriert; der bayrische Kapitalismus ist ja nicht unbedingt inhumaner als der rheinische. Wohl aber verträgt er weniger Offenheit, oder sagen wir es ganz konkret: der interventionistische Kapitalismus bayrischer Prägung kann gut und gerne auf ein paar Stücke Legalität und ein paar Stücke Demokratie verzichten. Daher ist dann doch diese scheinbar nicht-dichotomische Wirtschaftspolitik mit einem notwendigen Weg nach rechts in der Innen- und Rechtspolitik verbunden. So ist zum Beispiel Ausländerfeindlichkeit (auch die wohl: bis an die Grenzen des "Erlaubten") eine notwendige Begleiterscheinung eines Arbeitsmarktes, der seinerseits interventionistisch geführt werden soll (und sei es mit einer Mischung aus Protektion und Arbeitsdienst).

Das Vorurteil in der Politik (was einige eher moderat gesonnene Zeitgenossinnen und -genossen bedenklich ruhig stimmt) heißt wohl, dass sich Deutschland nicht von einem Bayern, jedenfalls nicht von einem historisch und semiotisch bekennenden Bayern regieren lässt, von dem die üblichen Maßkrug- und Trachtenanzug-Bilder kursieren. Franz Josef Strauß konnte nicht Bundeskanzler werden, weil er offensichtlich diese Vorurteile zu belegen schien: Nicht ein Bayer also hätte da die Macht erobert, sondern das Bayrische an sich (ob das nun Schimäre oder rülpsende Wirklichkeit sei).

Stoiber verhält sich nun gerade wie das Negativ. Er hat das Bayrische immer wie eine Maske angelegt und sah höchst unglücklich in seinen Trachtenloden und beim Defiliermarsch aus. Er gehört nicht zu jenem ganzen und bodenständigen Bayerntum, aus dem Metzger und Millionäre à la Strauß stammen, sondern aus dem zerrissenen Bürgertum, das schon immer voller Komplexe und voller Bosheit steckte und daher immer versuchte, möglichst preußischer als die Preußen und protestantischer als die Protestanten zu sein. Stoiber ist ein bilderfeindlicher Technokrat, dem man ansieht, dass er das Bierzelt nur als kalte Inszenierung der Macht genießt und mit einer barocken Kirche weniger als den falschen Augenaufschlag gemein hat, an den wir uns merkwürdigerweise schon gewohnt haben. Deshalb wird die Lodentracht bei ihm immer erst angemessen, wenn sie sich als Uniform ausweist. Kein Watschentänzer, sondern ein Gebirgsschütze kann er nur sein. Als wäre es eine Erleichterung, dass auf einen Bayern, der ein so offensichtliches - pieeeeep - war, so ungelogen, jemand aus dem Süden folgte, der aus beinahe nichts anderem als aus Maskierungen und semiotischen Lügen besteht. (Na gut, könnten wir argumentieren, wann hätten wir zum letzten Mal einen Grünen oder eine Grüne mit einem ehrlichen Gesicht gesehen?) Bei Franz Josef Strauß galt es als ausgemacht: Der ist wirklich so. (So "bayrisch" eben.) Bei Edmund Stoiber weiß man immer: Der tut nur so. (Allerdings: Tut er nur so bayrisch, oder tut er nur so unbayrisch?)

