Der Morgen ist die letzte Flucht

Kuba Warum man Castro und sein Land nicht verwechseln sollte

"Sergeant, Maschinengewehr vorbereiten!" befahl Comandante Abel Prieto. "Wir werden ihnen eine Ladung Blei verpassen."
"Leck mich am Arsch!"
"Was haben Sie gesagt, Sergeant?"
Genau das hatte er gesagt, erinnerte sich Martínez, ein spontanes, unglaubliches "Leck mich am Arsch". Noch einmal kam Prietos Frage, scharf wie ein Schuss.
"Was haben Sie gesagt, Sergeant?"
"Das sind Kubaner wie Sie und ich", entschuldigte sich der Sergeant verwirrt. "Wir können sie doch nicht einfach abknallen."
"Vaterlandsflüchtige sind keine Kubaner!" verkündete Prieto unwiderruflich. "Maschinengewehr vorbereiten!"

In Jesús Díaz´ satirischem Roman Erzähl mir von Kuba (2001) geht der Versuch dreier junger Musiker, eine Fähre von Havanna in den "Norden" zu entführen, noch grade mal gut aus - der Motor des sie verfolgenden Küstenwachbootes streikt (oder ist es der Bootsführer, der streikt?), die Fähre Neues Morgenrot kann unbehelligt nach Key West tuckern, und bis auf den Zahnarzt Stalin Martínez zieht es niemanden zurück ins "Erste freie Territorium Amerikas".

Als ich beim Übersetzen an dieser Szene angelangt war, musste ich laut lachen. Im Roman ist das urkomisch, wenn der entwaffnete Wachsoldat auf der Fähre zwischen den Feuerstößen des Maschinengewehrs die Musiker anfleht: "Kehrt heim ins Vaterland, es wird euch nichts passieren, ihr sagt einfach, ihr habt nur Spaß gemacht ... Unsere Revolution ist großherzig! ... Das Vaterland braucht Sänger wie euch!", um sodann, als das MG verstummt, in den Ruf einzufallen: "Miami oder Tod!"

Seit einiger Zeit nun steht mir die komische Romanszene wieder vor Augen, und mir ist so gar nicht mehr nach Lachen zumute. Hat doch, wie im Falle Kubas nur allzu oft, die grausige Realität die Farce der Literatur eingeholt. Diesmal hat Comandante Abel Prieto seine Beute zur Strecke gebracht, die blutjungen Entführer einer Passagierfähre wurden erschossen. Wenn schon nicht in flagranti beim Fluchtversuch auf offenem Meer, so doch nach einem Schnellprozess wie jene, die es in den ersten Jahren der Revolution zu Tausenden gab. Aber wen interessiert das schon noch. Anklagende Stimmen des kubanischen Exils haben in Deutschland kaum Konjunktur. In Kuba aber bezwecken die ersten offiziellen Hinrichtungen in diesem Jahrhundert die warnende Erinnerung für die Nachgeborenen: "Wir können das immer noch."

Erinnerungen werden zuweilen auch subtiler aufgefrischt, bei Feingeistern genügt es, die Instrumente zu zeigen. So lud der real existierende Kultur-Comandante Abel Prieto unsichere Kantonisten aus den Reihen des kubanischen Schriftstellerverbandes höchst nachdrücklich dazu ein, im Kreise seiner Compañeros den amerikanischen Independent-Film Before Night Falls (2000) anzusehen, mit Johnny Depp in einer Neben- und Javier Bardém in der Hauptrolle. Gemeinhin landet, wer sich für Reinaldo Arenas´ Autobiographie Bevor es Nacht wird interessiert, schnell in den Kellern der Staatssicherheit. Bei den geladenen Gästen aber wurde auf den Abschreckungseffekt gesetzt - nicht ohne Erfolg, wie ich in einem zarten, leidgeprüften Antlitz entdeckte. Aber wem sollte ich daraus einen Vorwurf machen? Wo mir doch selber im vergangenen November trotz deutschem Pass ziemlich mulmig war, wenn ich in Centro Habana an jeder zweiten Straßenecke vor rangermäßig aufgemotzten Polizisten stand, gut bestückt mit Gummiknüppel, Colt und Walkie-Talkie, in das die Bauernburschen aus den östlichen Provinzen weithin hörbar ihren fremden Dialekt hineinbellten. Da verflog alle guajiro-Romantik.

Beim Arenas-Film des amerikanischen Künstlers Julian Schnabel, der mit einer Biografie von Jean-Michel Basquiat bekannt geworden ist, graute auch mir. Und ich werde beim Adagietto aus Mahlers Fünfter nun nicht mehr so sehr an Gustav von Aschenbachs Vaporetto-Überfahrt zum Lido denken als vielmehr an die Gewaltorgien der kubanischen Polizei im Havanna der frühen Siebziger, von den Nostalgikern der kubanischen Revolution liebevoll "quinquenio gris" genannt. Es war das graue Jahrfünft, an dem Kubas großer Poet Lezama Lima starb.

