Der Rausch, der bleibt

Triangel und andere Dreiecksbeziehungen Zwei Sichten auf den RAF-Terrorismus in Gerd Koenens "Vesper, Ensslin, Baader" und Thorward Prolls "Wir kamen von einem anderen Stern"

Mitte der achtziger Jahre, ich war noch durch eine Mauer von den Diskussionen um 1967 und die Folgen getrennt, fiel mir das Buch Die Reise von Bernward Vesper in die Hände. Wie oft damals, bei Büchern aus dem Westen, hatte ich eine Nacht und einen Tag Zeit, es zu lesen, dann musste es an den unbekannten Besitzer zurück. Es blieb lange eines der sieben Bücher, die ich mit auf die einsame Insel genommen hätte. Das Prinzip habe ich längst aufgegeben, aber sollte ich gezwungen sein, meine Bibliothek zu verkleinern, würde ich mich ganz sicher von diesem Buch nicht trennen. Neben den Gedichten von Inge Müller ist es der einzige Versuch in der deutschen Literatur, sich der Vergangenheit, auch der eigenen, ohne Netz und doppelten Boden zu stellen. Freilich ist das bei beiden eine Authentizität mit tödlichen Ausgang, nur unter Drogen überhaupt soweit zu treiben, ob es nun der proletarischere Alkohol bei Inge Müller oder das moderne LSD bei Vesper war.

Nun hat Gerd Koenen sich in seinem neuen Buch Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus der Hinter- und Untergründe Bernward Vespers angenommen. Diese Geschichte ist, aus mehreren Gründen, ohne Gudrun Ensslin nicht zu schreiben und wo Gudrun Ensslin ist, ist auch Andreas Baader nicht weit. "Die Inkubationszeit des Terrors: eine extreme Liebesstory und eine exemplarische deutsche Geschichte", bewirbt der Verlag das Buch. Das erinnert an Aufmacher der Bild Anfang der siebziger Jahre und warnt seriöse Leser eher vor der Lektüre, als dass es sie einlädt.

Schon in Das Rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution hatte Koenen sich der Jahre 1967-1977 gewidmet - und mit ihnen abgerechnet. Das tut er auch in seinem neuen Buch, nur bohrt er sich mehr in die Tiefe, in die Biographien dreier Personen, die eine Dreiecksbeziehung miteinander eingehen.

Bernward Vesper, Sohn des in der Nazizeit populären Dichters Will Vesper, wächst auf dem Gut Triangel auf. (Die Triangel, wird, auch als von ihm so genanntes Tri-Erlebnis zum bevorzugten Symbol Bernward Vespers - bis in die Dreiecksbeziehung zu Ensslin und Baader.) Der Vater ist ein Patriarch, der nach der Niederlage der Nazis und dem Verlust der eigenen Popularität aus seinem Gut eine Festung gegen die äußere Welt mit ihrem Sittenverfall und der geistigen Zersetzung macht. Bernward wird sein williges Werkzeug, eine Beziehung über den Tod hinaus, die erst durch die neue Beziehung zu Gudrun Ensslin, die er 1962 kennenlernt abgeschwächt und schließlich ersetzt wird, ihn aber bis in Die Reise übermächtig beschäftigt.

Koenen ist in seinem Buch auch den dunklen Seiten, die der Verleger Jörg Schroeder nach Sichtung des umfangreichen Nachlasses 1979 als die Mr. Hyde-Seite Bernward Vespers ("der rechte Bernward Michaelsen, der mit dem Scheißdreck vom Lippoldsberger Kreis und dem anderen Schnarchzapfen-Nazimurks korrepondierte") bezeichnete, nachgegangen. Bis 1964 hatte Vesper Kontakte zu rechten Verlegern und gab mit Gudrun Ensslin zusammen die Will-Vesper-Ausgabe heraus, bis sie 1965 zusammen ins Wahlkontor für Willy Brandt gerieten und ihre (politische) Geschichte einen anderen Verlauf nahm. Sie verlobten sich 1965, lebten gemeinsam als Studenten mit wissenschaftlichen Ambitionen in Berlin und bekamen 1967 ihren Sohn Felix. Dann lernte Gudrun Ensslin Andreas Baader kennen. Und mit den erodierenden gesellschaftlichen Verhältnissen gingen auch ihre familiären Verhältnisse zu Bruch: spätestens mit der versuchten Kaufhausbrandstiftung und der nachfolgenden Verhaftung der Brandstifter, von Thorward Proll im Stil der amerikanischen Superhelden-Comics, die "Fantastischen Vier der Studentenbewegung" genannt. Der Rest scheint bekannt, aber die Geschichte hat bekanntlich viele Facetten, die Wunde bleibt bis auf Weiteres offen, wie der diesjährige Streit um die noch nur auf dem Papier befindliche Ausstellung in den Berliner-Kunstwerken zeigt, der Heldenverehrung und Mythisierung der RAF vorgeworfen und eine Rücknahme der öffentlichen Mittel angedroht wurde.

