Der Mond im Bunker

Kultur Kehrseite

Es war im Vorfrühling, drei Wochen nach dem Krieg, als ich in jene Stadt kam. Eine Bürgerinitiative hatte Spenden für die dortigen Kinder und Kranken gesammelt. Ich gehörte zu der Initiative. Wir wollten das Geld nicht einfach an die Institutionen jenes Landes überweisen, weil wir dann nicht wissen konnten, ob es richtig benutzt würde. Also kauften wir Medikamente und brachten alles selbst zu den Bedürftigen. Ich war noch Studentin und hatte Zeit. Also begleitete ich den Transport zusammen mit einigen weiteren Mitgliedern der Initiative. Jeden Tag von morgens bis abends besuchten wir Krankenhäuser und Kliniken. Abends blieben wir im Hotel. Auszugehen war zwar nicht verboten. Aber wir kamen gar nicht auf die Idee, da die Stadt so dunkel und still war. Sie war nur teilweise mit Elektrizität versorgt. Kein Neonlicht, keine Musik. Aber dunkel und still war auch unser Hotel. Es war ein großes, elegantes Hotel mit vier oder fünf Sternen. Allerdings war es fast leer. Kein Personal, keine Gäste außer ein paar ausländischen Journalisten, Ärzten und uns. Besonders abends, wenn kein Geräusch mehr von draußen kam, war im Hotel nichts zu hören außer dem dumpfen Brummen des Generators, der irgendwo am Hotel stehen sollte. Dieser Generator konnte nur eine begrenzte Menge Elektrizität produzieren und sie wurde sehr sparsam gebraucht. Die einzelnen Gastzimmer waren ohne Licht. Wir benutzten Taschenlampen. Die Fluren waren mit kleinen Lampen nur so hell beleuchtet, dass sie nicht ganz dunkel waren. Einzig die große Rezeptionshalle im Erdgeschoß war einigermaßen hell. Nicht die ganze Halle war beleuchtet, aber immerhin die Hälfte. Also saßen wir abends immer dort auf den großen, bequemen, eleganten Sofas und aßen Brot und Käse, dazu tranken wir Wasser, das wir selbst aus dem Nachbarland mitgebracht hatten. In dieser Halle stand auch ein Piano. Als ich es gleich am ersten Abend entdeckte, war ich überrascht und froh. Es war genau das, was ich in diesem stillen Hotel und in dieser stillen Stadt brauchte. Genau das, was ich nach einem Tag brauchte, an dem ich zerstörte Häuser gesehen hatte und über Säuglinge gehört hatte, die in Brutkästen ohne Elektrizität gestorben waren. Ich setzte mich sofort an den schönen Flügel.

Das Instrument war gut gestimmt und gut pflegt, was mich irgendwie überraschte. Das Hotel war nicht angegriffen worden, deshalb war es eigentlich nicht verwunderlich, dass der Flügel in gutem Zustand war. Und doch kam es mir wie ein Wunder vor, dass das Piano so sanfte Töne hervorbrachte, trotz des Krieges der letzten Wochen. Es tat mir Leid, dass das Instrument ungespielt im leeren Hotel stand, obschon es in friedlichen Zeiten bestimmt vor vielen Gästen von einem guten Pianisten gespielt worden war. Chopin, Debussy, Liszt, Beethoven - ich spielte alles Mögliche, was ich ohne Noten spielen konnte. Ich weiß nicht, wie lange ich am ersten Abend gespielt habe. Irgendwann bemerkte ich, dass jemand am Flügel stand und meinem Spiel sehr aufmerksam zuhörte.

Es war ein Junge von 16 oder 17 Jahren. Vom Aussehen her schien er ein Einheimischer zu sein. Er war schlank und hochgewachsen, hatte feine Gesichtzüge. Sein stiller Blick machte sein Gesicht und seine ganze Erscheinung sehr edel. Mit gerade ausgestrecktem Rücken stand er am Piano. Ich grüßte ihn einmal kurz zwischen zwei Stücken und spielte weiter. Ich dachte, er wolle sich nur ein paar Stücke aus Neugier anhören und dann wieder gehen. Aber er ging nicht, auch als ich mindestens drei Sonaten und drei Nocturnes und drei Walzer gespielt hatte. Als ich endlich zufrieden war, sprach ich ihn an. Und er antwortete mit schönem Englisch und klarer Stimme.

Er war der Sohn eines örtlichen Fernsehjournalisten, der im Hotel arbeitete und den er besucht hatte. Ich weiß sonst nichts mehr von dem, was er mir an dem Abend noch erzählt hat. Ich erinnere mich nur daran, dass unser Gespräch von Anfang an ganz natürlich war, und dass ich über keines seiner Worte gestolpert war. Keines seiner Worte verwunderte mich. Vielleicht weiß ich deshalb auch kaum, was wir an den folgenden Abenden gesprochen haben.

