Der schiefe Turm und sein Fundament

Bildung als Existenzgrundlage Ein etwas anderer Blick auf den Streit um die PISA-Studie

Alles starrt gebannt auf die PISA-Studie. Und da, was da überprüft wurde, in der Schule erworben werden sollte und häufig nur unbefriedigend oder gar nicht erworben wurde, fällt die Schuldzuweisung leicht. Die Lehrer haben es versäumt, den Kindern beizubringen, was diese beherrschen sollten.
Aber das ist, wenn überhaupt, nur die halbe Wahrheit. Denn die Schulen sind keine Enklave, isoliert von der sie umgebenden Gesellschaft. Sie sind, im Gegenteil, Produkt und Spiegelbild dieser Gesellschaft.
Was die PISA-Studie in Wahrheit offenbart, ist das Ergebnis eines Prozesses, der nun schon ein paar Jahrzehnte anhält: des rapiden Verfalls der gesellschaftlichen Anerkennung von Bildung. Sie ist in unserer Gegenwart kein Wert mehr, nichts, wonach es zu streben, was es zu fördern lohnte, womit man sich schmücken könnte. Wie aber sollen Schüler, wie sollen selbst Lehrer motiviert werden, einen Wert aufrecht zu erhalten, ihm Opfer zu bringen, wenn er draußen, außerhalb der Schule eher geschmäht als gepriesen wird?
Die Signale sind unübersehbar, und sie waren es, wenn man sich denn nicht mutwillig blind und taub stellte, bereits seit längerer Zeit. Wer heute etwa daran erinnert, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk einst, nach den Erfahrungen des Missbrauchs durch die Propaganda des Dritten Reichs, mit einem ausdrücklichen Bildungsauftrag angetreten war, erntet nur noch herablassendes Lächeln. Derlei sei nicht mehr zeitgemäß, wird er belehrt, das gehe heute nicht mehr. Da wird als Naturgesetz ausgegeben, was politisch gewollt und - zurück zu unserem Thema - mittelbar verantwortlich ist für die Ergebnisse der PISA-Studie. Nach und nach wurden die Sendungen im Radio und mehr noch im Fernsehen abgeschafft, die den Zuhörer und Zuschauer fordern, ihm Anstrengung abverlangen und dafür mit einem Vergnügen belohnen, das ohne Anstrengung ebenso wenig zu haben ist wie der Ausblick von einem Gebirgsgipfel ohne dessen Besteigung.
Heute gilt als Inbegriff der Bildung das Abfragen von enzyklopädischem Wissen durch ein angeblich charismatisches Pokerface. Das hat jedoch mit Bildung soviel zu tun wie die Umkreisung der Erde in einem Ballon mit der Luftfahrt. Wirkliche Bildung, die diesen Namen verdient, stellt Kontexte her und steht selbst in einem Zusammenhang, im Zusammenhang einer Kultur nämlich, die sich wiederum nicht durch Events und schlagzeilenträchtige Sensationen, sondern durch kontinuierliche Arbeit auszeichnet. Wo, um noch einmal zu den Medien zurückzukehren, nur die Quote zählt und nicht ein konzeptionelles Ziel, hat die Bildung ausgespielt. Und zwar im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Denn je mehr die Bildung durch einen Mangel an Herausforderung verfällt, desto weniger kann man mit Bildungsangeboten Quote machen. Die Voraussetzung produziert jene Ergebnisse, die sie zuvor als Voraussetzung behauptet hat.
Signale für die verschwundene Wertschätzung von Bildung allen Orts. Das Wort "Volkshochschule", einst stolze Bezeichnung einer Errungenschaft der Arbeiterbewegung, die den Unterprivilegierten Zugang zu jener Bildung verschaffen sollte, die der Bourgeoisie vorbehalten war, wird heute verächtlich als Schimpfwort verwendet. Das ist, neben der Missachtung von Bildung, freilich auch der Ausdruck erneut prosperierender Standesdünkel, die für die Diskriminierung von Nichtakademikern nicht annähernd jene Sensibilität aufbringt, die für die Diskriminierung von (bürgerlichen) Frauen zu Recht erwartet wird.
Allerdings lässt sich nicht übersehen, dass sich die Volkshochschulen selbst an der Diskreditierung von Bildung beteiligen. Ihren historischen Anspruch, universelle, insbesondere politische Bildung zu vermitteln, haben sie weitgehend zugunsten berufsqualifizierender Bildung aufgegeben. Bildung zählt nur, wenn sie (materiell) etwas einbringt. Demgegenüber wäre zu beharren auf einer Bildung als Bedingung einer wahrhaft menschlichen Existenz. Angesichts einer Perspektive, in der die Erwerbsarbeit einen immer geringeren Teil der Lebenszeit beansprucht, kommt der Bildung sogar wachsende Bedeutung zu. Sie eröffnet den Zugang zu Tätigkeiten und Erfahrungen, die eine höhere Lebensqualität jenseits der materiellen Akkumulation gewährleisten.