Koenen hat eine schöne und klare Sprache, wenn er die Geschichte seiner Protagonisten in all ihren Verwicklungen beschreibt und souverän den nicht einfachen Versuch bewältigt, die Fäden in der Hand zu halten. An anderen Stellen ist das Buch für Leser, die nicht mit dem "Roten Jahrzehnt" abrechnen müssen, wegen der ätzenden Kommentare des Autors ärgerlich. Die Nachkriegsgesellschaft der alten Bundesrepublik war ja ganz real dringend reformbedürftig. Streiten lässt sich nur über die Wahl der Waffen. Das zeigt sich nicht zuletzt an dem Hickhack des Paares Vesper/Ensslin um das Sorgerecht für den Sohn. Rechte hatte Vesper nur, wenn Ensslin aus dem Gefängnis einer Eheerklärung zustimmte, was aber dazu geführt hätte, dass ihr Sohn nicht nur den Namen des Vaters, sondern der auch alle Rechte bekommen hätte, es galt schließlich das Vaterprinzip. Wegbomben ließ sich das nicht. Es brauchte Beharrlichkeit und den Marsch durch die Institutionen, um das Bürgerliche Gesetzbuch von 1871 wenigstens abzuschwächen.

Ob Koenen mit seinem Buch Urszenen des deutschen Terrorismus beschreibt, wie es im Untertitel des Buches heißt, bleibt dahingestellt. Es bleibt immer ein Rest, und ganz sicher ist die Dynamik der Ereignisse nicht mit gescheiterten oder stabilen Liebesbeziehungen, dem Verlust oder dem Verlassen von Kindern, momentanen emotionalen Verwerfungen oder Drogenkonsum zu erklären. Wirklich entzaubert wird das Dreieck dadurch nicht, was aber wiederum auch den Reiz des Buches ausmacht. Das geschieht paradoxerweise eher in Thorwald Proll und Daniel Dubbes Wir kamen von einem anderen Stern, das zeitgleich erscheint und als Parallellektüre dringend zu empfehlen ist.

Thorwald Proll, Jahrgang 1941, der ehemalige APO-Aktivist und Hamburger Buchhändler, erzählt, von dem Journalisten Daniel Dubbe befragt, von seiner Zeit vor und nach der Kaufhausbrandstiftung aus einer anderen Perspektive und nicht so in die Tiefe bohrend wie Koenen, aber - und das macht das Buch lesenswert - völlig ohne Hass. Es ist eine Nachsicht auf seine Jugend, die unter diesen Umständen so gewesen ist, wie sie war und die inzwischen zu Ende ist. "Als grundsätzliche Überlegung habe ich mir immer vorgestellt: Du musst aus jeder Sache das Gift rausziehen - und der Rausch, der bleibt." Proll, auf dem Weg in die Pariser Illegalität der Dritte im Bunde, räumt mit einigen immer wieder kolportierten Mythen auf, die am Rande auch durch Koenens Buch geistern, so beispielsweise, dass Ensslin und Baader Proll abhängten, weil er sich "in allen Fragen von Organisation und Konspiration als Niete erwiesen hatte". Thorwald Proll blieb einfach in der Pariser Wohnung zurück und seine Schwester Astrid Proll nahm seine Position ein - mit allen Konsequenzen. "Ja, sie hat mich ersetzt. Take-over. So seh ich das. Ich hätte natürlich auch mitfahren können. Aber irgendwie: ich fühlte mich da nicht wohl. Ich wollte das nicht."

Sowohl Koenen als auch der Thorwald Proll Interviewende Daniel Dubbe fragen, ob die Lawine 1969 noch aufzuhalten gewesen wäre. Was wäre gewesen, wenn Gudrun Ensslin sich nach der Haft für ihr Kind entschieden hätte? Was wäre gewesen, wenn der Staatsanwalt die Revision des Kaufhausbrandstifterverfahrens nicht am 12. November 1969 abgelehnt hätte? Thorwald Proll meint, dass das Reich der Spekulationen riesig groß sei. "Es hätte vielleicht eine andere Form von illegaler Praxis gegeben, aber vielleicht nicht mit so einem Riesensprung, wie es dann später gemacht wurde. Also: es hätte was gegeben, sagen wir mal so, was vielleicht der RAF ähnlich gewesen wäre, aber vielleicht einfacher strukturiert oder populärer. Ich weiß es nicht. Die RAF in der Form hätte es natürlich nicht gegeben. Deine Praxis entsteht immer auch aus Zwängen, Wünschen, Absichten. Aber zu sagen, das wäre alles geschenkt gewesen: So weit würde ich nicht gehen."

Gerd Koenen: Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des Terrorismus, Kiepenheuer Witsch, Köln 2003, 365 S., 19,90 EUR

Thorwald Proll/Daniel Dubbe: Wir kamen von einem anderen Stern. Über 1968, Andreas Baader und ein Kaufhaus, Edition Nautilus, Hamburg 2003, 128 S., 9,90 EUR

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00:00 17.10.2003

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