So, wie unsere Gespräche, war es mir auch völlig selbstverständlich, dass wir uns seitdem jeden Abend am Piano sahen und danach, ab dem dritten oder vierten Abend, im Garten spazieren gingen. Wir spazierten durch den stillen dunklen Garten, wo keine Lampen leuchteten, wo kein Wasser in den Brunnen sprudelte, wo nur der Mondschein die Palmen und andere Bäume beleuchtete. Wir sprachen bestimmt nicht über den Krieg. Wir sprachen bestimmt nicht über Politik. Auch über unsere Kulturen oder gesellschaftlichen Systeme sprachen wir nicht. Und ich glaube kaum, dass wir über Musik sprachen. Was gibt es so viel über Musik zu reden? Wir spazierten lange. Aber vielleicht haben wir gar nicht so viel gesprochen und die meiste Zeit bloß den Mond angeschaut. Der Mond war in jener Woche voll oder fast voll. Wohl deshalb sagte er eines Abends, wenn er den Mond sehe, könne er sich vorstellen, dass es etwas gebe, das über den Menschen stehe. Das war sein einziger vollständiger Satz, an den ich mich erinnere.

Ich glaube, es war am Tag danach. An diesem Nachmittag besichtigte ich mit meinen Kollegen einen Bunker, den eine Bombe durchschlagen hatte, und in dem viele Leute umgekommen waren. Wir wollten auch solche Orte besichtigten, da wir nach unserer Rückkehr über die Folgen des Krieges zu berichten hatten. Der Bunker befand sich in einem Vorort. Wir waren mit dem Bus dorthin gefahren. Es war ein nicht allzu großes Betongebäude. Ein Dutzend Leute standen am Zaun, der um das Haus gebaut war, und sprachen ziemlich laut über etwas. Der einheimische Begleiter erzählte uns, es seien Angehörige der Opfer. Drinnen war es halbdunkel und roch seltsam. Die Betondecke wies ein Loch von etwa einem Meter Durchmesser auf, das die Bombe hineingebohrt haben sollte. Die Sonne schien durch das Loch schwach nach Innen. Überall lagen schwarz verbrannte Stoffreste und andere Dinge, die ich nicht erkannte. Regenwasser oder eine andere Flüssigkeit auf dem Boden durchnässte meine Schuhe. Es gab an manchen Stellen kleine Pfützen. Und in einer davon sah ich eine halb verbrannte Stoffpuppe, halb versunken. Als ich diese Puppe erblickte, war es plötzlich stickig. Ich wollte den Bunker verlassen. Aber außer einer Stelle direkt unter dem Loch war der Raum sehr dunkel. Ich wusste nicht mehr, wo die Tür war. Ich wollte fragen, aber alle Kollegen waren beschäftigt. Ich schaute mich um und es wurde immer stickiger. Mein Herz schlug immer schneller, ich spürte kalten Schweiß unter den Achseln, es wurde immer dunkler. Ich schloss die Augen. Dann sah ich im Dunkeln vor meinen Augen den Mond. Den Mond, den ich am vorigen Abend mit dem Jungen angeschaut hatte.

Am letzten Tag der Woche, als wir uns am Tor des Hotels verabschiedeten, glaubte ich, wir würden uns bestimmt wieder sehen. Ich glaubte, ich könne ein paar Jahre später als Touristin dorthin zurückkehren. Aber anders als ich es wünschte, ist die Lage in jenem Land nicht besser geworden. Zehn Jahre danach gab es wieder Krieg. Seitdem höre ich jeden Tag von Bombenanschlägen und Toten. Meine Sorge um den Jungen wird nur dadurch etwas beruhigt, dass er mir damals erzählt hatte, er beginne im nächsten Jahr mit dem Studium der Landwirtschaft. Ich hoffe, er ist als Fachmann längst tief aufs Land gezogen und deshalb von allem Tötenden, Zerstörenden, Gewaltigen, Brutalen, Lieblosen fern und verschont geblieben. Wahrscheinlich ist er verheiratet und hat Kinder. Er ist ja jetzt ein zweiunddreißigjähriger Mann, da er damals siebzehn war. Das Hotel mit dem Piano, an dem er an jenen Abenden gestanden hatte, soll während des neuen Krieges zerstört worden sein - so erzählte es mir ein ehemaliger Kollege.

Miyuki Tsuji wurde 1968 in Osaka geboren. Nach einem Slawistik-Studium in Tokio reiste sie die Seidenstraße entlang bis nach Europa und ließ sich schließlich in Hamburg nieder. Außer Kurzgeschichten schreibt sie Reiseessays und Texte für Comics. Im März erschien ihr Buch Wiedersehen mit Osaka im Wiesenburg Verlag.


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00:00 22.12.2006

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