Der Ökonomen-Krieg

Markt Die Wirtschaftswissenschaft hat in der Krise versagt. Seit die Gewissheiten fehlen, kann sich auch die Politik nicht mehr auf sie verlassen

Die Ökonomie, sagt ein alter Witz, ist ja jene Wissenschaft, in der zwei Forscher den Nobelpreis dafür bekommen, dass sie das genaue Gegenteil herausgefunden haben. Oder anders gesagt: Sie ist jene Wissenschaft, in der jedes Jahr das Gegenteil von dem richtig ist, was im Vorjahr richtig war. Das unterscheidet die Ökonomie von den exakten Wissenschaften wie Physik, Chemie oder Mathematik, aber noch nicht unbedingt von anderen Geistes- und Gesellschaftswissenschaften wie Soziologie oder Philosophie. Bloß haben Soziologie und Philosophie nicht so direkten Einfluss auf die Politik.

Ökonomen tendieren nicht nur dazu, der Politik zu sagen, was die „richtige“ Wirtschaftspolitik ist. Ein scheinbarer Konsens unter den Ökonomen kann politische Meinungsbilder geradezu erzwingen. Das heißt, der Kampf um die Vorherrschaft eher konservativer oder eher progressiver Weltdeutungen wird heute in besonderem Maße auf dem Feld der Wirtschaftstheorie ausgefochten.

Dominanz des Neoliberalismus

Bis 2008, bis zum Ausbruch der Finanzkrise, war der „Neoliberalismus“ 30 Jahre lang dominant. Wobei „Neoliberalismus“ eine mittlerweile gut eingeführte, aber etwas unpräzise Hilfsvokabel ist. Bedeutete das Wort vor 40 Jahren noch etwas ganz anderes, nämlich grosso modo die Wirtschaftstheorie, die hinter der „sozialen Marktwirtschaft“ stand, so steht der Begriff heute für totale Marktgläubigkeit. Die Schule der marktgläubigen Ökonomen teilt sich in verschiedene Schulen: die Neoklassiker und Fans von Milton Friedman und seinen Nachfolgern, die Schule der „rationalen Erwartungen“ oder aber die „Austrians“, die Nachfahren der österreichischen Schule um Friedrich von Hayek. Aber grob kann man sagen: Der Neoliberalismus hat 30 Jahre lang alle anderen Schulen, allen voran den Keynesianismus, an den Rand gedrängt – und uns alle an die Wand gefahren.

Erst mit der Finanzkrise erlebte der Keynesianismus einen neuen Höhenflug, einige Monate lang war er sogar dominant. Hinter der Renaissance steht nicht nur die Macht des Faktischen – die Tatsache also, dass die Marktradikalen überhaupt keine Antworten auf die Krise formulieren konnten. Einige führende „Stars“ in der Ökonomie haben regelrecht zum Kampf um die Vorherrschaft geblasen. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman bloggt nicht nur täglich auf der Webseite der New York Times, er verfasst nicht nur zweimal wöchentlich eine Kolumne. 2009 erschien von ihm auch der aufsehenerregende Essay „How Did Economists Get It So Wrong?“ („Wie kam es, dass die Ökonomen derart falsch lagen?“). Es war eine Kampfansage. An seiner Seite sind Leute wie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz oder der Bostoner Professor und Wirtschaftsblogger Bradford DeLong.

Aufstand gescheitert?

Seither tobt ein Krieg der akademischen Ökonomen. Und weil die Ökonomie zwischen der Analyse der großen volkswirtschaftlichen Ströme („Makroökonomie“) und den kleinen branchenspezifischen und betriebswirtschaftlichen Untersuchungen („Mikro“) unterscheidet, spricht man in den USA vom „Makro-War“, vom „Makroökonomie-Krieg“. Neuerdings wird die Frage aufgeworfen, ob Krugman und seine Mitstreiter ihren „Makro-Krieg“ nicht schon wieder verloren haben. Denn spätestens 2010 ist die kurze keynesianische Dominanz zusammengebrochen. Nachdem das große Desaster abgewendet worden war, standen plötzlich nicht Bankenrettung, Arbeitslosigkeit und massenhafte Unternehmensbankrotte im Zentrum der Aufmerksamkeit, auch nicht der Absturz des Wachstums, sondern die „Staatsschulden“. Vor allem in Europa mit seiner Euro-Krise und drohenden Staatspleiten waren plötzlich die öffentlichen Haushalte und ihre Defizite das alleinige Thema, und konservative Ökonomen und Experten konnten zum Gegenschlag ausholen.

„Ist Krugmans Aufstand gescheitert?“, fragt der Wirtschaftsblogger „Noahpinion“ und insinuiert: Ja, zweifellos, aber auf lange Sicht mag sich ein neues Paradigma in der Ökonomie durchsetzen. Krugman erwidert, dass, selbst wenn man sich nicht auf allen Feldern durchsetzt, man immerhin verhindert, dass sich die gegnerische Seite auf allen Feldern durchsetzt. Und das hat auch kurzfristige Auswirkungen – „das kann den Unterschied ausmachen zwischen einer Arbeitslosenrate von sieben oder neun Prozent in einem Jahr“. Er gibt sich überzeugt: „Wir gewinnen den Streit.“

Organisierter Dissens

Lehnt man sich ein paar Zentimeter zurück, sind an all dem schon ein paar Dinge bemerkenswert. Erstens: In der Wirtschaftstheorie gibt es eine weltanschauliche Auseinandersetzung zwischen progressiven und konservativen Ökonomen, wie sie auf dem oft recht entideologisierten Feld der Politik nur noch selten vorkommt. Zweitens ist der Wechsel von neoliberaler Dominanz zum Aufschwung des Keynesianismus bis hin zum organisierten Dissens, wie wir ihn jetzt erleben, ein schönes Anschauungsbeispiel dafür, wie sich Ideen verbreiten und durchsetzen, wie Hegemonie und Konsens entstehen.

