Der Schatz im Piesberg

Urban Mining Deponien gelten als teures und umweltschädliches Erbe. Dabei sind sie Gold wert. Denn die Zukunft der Rohstoffgewinnung liegt im Müll

Die Rotoren der Windkraftanlagen schneiden Wolken vor blauem Himmel. Es ist still. Nur das Gras raschelt, wenn Josef Thöle schnaubend den Piesberg in Osnabrück hinauf geht. „Hier liegt der Müll der letzten 30 Jahre“, sagt der CDU-Politiker. Der Abfall hier ist weder zu riechen noch zu sehen. Denn er ist durch eine anderthalb Meter dicke Schicht von Kunststoffbahnen versiegelt, die sich unterhalb der wenigen Zentimeter Erde versteckt. Wenn es nach Josef Thöle geht, soll das aber nicht mehr lange so bleiben – er will die Deponie öffnen, um nach wertvollen Rohstoffen zu suchen.

Zwei Tonnen Kupfer, drei Tonnen Aluminium und rund 40 Tonnen Stahl: So viele Metalle braucht ein Deutscher im Durchschnitt bis zu seinem 80. Lebensjahr. Für die Produktion alltäglicher Dinge wie für Tetrapacks, Joghurtdeckel, Heizungsgeräte, Mobiltelefone, Autos oder Flugzeuge. Da die einheimischen Böden zwar fruchtbar sind, aber kaum Rohstoffe bergen, muss die deutsche Industrie Unmengen an Metallen aus dem Ausland – unter anderem aus China, Lateinamerika oder Russland – importieren. Je mehr Waren die Industrienation Deutschland produziert, umso abhängiger wird sie von der strategischen Preisgestaltung der Rohstoffexportländer. Außerdem ist es absehbar, dass alle Rohstoffquellen früher oder später versiegen werden. Nur: Was dann?

Es gibt eine Alternative, die so naheliegend ist, dass sie viele Jahre ignoriert wurde: das Recyceln von Rohstoffen aus alten Mülldeponien. Ein Konzept, mit dem sich nicht nur der Bedarf an Metallen für die nächsten Jahre sicherstellen ließe, sondern das auch noch gut für die Umwelt ist.

Feiner Staub wirbelt auf, als sich die Reifen des Geländewagens in den Schotterweg hinauf zum Piesberg graben. Josef Thöle drückt sich in den Beifahrersitz. Er spricht von „Zukunft“, „Umweltschutz“ und „Geld“ – drei magische Worte, über die Politiker wie er gerne philosophieren. Man könnte Thöle auch als Spinner bezeichnen, wenn er voller Ehrgeiz und Zuversicht in die grüne Landschaft blickt und von seinem Plan erzählt: „Die Rohstoffe, die wir hier am Piesberg finden, können wir vermarkten und damit dafür sorgen, dass der Haushalt der Stadt in Ordnung kommt.“

Fünf Kilometer entfernt, hinter dem alten Mauerwerk des Rathauses, sitzt Horst Baier, der Finanzvorstand der Stadt Osnabrück, in seinem modern ausstaffierten Büro. Er prüft den Fall „Piesberg“ und würde sich über ein paar Euro mehr in der Stadtkasse sehr freuen. Bei den Worten „Rückbau“ und „Deponie“ blitzt in seinen Augen hinter der kantigen Brille ein Hauch von Skepsis auf. „Wir müssen jemanden finden, der das Projekt finanziell unterstützt, dem Gebührenzahler können wir das nicht zumuten. Und zusätzlich müsste man sich auch Gedanken machen, wie man die Bürger vor Staub- und Lärmbelästigung schützt“, sagt er.

Nicht ganz billig

Wer zwischen den Zeilen liest, könnte meinen, Baier wolle kein wissenschaftliches Modellprojekt auf dem Piesberg. „Vielleicht würde sich eine andere, ältere Deponie besser eignen“, fügt er hinzu. Nur Fakten in Form von Zahlen, die belegen, das Müllrecycling weniger Kosten als Gewinn verursacht, würden Baier möglicherweise überzeugen.

Während man in Osnabrück noch zaghaft mit dem Thema Rückbau von Mülldeponien umgeht, wagte man in Hessen ­bereits 2008 einen weiteren Schritt: das Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ließ elf Deponien auf ihre Rohstoffvorkommen untersuchen. Das Ergebnis dieser Analyse spricht für sich: knapp eine Million Tonnen an Metallen im Wert von 250 Millionen Euro. Die Bergung dieser Altrohstoffe ist allerdings nicht ganz billig und muss langfristig finanziert werden. Zudem kostet nicht nur der Rückbau der Deponien Geld, sondern auch die Nachsorge der alten Müllhalden. Denn wenn Abfall jahrzehntelang vor sich hin fault, bilden sich Methangase und andere Gifte. Um zu verhindern, dass diese in die Umwelt gelangen, müssen Mülldeponien wie die am Piesberg mit Kunststoffbahnen luftdicht verschlossen werden. Deswegen hat die Stadt Osnabrück schon heute 40 Millionen Euro Rücklagen für die Instandhaltung und zukünftige Erneuerungen dieser Abdichtung in ihrem Haushalt eingeplant. Würde man die Deponie wieder öffnen, müsste Finanzchef Baier also erneut Geld dafür auftreiben.