Der nichtbayrische Bayer Stoiber also wäre das Versprechen einer Lösung für eine Gesellschaft, die sich von der großen Lüge ihrer "Mitte" verabschiedet, und die sich zu einer Form bekennt, die Zerrissenheit im Inneren zu akzeptieren und nach außen polternd, ideologisch, möglicherweise auch mit Gewalt, zu leugnen. Auch so etwas wie ein "Bündnis für Arbeit" ergibt hier nicht den geringsten Sinn, wie jedes gesellschaftliche Projekt, das seine Struktur nach außen offen legt. Stoiber verspricht einen Kapitalismus für eine Gesellschaft, die eigentlich an den freien Markt nicht glaubt und daher den Interventionismus überall dort gern akzeptiert, wo er auch "Arbeitsplätze" sichert. Bayern hält nicht nur seine Maxhütte allen Vorstellungen von Selbstregulierung des Marktes entgegen, Bayern erhält bemerkenswerterweise auch eine absurde Bildermaschine um Leo Kirch, die bei ihrem Kampf um Monopole zu einer großen Geldvernichtungsmaschine geworden ist. Sind das die "Fehler" des bajuwarischen Kapitalismus oder nicht vielmehr seine langfristigen Siege? Denn auch insofern steckt hinter bayrischer Spezlwirtschaft etwas anderes als hinter der gewohnten "Filz"-Korruption: Sie mag der Bereicherung einzelner dienen, sie hat aber auch immer das System selber im Auge. Die bayrische Lösung ist die Lüge als Prinzip, das allgemeine Wissen um den Widerspruch zwischen äußerer Präsentation und innerer Verfassung.

Stoiber, der einmal von einer "durchrassten Gesellschaft" gesprochen hat, gehört zu diesen Musterknaben, die aus Unfähigkeit zur populistischen Aura Ideologie produzieren müssen. Seine einzige Qualität mag darin liegen, dass er auch noch sagt, was die anderen sowieso schon tun, den Vorteil der Mitte und den Vorteil des leeren rechten Randes miteinander verbindend. Er ist immer unkonzentriert und fahrig, solange er etwas sagen soll; erst wenn er angegriffen wird, läuft er zur Form auf. Das ist Metapher der Herkunft und Ausblick auf eine zukünftige Stoibersche Politik. Nennen wir das "brutaldefensiv", oder eben einfach bayrisch.

Was wir erleben ist die denkwürdigste Konstruktion von Risikolosigkeit: Angela Merkel wird nicht verloren haben, wenn Stoiber gewinnt, weil sie dann an diesem Sieg teilhat, und sie wird nicht verloren haben, wenn er verliert, weil sie dann ihre Chance bekommt; Stoiber wird nicht verlieren, wenn er gewinnt, weil er nicht wirklich etwas ändern wird, die Bajuwarisierung Deutschlands nämlich findet, wenn sie denn nötig ist, auch ohne ihn statt, und er verliert nicht, wenn er verliert, weil sein Sessel dort freigehalten wird, wo alles seine Ordnung hat. Wenn man nun Merkel und Stoiber als Metaphern für die Strömungen in jenem Kleinbürgertum ansieht, das sich früher oder später nach dem endgültigen Zusammenbruch der "Mitte"-Konstruktion wieder einmal neu formulieren muss, dann wird wohl klar, dass es sich um zwei Masken der Zerrissenheit handelt: Die Integration der unteren Gewinner oder die interventionistische Bereicherung. Nur die Verlierer stehen in beiden Fällen schon fest.

Bayern ist also der Name für eine besondere Art der Verbindung von Modernisierung und Regression; das ist nicht von den Berliner Professoren des vorigen Jahrhunderts erfunden worden, wie die schlauen Kommentatoren wissen wollen, sondern es ist nur auf diese Weise entdeckt und zur Kulturware geworden. Bayern hatte von dieser Bajuwarität als ökonomisch-ideologisch-ästhetisches Konstrukt so viel produziert, dass man daraus getrost einen Exportschlager machen konnte, und zwar einen, der weiß der Himmel mehr ist als Schwarzwalduhren oder Norwegerpullover an anderem Ort. Kein Souvenir sondern ein Geisteszustand.

Die Bajuwarisierung der Politik ist nichts anderes als die "herrschaftliche" Intervention an jenen Orten, wo der Wirtschaftsliberalismus öffentliche Opfer fordert, und eine besondere Form der Verflechtung von Politik und Wirtschaft auf allen Ebenen, auch und vor allem (das unterscheidet den bayrischen Kapitalismus vom rheinischen und natürlich von der neuen Mitte) auf der unteren und lokalen Ebene, und es ist eine Verbindung, die anders als roter Filz eben immer auch auf die eigene Volkstümlichkeit achtet. Dafür wird sie mit einer gewissen Öffentlichkeit belohnt. Was das anbelangt haben sich auch die Schröders schon einmal ein wenig an der Bajuwarisierung der Politik versucht und nicht ganz ohne Erfolg. Andererseits wäre die Radikalbajuwarisierung Deutschlands vermutlich der Ruin und nicht mit einer gleichzeitigen Europäisierung zu vereinen, jedenfalls solange nicht Europa selbst in gewisser Weise bajuwarisiert wird (Was man natürlich anderswo anders nennt).