Erstaunlich nur, dass Schnabels Film in Deutschland bislang praktisch nur als Video in den schwulen Buchhandlungen zu haben ist. Der Sage nach soll er einmal beim Filmfest in München gelaufen sein, das Screening bei der Berlinale fiel aus mangels Kopie. Die Schwierigkeiten anspruchsvoller Filmverleiher sind bekannt, warum aber ist der Streifen nicht wenigstens über den Bildschirm geflimmert, wie in nahezu allen westeuropäischen Ländern? Mit sehr großem Widerhall. Seither werden Arenas´ Romane von so vielen gelesen wie nie zuvor, und selbst der Verkauf der deutschen dtv-Ausgabe von Bevor es Nacht wird profitiert ganz ungemein von der Fama des Films.

Darf Arte überhaupt dieses cineastische Meisterwerk des kubanischen Exils NICHT senden, wo uns doch ansonsten von Insel-Kuba kein filmischer oder literarischer, getanzter oder gesungener Furz erspart bleibt? Es mutet perfide an, wenn sich Edgar Göll im Freitag 32/03 über die angebliche "hämische Herablassung" beklagt, "mit der das Thema Kuba seit geraumer Zeit hierzulande medial verarbeitet" würde. Erträgt er schon nicht die Handvoll erster zaghaft kritischer Berichte? Dort artikelt er, embedded auf einer Seite, dem Größten Führer zu Ehren, abweichende Denkweisen nicht zu verhöhnen und zu denunzieren, sondern sich damit "seriös" auseinander zu setzen - und hat für seine eigenen Zielobjekte nur verächtliche Schimpfe übrig: "biedere Philister einer einschlägigen Menschenrechtsapologetik". Er meint damit auch Alt- und Großkommunisten wie José Saramago und Eduardo Galeano, die er schon im Mai im Freitag abbürstete. Eben mal wieder zwei, die "umgefallen" sind, "von der US-Regierung reichlich bezahlt" vermutlich auch sie. Den schmerzenden Gedanken, WAS passieren musste, dass dergestalt trutzige Kämpfernaturen eine Hoffnung begraben, an die sie sich so lange verzweifelt geklammert haben, lässt der gute Mensch aus Westberlin nicht an sich heran. In Kuba wären Andersdenkende glücklich, wenn sie nur verhöhnt würden, sie sitzen im Knast.

Wie kann es passieren, dass ich lesen muss: "Mit einem intelligenten Pragmatismus, Selbstbewusstsein und Leidenschaft haben die Kubaner diese ›Korrekturperiode‹ überstanden."? Die "Korrekturperiode", "rectificación", war im übrigen in Castros eigener Sprachregelung seine Absage an Gorbatschows Perestroika und Glasnost Ende der Achtziger. Die Reaktion aber auf die ausbleibende Alimentierung durch die sozialistischen Bruderländer Anfang der Neunziger hieß "periodo especial en tiempos de paz", zu deutsch: Sonderperiode in Friedenszeiten. Ich habe Kuba 1992 und 1993 am eigenen Leibe erlebt. Der Pragmatismus, das waren die Lkw-Schläuche und hastig aus drei, vier Latten gezimmerten Flöße. 35.000 Kubaner sind damit übers Meer geflohen. Wie viele Tausende ertranken, bleibt ihr Geheimnis im nassen Grab.

Es gibt mannigfaltige ernsthafte Analysen, wie es Castros Mannen gelang, mit dem Kriegskommunismus in Friedenszeiten die soziale und politische Explosion noch einmal abzuwenden. Auch auf Deutsch. Kluge und weniger kluge, fast alles jedoch in Sympathie und Solidarität mit Kuba geschriebene wissenschaftliche und journalistische Texte, die an der Politik der USA kein gutes Haar lassen. Bloß dass sie eben nicht absichtsvoll (!) Kuba mit Castro verwechseln. Aber auch ohne alle Wissenschaft pfeifen es längst die Spatzen von den Dächern, dass der Caudillo sein überlanges Überleben einzig der Bedrohung von außen verdankt, sie ist sein Lebenselixier, sein Jungbrunnen.

