Der Lumpenhund

Literatur Marcel Reich-Ranicki galt als knurriger Großkritiker. Ein neuer Sammelband zeigt auch andere Seiten
Konstantin Ulmer | Ausgabe 39/2015 2

Als er im Jahre 1962 gebeten wurde, einen Artikel über mündliche Literaturkritik zu schreiben, öffnete Marcel Reich-Ranicki sein Kritikernähkästchen: Martin Walser, der gefeierte Autor des zwei Jahre zuvor erschienenen Romans Halbzeit, habe ihn und alle anderen Literaturkritiker kürzlich auf einer Tagung der Gruppe 47 als „Lumpenhunde“ bezeichnet. Mit spürbarem Behagen führte Reich-Ranicki anschließend die Ahnenreihe auf, in der Walser sich damit bewegte: Für Goethe waren Rezensenten Hunde, die man schleunigst totschlagen sollte. Charles Dickens nannte den prototypischen Kritiker eine mit Pygmäenpfeilen bewaffnete Laus mit der Gestalt eines Menschen und dem Herz eines Teufels. Und Leo Tolstoi meinte schlicht, dass jemand, der Kritiken schreibe, nicht ganz normal sein könne.

Nun bringt die Literaturkritik mit sich, dass man, zumindest wenn man sie ernsthaft betreibt, nicht zum Liebling aller Autorinnen und Autoren werden kann. Deswegen nahm Reich-Ranicki den „militärisch-knappen“ Ausfall Walsers als Kompliment. Und an derartigen Komplimenten sollte es auch später nicht fehlen, weshalb der Lumpenhund heute längst in der Hall of Fame des Literaturbetriebs angekommen ist. An seinem Denkmal wird derweil weiter gefeilt. Pünktlich zu seinem zweiten Todestag erscheint unter dem Titel Meine deutsche Literatur seit 1945 ein Sammelband mit Texten von Reich-Ranicki.

Angry Old Man

Darin versammelt: wunderbare Kritikerprosa, brutale Belesenheit, einige Fehlurteile, wenige Irrtümer und reichlich Selbstverliebtheit. Genug also, damit das Lesen zum Genuss wird. Wer bei dem Namen Reich-Ranicki zuerst an den Angry Old Man aus dem Literarischen Quartett denkt, sollte zunächst den einleitenden Essay des Herausgebers Thomas Anz lesen. Dieser wirft darin nämlich ein Schlaglicht auf den „jungen Reich-Ranicki“, der in den abgedruckten Besprechungen kaum noch vorkommt, weil der 1920 als Marceli Reich geborene Kritiker nach dem Krieg zunächst in Warschau lebte und auf Polnisch schrieb. Schon sein erster Aufsatz in deutscher Sprache, erschienen 1953 in Sinn und Form, der Zeitschrift der Ostberliner Akademie der Künste, hatte es in sich: Johannes R. Becher, wenig später erster DDR-Kulturminister, sei es wie Bert Brecht in seiner Jugend nicht gelungen, sich „der Versuchung des Expressionismus zu widersetzen“, der „so fatal auf die damals entstehende deutsche revolutionäre Dichtung einwirkte“ und der Arbeiterklasse unverständlich geblieben sei. Arbeiterklasse? Revolutionäre Dichtung? Das aus der Feder des Literaturkritikers, der jahrelang das Feuilleton der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung leitete? Oh ja! Noch 1963, als er schon in der Bundesrepublik lebte, bekannte sich Reich-Ranicki nämlich zu einer engagierten Literatur – nicht ohne später festzustellen, dass die Politisierung der Literatur nach 1968 nicht die Politik verändert, sondern die Literatur ruiniert habe. Andererseits zeigt die Äußerung aber auch bereits jene Kritikereigenschaften Reich-Ranickis, die ihm zeitlebens zugeschrieben werden sollten: Er war furchtlos und eigensinnig, sein Urteil konnte mitunter erbarmungslos sein. Beispielweise als er 1995 Günter Grass’ Roman Ein weites Feld auf dem Spiegel-Cover mit einem genervt-erschöpften Gesichtsausdruck zerriss. Das war die passende Bebilderung seiner Rezension, die in sanfter Briefprosa daher kam, aber gleichzeitig vollkommen vernichtend klang. Der Lumpenhund riss seine Opfer eben auch, gerade wenn es sich, wie bei Grass und Walser, nicht um hilflose Schafe handelte.

Wie tief die Wunden manchmal waren, zeigte sich 2002 in Walsers Schlüsselroman Tod eines Kritikers, für dessen (ermordeten) Protagonisten Reich-Ranicki unfreiwillig Modell stand. Hier lohnt ein kleiner Ausflug in die Gegenwart. Als Anfang des Jahres Jörg Sundermeier, Leiter des Berliner Verbrecher-Verlags, die zeitgenössische Literaturkritik als oberflächliches Kumpelsystem schalt, zischte kurz der Geist des verstorbenen MRR durch die Feuilletons. Iris Radisch konstatierte zum Beispiel in der Zeit: Während man die „Kritikergeneration um Marcel Reich-Ranicki“ als „gnadenlose Literaturvernichtungsmafia“ gefürchtet habe, mache man der Nachfolgegeneration nun ausgerechnet ihre „übergroße Begeisterung für Bücher“ zum Vorwurf. So ganz stimmt das natürlich nicht. Denn Reich-Ranicki war mehr als der Pate einer Literaturvernichtungsmafia, viele Autorinnen und Autoren begleitete und protegierte er jahrelang, etwa Heinrich Böll, Wolfgang Koeppen oder Hermann Burger.

Papst und Popstar

Auch für Debütanten hatte er immer wieder warme Worte, gerade im Literarischen Quartett. Nicht zuletzt deshalb ist es dem Herausgeber hoch anzurechnen, dass der Sammelband auch einige der mündlichen Kritiken versammelt, obwohl sie mit der durchkomponierten Sprache der schriftlichen Rezensionen nicht mithalten können. Das sollten sie aber natürlich auch nicht, zumal Reich-Ranicki in der Sendereihe, die maßgeblich zu seinem Papststatus beigetragen hat, gar keine ausdifferenzierte Literaturkritik liefern wollte.

Er selbst formulierte diesen Anspruch sogar als Konzept: „Wir werden über Bücher sprechen, und zwar, wie wir immer sprechen: liebevoll und etwas gemein, gütig und vielleicht ein bisschen bösartig, aber auf jeden Fall sehr klar und deutlich. Denn die Deutlichkeit ist die Höflichkeit der Kritiker.“ Diese Deutlichkeit war das Markenzeichen Reich-Ranickis. Von der literarischen Öffentlichkeit wurde er dafür oft bejubelt, von den Autoren geschätzt und gefürchtet, von bekannten Kollegen wie Volker Hage oder Uwe Wittstock in Biografien besungen. Skandale wie seine Wutrede bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2008 trugen ihren Teil zur Bekanntheit bei. Der Lumpenhund Marcel Reich-Ranicki war nicht nur der Papst, sondern auch der erste und einzige echte Popstar der deutschen Literaturkritik.

Info

Meine deutsche Literatur seit 1945 Marcel Reich-Ranicki, Thomas Anz (Hg.) DVA 2015, 576 S., 26,99 €

06:00 30.09.2015

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