"Bayern" ist also ein besonderes Konzept der Politik (interventionistischer Brutalkapitalismus plus rechtspopulistische Nulltoleranz vor allem gegen oppositionelle und "fremde" Impulse), eine bestimmte Lebensart (Nobeltracht, Wallfahrt und Kokain) und eine bestimmte Mythologie, die sich schamlos am touristischen Außenbild bedient. Das eine hat immer nur sehr bedingt und sehr strategisch miteinander zu tun. Das eine sichert das andere ab und organisiert eine enorme Bandbreite für Entscheidungen, die in der offiziellen Mitte außerhalb Bayerns nicht gegeben ist. Jemand wie Schröder wird an seinen Aussagen gemessen, vielleicht, jemand wie Stoiber ganz gewiss nicht. Der angewandte Bajuwarismus in der Politik entwertet die Sprache zur Sprechweise. Er ist ja kein Angebot zu irgendeiner Änderung, nicht einmal wirklich zur Änderung einer Änderung, er ist ein Angebot zu einer besonderen Art, alles so zu belassen, wie es gerade ist. Die Uhren in Bayern gehen nämlich nicht anders, sie gehen überhaupt nicht. Sie sind nur aufgemalte Kulissen wie im Bauerntheater, in dem es immer fünf Uhr nachmittags ist. Der rasende Stillstand prosperierender Behäbigkeit führt im Grunde zu nichts anderem als zu einer fortwährenden Ersetzung der Kulissen; das Bauerndorf wird ersetzt durch die Einfamiliensiedlung im Landlerstil, und die bayrische Bevölkerung besteht aus Bayern-Darstellern und Nutznießern dieser Darstellungen. Die Gefahr an Bayern also besteht weniger darin, dass Politik, Wahnsinn und Korruption irgendwann einmal explodieren. Sie besteht in einer radikalen Entwirklichung. Ein Stadl (was nichts anderes als eine Scheune ist), wird eben zum Komödienstadl, den jede Ortschaft braucht. Und am Ende wird sogar der bayrische Kapitalismus zum Fake, denn anders als im Rest der Republik wächst in Bayern der Staat nicht nur als Macht- und Gewaltinstrument, sondern auch als Wirtschaftslenkung. Der bayrische Kapitalismus funktioniert solange niemand merkt, dass es in diesem Land neben der freien Marktwirtschaft eine zweite Wirtschaftsordnung gibt. Es ist die Ordnung eines Staates, der gleichzeitig wuchert und sich verbirgt. Kurzum: Bayern ist eine Maschine zur unentwegten Selbsterfindung; die Postmoderne ist hier avant la lettre erfunden worden. Und daher natürlich auch die postmoderne Politik. Etwas besseres als der Populismus nebenan, der manchmal schon gefährlich nahe an eine echte Katastrophe reicht, (weil man nicht weiß, ob jemand wie Haider wirklich zu rationalisieren ist) nämlich der Fake-Populismus, der Stadl-Populismus, der immer genau dort aufhört, wo es ernst werden müsste. Die Zerrissenheit Bayerns ist zugleich die Fähigkeit, immer wieder von einer Seite auf die andere zu wechseln, je nach Bedarf.