So blieb es der Moncada-Seite des Freitag vorbehalten, in die Fußstapfen des seichten Mainstreams deutscher Kuba-Berichterstattung zu treten: der ganz und gar ebenbürtigen, Hot Spot Havanna getitelten ZDF-"Kulturreportage" vom Vortag. Durfte sich doch im geistesverwandten TV-Kanal, unbedrängt von haarigen Fragen, der leibhaftige, echte, einzig wahre Abel Prieto ausführlichst dem Lehrsatz widmen, dass es Kubaner wie Che und Camilo und nicht die 68er gewesen waren, die sich rebellischerweise als erste die Haare lang wachsen ließen. Und welch eine Realsatire, wenn der leibhaftige erklärt, zum Kulturminister sei er wegen seines tollen Kommunikationstalentes gemacht worden. Übrigens auch zum Mitglied des Politbüros, was wie immer gern unterschlagen wurde. Weil´s nicht so hübsch klingt.

Die ZDF-"Kulturreportage" hatte mit diesem biblischen Abel sogar echtes Mitgefühl. Weil er nicht habe verhindern können, dass wenige Tage nach dem Interview die drei "Inselflüchtigen" erschossen wurden. Überzeugt offenbar, dass er hätte wollen. Da kannte Jesús Díaz seinen Pappenheimer aber besser.

Da kenne auch ich ihn besser. Musste ich doch im Herbst letzten Jahres erleben, wie sich Prieto zum Paten der Mafia machte, die verhinderte, dass ich in der Nationalbibliothek in Havanna ein Manuskript von Lezama Lima einsehen konnte. Eigentlich war das langfristig und formgerecht beantragt und hatte viel Geld gekostet. Aber man bekam kalte Füße und fürchtete, ich könne bezeugen, was in aller Munde war: dass der Großteil des Manuskripts, Teil eines von der Unesco anerkannten Kulturerbes, gestohlen ist. Für Dollars verhökert. So hieß es denn plötzlich, dieser noch weithin unbekannte zweite Teil von Lezamas Roman Paradiso solle zunächst in definitiver Ausgabe in Kuba erscheinen, im Februar 2003, herausgegeben von derselben Pappnase, die schon die schandbare Edition beim Madrider Klassikverlag Catedra verbrochen hat. Bis dahin dürfe nur die Pappnase das Manuskript zu Gesicht bekommen. Also bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.

Meine Reaktion nach dem Alptraum im Herbst war klar: Zurück in Berlin, rief ich den Verleger Egon Ammann an und erklärte mich bereit, Zoé Valdés´ persönlichsten, vielleicht wichtigsten, weil auch literarisch überzeugenden Exilroman schnellstmöglich ins Deutsche zu bringen: Café Nostalgia, was Heimweh meint, nicht Nostalgie. Auf dass das Buch im Frühjahr im Laden ist. Die schlimmen Nachrichten aus Kuba danach haben meine lange Wut nur weiter entfacht, und im Herbst 2004 wird bei Ammann auch noch ein neuer Arenas erscheinen.

Der Schrei in Reinaldos Abschiedsbrief gellt mir in den Ohren: "Kuba wird frei sein!" Mit dieser Gewissheit sind 75 Kubaner für die Ehre ihres Landes ins Gefängnis gegangen. Wenn es nach dem Größten Führer, seinen Schoßhunden, Kultur-Comandantes und Pappnasen geht, für 20, 30 Jahre.

Stellvertretend für alle politischen Gefangenen möchte ich einen Namen nennen, den eines gerühmten Dichters und unbestechlichen Autors: Raúl Rivero. Auf Deutsch sind von ihm zwei Gedichte nachzulesen, in einer Anthologie mit dem hoffnungsvollen Titel Der Morgen ist die letzte Flucht. Als ich mich im vergangenen Oktober auf der Plaza de Armas in Havanna von Raúl Rivero verabschiedete, ahnte ich nicht, dass es für sehr lange sein könne. Er aber wusste sehr wohl um die Gefahr, er kennt sein Land von innen: Lange Zeit Berater Nicolás Guilléns, Leiter der Presseabteilung des Schriftsteller- und Künstlerverbandes UNEAC, Korrespondent von Prensa Latina in der Sowjetunion und bei den kubanischen Truppen in Angola, machte er irgendwann nicht mehr mit. 1991 unterzeichnete er die "Erklärung der Intellektuellen" und trainierte fortan mit seiner kleinen unabhängigen Presseagentur Cuba Press den aufrechten Gang. Auch er wurde bei der Massenverhaftung der Dissidenten im März festgenommen und nach einer eintägigen Gerichtsverhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Forderung einer demokratischen Linken kann nur heißen: Freiheit für Raúl Rivero und alle politischen Gefangenen in Kuba! Sofort! Ohne Wenn und Aber!

Klaus Laabs, geboren 1953 in Ostberlin, lebt als literarischer Übersetzer in Berlin.

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00:00 08.08.2003

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