Der neue Henry Ford

Porträt Elon Musk hat das künftige Tesla-Werk in Brandenburg besucht und damit seine deutschen Fans entzückt
Der neue Henry Ford
Es wäre falsch, ihn nur an seinen Entgleisungen zu messen. Musk hat tatsächlich schon so einiges geschafft; in Grünheide würde er wohl auch all die vermissten Schildkröten ausfindig machen

Foto: Patrick Pleul/dpa

Die junge Frau trägt eine gelbe Warnweste, kommt über einen staubigen brandenburgischen Parkplatz gelaufen und sagt: „Herr Musk ist gleich da.“ Aufregung, Gemurmel. „Herr Musk kommt wirklich!“, sächselt ein Mann erregt in sein Smartphone. „Denk dran, Schalte um 13 Uhr“, rapportiert ein anderer, er trägt eine Kamera auf seinen Schultern, er schwitzt. Etwa 50 Menschen drängeln sich hier unweit der A 10 an einer Baustellenzufahrt, die Hälfte davon Journalisten. Die junge Frau sagt: „Herr Musk wird ein paar Worte an Sie richten.“

Elon Musk weilt also in Deutschland. Der Mann, der mit Tesla die Welt der Elektroautos revolutionieren und mit SpaceX den Weltraum erobern will. Was immer man von ihm halten mag, er hat bisher ziemlich viel von dem geschafft, was er sich vorgenommen hat. Musk hat an dem Bezahlsystem PayPal viel Geld verdient und Tesla zum wertvollsten Autobauer der Welt gemacht. Was er noch nicht gepackt hat, ist, Menschen wie Rohrpost per Hyperloop zu transportieren, den Mars zu besiedeln oder den innerstädtischen Verkehr unter die Erde zu verlegen. Alles seine Ankündigungen. Aber da darf man nicht unfair sein: Musk ist erst 49 Jahre alt. Er hat noch Zeit.

Nun ist er also bald da, auf einem Parkplatz im brandenburgischen Grünheide, an der Autobahn 10, an der Baustelle seiner Gigafactory, wo schon im Sommer 2021 Autos vom Band rollen sollen, wie man das früher so gesagt hat. Welche Formulierung würde zu Tesla passen? Wo schon im Sommer 2021 Autos aus Roboterarmen sanft in die Freiheit gleiten sollen. Ja, das könnte gehen.

All das passiert in einer Gegend, wo sich Fuchs und Elster Gute Nacht sagen. Wobei das Wappentier von Grünheide die Schildkröte ist. Bei der Touristeninformation ist eine lehrreiche Broschüre erhältlich, in der der Freundeskreis Wappentier Grünheide/Mark e. V. informiert, dass die Europäische Sumpfschildkröte bereits seit 1934 das Wappen von Grünheide schmückt und damals wild und frei „in großer Stückzahl“ im Ort gelebt hat. Heute hat sie es aber schwer. „Trotz intensiver Suche wurde seit 1999 erst ein Exemplar im Dämeritzsee gesichtet.“ Irgendwas sagt einem, dass Musk, sollte er irgendwann in die Verlegenheit kommen, in Grünheide nach Sumpfschildkröten zu suchen, welche finden wird.

Musk ist ein streitbarer Typ. Ein klassischer Fall von: Die Menschheit liegt ihm am Herzen, der einzelne Mensch eher nicht so. Er feuert tobsüchtig und grundlos Mitarbeiter, bezeichnet Corona-Schutzmaßnahmen als „faschistisch“ oder einen Rettungstaucher als „Pädo“, nur weil der ein Hilfsangebot von Musk nicht zu würdigen wusste. Es wäre trotzdem falsch, Musk nur an seinen getwitterten Entgleisungen zu messen. Finden jedenfalls seine Fans.

Einige von ihnen sind auf dem Parkplatz in Grünheide zugegen. Ein Mann um die 50, mit Basecap und Tesla-Shirt, explodiert förmlich. „Er ist der smarteste, intelligenteste Mensch der Welt!“ Endlos aufregen könnte er sich über diese Welt, „weil sie nicht anerkennt, was für ein großartiger Mensch Musk ist“. Um den Fan stehen Mitstreiter, sie nicken alle. Er ruft: „Selbst Leonardo da Vinci und Einstein sind gegen ihn nur ganz kleine Lichter!“

Die Mitarbeiterin mit der gelben Weste spannt derweil eine blaue Samtkordel über den staubigen Parkplatz. Hinter ihr donnern Lastwagen vorbei. Sie bittet die Presse auf eine Seite der Kordel, die gibt zu bedenken, dass sie dann gegen die blendend aufgelegte brandenburgische Sonne fotografieren müsste, die Mitarbeiterin schichtet spontan um und bittet die Presse auf die andere Seite. Lernfähig sein, sich anpassen, auch das lehrt uns Musk. Der Entrepreneur muss sich in der Öffentlichkeit bewegen wie ein Fisch im Wasser.

Es gab in Deutschland schon einmal einen Hype um einen Unternehmer, der die Zukunft des Automobils aus den USA herbeikarren sollte. Henry Ford legte 1930 zusammen mit Konrad Adenauer den Grundstein für seine Fabrik in Köln-Niehl. Warum genau Köln ausgewählt wurde, ist nicht geklärt. Gerüchte besagen, er hatte in der Stadt eine Geliebte und brauchte einen Grund, häufiger hinzufahren. Auch bei Grünheide als Standort rieben sich manche Experten verwundert die Augen. An der Sumpfschildkröte kann es kaum liegen, wenn im Dämeritzsee doch nur ein Exemplar gefunden wurde. Ford war auch so ein streitbarer Revolutionär, hat Arbeitern ungewohnte Rechte gegeben, die Arbeitszeit verkürzt, Produktionsketten optimiert. Er hat aber auch eine antisemitische Zeitschrift herausgegeben, dort „Die Protokolle der Weisen von Zion“ nachgedruckt. Er ist angeeckt und hat ausgeteilt, er hat, for good or bad, Fortschritt ermöglicht. Man könnte jetzt einfach konstatieren, dass sich Geschichte eben wiederholt, damals Ford, heute Musk, wenn Deutschland nicht zwischenzeitlich selbst zum führenden Automobilland der Welt aufgestiegen wäre. Diesel-Skandal, Zukunftsangst, Andreas Scheuer – irgendwas ist schiefgelaufen. Germany wartet heute wieder auf den großen Zampano from America.

Musk, dieser Mensch gewordene feuchte kapitalistische Traum, steht für eine Sehnsucht. Nach Erlösung, Erlösung durch Technik. Für einen Fortschrittsglauben, der im alten Europa schon lange verloren gegangen ist. Die Welt gehört den Mutigen. Musk ist einer.

Dann kommt er. Klar, in einem Tesla, lautlos herbeigleitend, begleitet vom Klacken der Fotoapparate. Germany sei „great“, er gerne hier, die Fabrik werde toll und es gehe auch darum, „fun“ zu haben bei der ganzen Geschichte. Beantwortet harmlose Fragen, wirkt freundlich, aufgeräumt, vielleicht etwas übernächtigt. Er macht ein paar Fotos mit Fans, sogar ein Selfie.

Als Musk geht, sagt ein Fan, er habe hier zwei Tage ausgeharrt, am Parkplatz in Grünheide in Brandenburg, an der A10, um sein Idol zu erleben. Es habe sich „so was von“ gelohnt.

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06:00 10.09.2020

Ausgabe 39/2020

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