Die Bajuwarisierung der deutschen Politik wäre also eine vermutlich durchaus humane Lösung, eine besonders laute Form der Null-Lösung nämlich. Natürlich wird das Leben in einer bajuwarisierten Bundesrepublik vor allem für alle Oppositionellen, Abweichler und einfach nur kritischen Zeitgenossen noch unerträglicher ist, als es eh schon der Fall ist. Damit sich nichts ändert, wird sich vermutlich auf dem polizeilichen und juristischen Sektor erhebliches ändern, Demokratie ist ja nicht Inhalt dieses Angebots, und "Freiheit" meint hier etwas ganz und gar anderes als die Freiheit irgend Andersdenkender. Der interventionistische Spezlkapitalismus braucht seine Polizeiknüppel. Aber davor zu warnen ist so müßig wie zu glauben, die "anderen" würden einer solchen Entwicklung nennenswerten Widerstand entgegensetzen. Jemand wie Stoiber bei seinem Marsch in die Mitte muss nur eines fürchten, nämlich dass diese Mitte schon so stoiberisiert ist, dass man ihn gar nicht mehr wirklich braucht.

Der Haken an der Bajuwarisierung der Republik ist natürlich die Entbajuwarisierung Bayerns. Und daher kann man das ganze Manöver, einen Bayern zum Bundeskanzler zu machen, auch noch einmal von der anderen Seite her sehen: Stoiber, der in die große Republik hinauszieht, um es denen zu zeigen (weiß der Löwe, wer "die" sind) ist das Trostpflaster oder die Maske der metapolitics für die mehr und mehr unleugbare Tatsache, dass Bayern auf Dauer als Sonderweg in der Republik nicht zu halten ist. Mit anderen Worten: Wie dieser Wahlkampf auch ausgehen mag, er erfüllt einen Zweck, nämlich das Bayrische ins Deutsche oder das Deutsche ins Bayrische zu gießen. Der Geschichte des Verrats in diesem mitnichten gesegneten Land wird einfach das nächste Kapitel angehängt.

Nun ist natürlich in der Politik der Verrat auch nicht schlimmer als sein Gegenteil. Man weiß gar nicht genau, vor wem man sich mehr fürchten soll, vor dem Opportunisten oder dem Treueschwörer (ach Quatsch, natürlich weiß man es: am meisten muss man sich vor den Allianzen der beiden fürchten). Aber jeden Mythos, eben also auch den Mythos "Bayern" kann und muss man auch lesen als eine besondere Beziehung von Verrat und Ideologie. Das Bild Bayern maskiert nicht nur den Zustand Bayern, es ist im Gegenteil vor allem auch Ausdruck des Fehlenden darin. Ein Land, in dem so viel vom Volkstümlichen die Rede ist, ist vermutlich in besonderem Maß davon geprägt, dass es das Volk, im rechten wie im linken Sinn, eigentlich nicht gibt. Wir haben und sind höchstens ein eigenes Völkchen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn sich im Augenblick alle Kommentatoren, die bayrischen und die nichtbayrischen, darin einig sind, dass Bayern sowieso vor allem eine Erfindung ist, dann konstruieren sie freilich schon wieder einen Meta-Mythos. Als wäre woanders irgendeine Inszenierung von Politik, Sexualität und, nun ja, Kultur nicht erfunden und als wäre irgendwo das Ländliche nicht eine Projektion des Städtischen und umgekehrt. In der Postmoderne also verändert sich der Neid auf Bayern von seiner Gesegnetheit auf seine geschickte Erfundenheit. Aber sonst bleibt alles beim Alten. Der Umstand, dass es sich bei Bayern und unter allen Maskierungen um eine schizophrene Abspaltung der politischen Ökonomie Deutschlands handelt, wird von einer Entlarvung des Mythos als geschöntes Bild gar nicht tangiert.