Einer, der jetzt schon weiß, dass sich die Investition in Müll lohnt, ist Roland Elmenhorst, der Betriebsleiter des Recyclingunternehmens Herhof in Osnabrück. Braungebrannt, mit akkurat gestyltem Kinnbart, in Jeans und Hemd eilt er über das Betriebsgelände. „Hier werden jeden Tag bis zu 330 Tonnen Hausmüll zerkleinert und sortiert“, sagt Elmenhorst, während er sich aus einem Container ein altes Mobiltelefon greift. Metallteile, Plastikteller, alte Schuhe und angebissene Döner landen hier auf den Förderbändern, bevor sie in geschreddert und sortiert werden. Die Metalle verkauft Elmenhorst gewinnbringend an Schrotthändler, den restlichen Müll als Brennstoff an Elektroenergieerzeuger. Von den Plänen der Osnabrücker CDU, die alte Deponie am Piesberg zu recyceln, hat er schon gehört. „Vielleicht können wir die Deponie recyceln“, sagt er und lächelt.

Wissenschaftlich wird der Rückbau von Mülldeponien als „urban mining“ bezeichnet, womit sich Sabine Flamme, Professorin an der Fachhochschule Münster, befasst. Sie schätzt, dass die Nachsorge einer bestehenden Hausmülldeponie fünf Euro pro Kubikmeter kostet, während man für den Rückbau und die Rohstoffgewinnung derselben Deponie den fünf- bis achtfachen Betrag ausgeben müsste. „Im Moment ist der Rückbau von Deponien noch nicht wirtschaftlich, aber ich denke, dass wir auf jeden Fall irgendwo ein Versuchsfeld brauchen“, sagt Flamme. Für sie ist klar: die Zukunft der Rohstoffgewinnung liegt im Müll. Wer jetzt nicht anfangen würde, sich Gedanken über die Aufbereitung von Altmülldeponien zu machen, der werde früher oder später ein Problem haben. Denn die rapide steigenden Preise und die Verknappung der Rohstoffe werden zu einem Dilemma führen: „Wir gehen davon aus, dass wir vielleicht in den nächsten fünf oder sechs Jahren schon Schwierigkeiten haben, Handys herzustellen, weil uns die Metalle fehlen.“ Nur ein sparsamer Umgang mit Rohstoffen und die Ausbeutung alter Deponien könnten diese Entwicklung verlangsamen. Drei Prozent an Metallen könnten aus der Deponie am Piesberg geborgen werden, schätzt Flamme. „Wenn wir das über alle Deponien in Deutschland rechnen, hätten wir für ungefähr eineinhalb Jahre Metalle zur Verfügung.“ Neben Metallen könnten auch andere Abfälle wie Glas oder Kunststoffe recycelt und wiederverwertet werden. Ein großer Teil des organischen Mülls könnte verheizt werden, so wie es heute schon bei vielen Recyclingunternehmen passiert. Der alte Müllberg würde kontinuierlich schrumpfen, der CO2-Ausstoß verringert und übrig bliebe am Ende nur noch der Abfall, der sich nicht verwerten lässt. Alles Argumente, die vor allem Umweltschützer von dem Recycling-Projekt überzeugen.

Hoffen auf Staatshilfe

Deswegen hofft auch der Generalsekretär Fritz Brickwedde von der Deutschen Bundesstiftung für Umwelt in Osnabrück, dass das Modellprojekt Mülldeponie Piesberg zustande kommt und stellt eine finanzielle Förderung der Stiftung in Aussicht. „Alles das, was wir aus unseren Deponien gewinnen, das brauchen wir nicht mehr in Afrika, China oder Lateinamerika aus dem Boden holen. Wir schonen die Umwelt dort. Und ich gehe natürlich fest davon aus, dass bei einem solchen Modellversuch auch Zuschüsse des Staates fließen werden“. Für Brickwedde, der nicht nur als DBU-Generalsekretär für das Projekt plädiert, sondern auch in seiner Funktion als CDU-Fraktionsvorsitzender, steht fest, dass Deutschland als Industrienation nur überleben kann, wenn es seinen Bedarf an Rohstoffen langfristig sichert.

Alles sieht danach aus, als wäre der Rückbau der Osnabrücker Mülldeponie ein Projekt, bei dem alle auf lange Sicht profitieren könnten: Umwelt, Stadtkasse und Recyclingunternehmen. Doch solange Finanzvorstand Horst Baier kein grünes Licht für ein Modellprojekt am Piesberg gibt, wird kein Bagger anrücken und die Schätze aus dem Müll graben.

Das hält Josef Thöle aber nicht davon ab, jetzt schon Pläne zu schmieden, die natürlich wieder mit Zukunft, Umwelt und Geld zu tun haben. Denn ist der Müll am Piesberg erst einmal recycelt, kann an dieser Stelle auch gleich ein Naherholungsgebiet mit einem Landschafts- und Kulturpark entstehen.

Nina Draxlbauer lebt als freie Autorin in Münster

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10:00 09.01.2011

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