Der Politikwissenschaftler Henry Farrell und der Ökonom John Quiggin dokumentieren in einer neuen Studie nicht nur minutiös den globalen Streit in der Ökonomenzunft. Sie stellen auch einige bemerkenswerte systematische Überlegungen darüber an, wie sich „Ideen“ von „Experten“ zu einem „anscheinenden Konsens“ in einem wissenschaftlichen Fach entwickeln und wie dieser Konsens dann die Politik beeinflusst. Es geht hier um Ideen und um Macht.

Wenn eine bestimmte Idee – wie etwa die „Neoklassik“ und die Theorie der „Rationalen Erwartungen“ in der Ökonomie – dominant ist, wie in den 30 bleiernen neoliberalen Jahren, dann heißt ja Dominanz nicht, dass alle dieser Idee anhängen. Dominanz heißt, dass die Anhänger dieser Theorie wichtige akademische Institutionen und Think Tanks beherrschen, dass die verbliebenen Anhänger konkurrierender Theorien den Kopf einziehen und den Mund halten. Wenn sie nicht den Mund halten, lässt man sie als Außenseiter des Fachs erscheinen, die man nicht recht ernst nehmen muss. Die Anhänger der dominierenden Idee geben dagegen in der Öffentlichkeit den Ton an. Für interessierte Laien oder die Politik wirkt es dann so, als gäbe es einen Konsens unter den Experten.

Es gibt aber, wie Farrell und Quiggin das nennen, nur einen „scheinbaren Konsens“, also eine „sichtbare Dominanz“, was nicht heißt, dass es nicht unsichtbaren Dissens gibt. Aber „der Anschein von Konsens unter Experten ist äußerst wichtig dafür, dass diese Ideen politische Akteure auf Linie bringen“. Kurzum: Hegemonie und Dominanz ist nur möglich, wenn es den „Anschein von Konsens“ gibt.

Unerwartete Ereignisse freilich, auf die die Anhänger der dominanten Theorie überhaupt keine Antwort haben, können diese Dominanz gefährden. In diesem Fall kann sich eine konkurrierende Idee Gehör verschaffen und verbreiten. Die Autoren führen hier Metaphern aus der Epidemologie ein: Neue Ideen können andere „infizieren“. In kommunikativen Netzwerken gibt es Knotenpunkte – „Medienstars“, wichtige Ökonomen – die mit vielen anderen verbunden sind und die die „Infektion“ beschleunigen können. Die Verbreitung neuer Ideen ist ein Spiel aus Überzeugung, neuen Entdeckungen, gebetsmühlenhafter Wiederholung, spektakulärer Seitenwechsel, aber auch von Imitation und Nachplapperei. Die Anhänger der bisher dominierenden Idee versuchen dabei gegen die sich neu verbreitende Idee eine Politik der Eindämmung, ähnlich wie bei Anti-Seuchenprogrammen.

Backlash aus Europa

Trotz dieser Abwehrbemühungen können sogar mächtige Institutionen, die bisher als Bollwerke der dominierenden Idee galten, infiziert werden. Tatsächlich haben zum Beispiel der Weltwährungsfonds (IMF) oder die OECD in den vergangenen Jahren signifikant ihre Positionen verändert. Auch die bisherigen Vorkämpfer der „Mehr-Markt-weniger-Staat“-Ideologie sorgen jetzt regelmäßig mit Untersuchungen für Erstaunen, die zeigen, dass etwa die krass aufgegangene Ungleichheitsschere die Quelle aller Probleme der Marktwirtschaft ist.

Bemerkenswert ist, dass der globale antikeynesianische Backlash nach 2010 vor allem aus Europa kam – aus den Führungsetagen der Europäischen Zentralbank, der Führungsetage der Deutschen Bundesbank, den deutschen politischen Eliten, aber auch der neuen britischen Regierung. In den USA haben konservative Ökonomen dagegen noch längst nicht jenes Standing wiedererobert, das sie vor der Krise hatten.

Nachdem wir in den vergangenen 30 Jahren eine neokonservative Dominanz hatten und danach einen kurzen Frühling des Keynesianismus, sind wir nun in einer Zeit ohne „scheinbaren Konsens“. Auf absehbare Zeit müssen wir uns eher auf Dissens einstellen. Wenn „der Anschein von Konsens“ aber fehlt, fehlt auch die Voraussetzung dafür, dass eine bestimmte Schule der Wirtschaftswissenschaft die Politik auf Linie bringt. Somit müssen wir uns womöglich nicht nur auf ökonomische Krisenjahre einstellen, sondern, so die Autoren der Studie, auch auf eine Epoche „unauflösbarer Spannungen zwischen verschiedenen und diametral gegensätzlichen Ideen zur Ordnung der Wirtschaft, auf Konfusion und Grabenkriege“. Ökonomisches „Expertentum“ taugt somit nur noch begrenzt zur Legitimation von Politik.

Robert Misik ist österreichischer Journalist und Schriftsteller

09:00 27.05.2012
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