Zur massiven Wiederkehr ständischer Grundsätze gehört auch die im Zeichen einer europäischen Anpassung forcierte Einführung von Bachelor-Studiengängen an den Hochschulen. Was sich dahinter verbirgt, ist die allmähliche Privatisierung von Bildungschancen. Schritt für Schritt wird das Studium zu einem Discountangebot für die Massen verkürzt, wird der erste akademische Abschluss dem bisherigen Abitur angeglichen, mit dem Nachteil zudem, dass er spezialisierter ist als dieses. Es vergeht kein Semester, in dem nicht (aus)bildungsfeindliche Reformen unter dem angeblichen Diktat der Bachelor-Curricula dekretiert werden. Der - damals schon voraussehbare! - Sündenfall der Hochschulen bestand darin, sich in einer Mischung aus Naivität und Kollaboration auf diese Politik eingelassen zu haben. Es ist seit längerem erkennbar, dass die qualifizierte akademische Ausbildung nach und nach in Privathochschulen ausgelagert und wohlhabenden Studenten vorbehalten sein soll. Und diese reaktionäre Politik wird europaweit von den Sozialdemokraten mit genau der gleichen Skrupellosigkeit betrieben wie von ihren konservativen Kollegen.
Signale für die verschwundene Wertschätzung von Bildung: die einschneidenden Veränderungen im Sozialprestige. Noch in den sechziger Jahren mokierte man sich in Europa über die USA, wo das höchste Ansehen genoss, wer am meisten verdiente. Der Wert des Menschen bemaß sich an seinem Konto. Demgegenüber rangierten bei europäischen Umfragen nach dem Sozialprestige die Bildungsträger an oberster Stelle. Die Widersprüche, die damit verbunden waren, hat, insbesondere in Bezug auf die Universitäten, die 68er-Generation formuliert.
Aber mit den Standesdünkeln attackierte sie zugleich die "bürgerliche" Bildung und konnte nicht voraussehen, dass ihre Forderung nach "gesellschaftlicher Relevanz" gar bald vom Kapital als "Verwertbarkeit" dankbar adoptiert werden würde. Heute freilich sollte, wer allzu eifrig seinen Ekel vor der "Hochkultur" ausspricht, bedenken, dass diese, mit all ihren Abgründen, auch die Voraussetzungen schafft für die Rezeption von alternativer, oppositioneller, experimenteller Kultur. Wer, wie selbst viele Studenten der Literaturwissenschaft, keine Fremdwörter mehr kennt, vergleichsweise simple Texte der jüngeren und entfernteren Vergangenheit als zu "schwierig" ablehnt, nur nach dem Unterhaltungswert von ästhetischen Produkten fragt und die Vergnügungen des Denkens scheut, wird auch zeitgenössische Literatur oder politische Artikel nicht mehr adäquat verstehen. Wer im Theater den Realismus von Fernsehvorabendserien sucht oder zumindest showähnliche "Einlagen", ist auch für ein komplexeres Kino verloren.
Heute haben wir in Europa längst amerikanische Verhältnisse. Die Bourgeoisie, die sich einst gegenüber der Feudalaristokratie gerade durch ihren Bildungseifer definierte, die aus Bildung ihr Selbstbewusstsein und ihre Legitimation schöpfte, begreift sich längst nur noch als Besitzbürgertum. Nicht anders als in den USA, kann noch der ungebildetste Großbürger auf öffentliches Ansehen rechnen, wenn er nur hinreichend gestopft ist. Wen darf es da wundern, wenn Schüler statt Albert Schweitzer oder Albert Einstein Bill Gates oder Richard Branson als ihre Vorbilder nennen?
Die PISA-Studie untersuchte die Resultate schulischer Erziehung. Sie lieferte eine Diagnose unserer Gesellschaft. Sage keiner, das hätte sich nicht voraussehen lassen. Und glaube keiner, dass eine Therapie erfolgreich sein kann, die nicht dort ansetzt, wo die Krankheit ihre Wurzeln hat: in der Gesellschaft eben. Dass solch ein Hinweis, dass schon das Wort "Gesellschaft" vielen altmodisch erscheint, ist eine Begleiterscheinung jenes Phänomens, von dem hier die Rede war: der Weigerung, die Welt gebildet, nämlich in ihren Zusammenhängen zu begreifen.

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00:00 02.08.2002

Ausgabe 43/2021

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