Der bajuwarische Weg von Modernisierung und Beharrung, die semiotische Glocke weiß-blauer Selbstinszenierung, hat eine lange Geschichte, sie ist keine Erfindung der CSU, im Gegenteil, die CSU (die ja einmal ganz anders angefangen hat und durch eine Geschichte von sehr, sehr viel Verrat zu dem wurde, was sie ist) ist eine Erfindung der bajuwarischen Herrschaftskonstruktion. Wie aus Eisenerz und Folklore "Laptop und Lederhose" wurde, so ist schließlich das tolle Schloss von König Ludwig nicht bloß ein grandioser Retro-Kitsch, sondern inwendig auch ein technisches Wunder; es ist nicht nur ästhetisch ein Fake, sondern auch technisch. Neuschwanstein ist eine Maschine, die aussehen möchte wie ein Schloss, und am Ende doch "nur" ein Bild geworden ist. Kein Märchentraum, der zu einem bajuwarischen Disneyland herabgesunken wäre, sondern umgekehrt schon in seiner ruinösen Erbauung eine Metapher des politisch-ökonomischen und des technisch-sexuellen Bajuwarismus. Auch unseren guten König Ludwig hat es am Ende zerrissen zwischen seiner Modernität und seiner Regression. Jedes neue Angebot von Macht aus Bayern ist eine Wiederholung dieses höchstens im einzelnen zerstörbaren Mythos. Deshalb sind auch die Beobachtungen der Kommentatoren völlig falsch, die behaupten, Bayern wäre gerade jetzt ein so unbarmherzig effizientes Land geworden, das dem Rest der Republik nur den Deppen spielt, damit sich der Neid in Grenzen hält und der Tourismus auch noch was dazu verdient. Die ökonomische Effizienz, die vor allen Grundwerten und Menschenrechten kommt, ist das Ergebnis dieser Sozialgeschichte und zugleich Ergebnis der politischen Geschichte des Verrates.

Bayern, das ist ein Land, in dem es sich zwar längst nicht so gut lebt, wie man außerhalb glauben könnte, das aber mit der Kanzlerkandidatur von Stoiber in eine immense Gefahr hineingerutscht ist: Bayern kann sich zu Tode siegen. Weil Stoiber selber nicht die folkloristische Einheit von Modernisierung und Dimplfigkeit leben und ausstrahlen kann (und natürlich auch nicht darf), strahlt er vor allem eine Arroganz aus, die wir bislang so gut zu verbergen wussten (wir nennen das jetzt allerdings "Wirtschaftskompetenz") - und das Verbergen war ein Gutteil unseres Kapitals. Wenn Stoiber aber zeigt, wie sich Bayern wirklich fühlt, wenn das unaufhörliche Lügen also plötzlich wieder zur Wahrheit führt, dann in der Tat kann man andernorts doch wieder Angst vor ihm bekommen. Weil es ihn dann nämlich auch zerreißen wird.

So wäre es zwar möglich, dass die Wahl Stoibers zum Bundeskanzler die Republik so bajuwarisiert, dass die Dinge endlich wieder klappen und der Rest Deutschlands aus seinem Halbschlaf erwacht. Es könnte aber auch sein, dass Stoiber Bayern an die Republik verraten muss. Aber natürlich gibt es noch eine dritte, die raffinierteste Möglichkeit: Stoiber könnte ja die Bundesrepublik ungefähr so regieren wie Berlusconi Italien regiert, nämlich als bajuwarischen Beutezug.

"Die Menschen in den anderen Bundesländern sollen davon träumen, es auch einmal so gut zu haben wie die Menschen in Bayern", sagt Stoiber. Haben Sie es bemerkt? Träumen sollen sie, die anderen Menschen. Nicht haben. So windet sich Edmund Stoiber noch einmal aus der Falle, dass man Deutschland nur gewinnen kann, wenn man Bayern verliert. Rauskommen aus so einer Falle ist allerdings etwas anderes.

Aber das ist vielleicht auch wieder selbst das Kennzeichen bajuwarischer Politik, die Unfähigkeit zu verlieren, jene Mischung aus Opportunismus, Lüge und Brutalität, die die Politik hier bestimmt, aber auch den Aufstand des einzelnen dagegen erzeugt. Das Berechenbare und Erwartbare, das Langweilige mit anderen Worten, wird zu seinem Verhängnis. Er könnte nur irgendwohin kommen, der bayrische Hase, wo der deutsche Igel schon sitzt. Früher war Bayern der Igel. Ja früher.

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00:00 01.02.2002

Ausgabe 30/2021

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