Der Schrott geht jetzt nach Afrika

Schwunghafter Handel Der Essener Gebrauchtwagenmarkt wirkt wie ein postmodernes Goldgräberdorf. Aber seine besten Zeiten sind vorbei

Sein ruhiges Garagenleben kann sich der weiße 200er Mercedes fürs erste abschminken. Nur noch ein paar Formalitäten, ein rotes Zollkennzeichen und los geht´s: immer nach Osten. Durch Polen, die Ukraine, Russland und Kasachstan. 10.000 Kilometer weit werden Dimitri und Oleg das Sonntagsfahrzeug durch Zeit und Klimazonen jagen, bis nach Ulan Bator, in die Hauptstadt der Mongolei. Da beginnt dann sein zweites Autoleben. Doch der Mercedes kann sich trösten. Schaut man nach rechts oder links, sieht man nichts als Autos, fast bis zum Horizont. Golfs, Astras und BMWs, die sein Los teilen und in einigen Wochen in Ländern herumkurven werden, von denen ihre Vorbesitzer bis jetzt höchstens im Auslandsjournal gehört haben. Im Kongo, in Nigeria, Georgien, Afghanistan und eben in der Mongolei.

Wir befinden uns nicht auf der Internationalen Autoausstellung, sondern auf dem Stellplatz des Essener Autokinos, und Dimitri und Oleg haben den weißen Benz gerade für 2.000 Euro erstanden. Zum Weiterverkaufen. Direkt neben dem Stadion von Rot-Weiß-Essen, zwischen Autobahnen und Schnellstraßen, mitten im Herzen des Ruhrgebiets, hat sich 1990 der größte Gebrauchtwagenmarkt Europas etabliert. Bis zu 3.000 Wagen stehen hier samstags auf dem Areal und um die Autos herum wuseln Händler und Verkäufer. Auf jedes Auto kommen im Schnitt vier Interessenten. Das macht an guten Tagen 15.000 Käufer und Verkäufer, richtiger gesagt: 15.000 Männer, denn Frauen verirren sich nicht hierher. Jedes Wochenende boomt hier eine Exportwirtschaft, die von den offiziellen Handelsbilanzen verschwiegen wird, in Essen versorgt sich die zweite und dritte Welt mit Autos. Verkauft wird alles, was vier Räder hat und annährend so aussieht wie ein Automobil. "Hauptsache billig", heißt die Devise der Händler, die sich aus allen Himmelsrichtungen nach Essen aufmachen. Auch die von Dimitri und Oleg. In Ulan Bator verlangen die beiden mehr als das Doppelte für den Mercedes, "so um die 6.000 Dollar." Kein schlechtes Geschäft. Lohnt eine Weltreise auf vier Rädern.

Irgendwo im Autodurcheinander glitzert es golden. Das ist der 15 Jahre alte 500er Mercedes, den Sharif heute feilbietet. Sein ganz besonderes "Schätzchen". Seit 15 Jahren steht Sharif jeden Samstag im Autokino und verkauft. Wie die meisten Kleinhändler kauft er die Autos über den Anzeigenmarkt in den Regionalzeitungen des Ruhrgebiets. Über 1.000 Autos hat er so schon an den Mann gebracht. Eine dicke Goldkette baumelt auf seiner nackten braunen Männerbrust. Der Handel funktioniert ganz simpel: "Gucken, alles was Fehler ist, dann bar bezahlen und sieht sich nie wieder", sagt der Pakistani und grinst ein breites Goldzahngrinsen. Heute läuft das Geschäft nicht ganz so geschmiert. Niemand interessiert sich für Sharifs Lieblingsstück, den Zuhältermercedes. 300 PS hat die Benzinschleuder, da kann auch das "Scheckheftgepflegt", das auf dem Pappzettel hinter der Windschutzscheibe steht, die Männer nicht umstimmen, die sich vorbeidrängeln. In den meisten Ländern bestimmen PS-Zahl und Hubraum die Zollgebühren, und die sind in den vergangenen Jahren im russischen und baltischen Raum in Schwindel erregende Höhen geklettert: auf 2.000 bis 3.000 Dollar im Schnitt. Die meisten Händler haben sich darauf eingestellt und verkaufen nur untere Mittelklasse. Sharif eigentlich auch, aber wie gesagt, der Zuhältermercedes ist sein Lieblingsstück. Er reißt die Tür auf und streicht über die weißen Ledersitze. Kein Staubkorn, bester Zustand. Preis: 3.400 Euro, ein wahres Schnäppchen. Aufgeben ist seine Sache nicht. 15 Jahre Automarkterfahrung sprechen für sich.

Gehandelt wird auf diesem Automarkt mit Händen und Füßen und allen anderen Körperteilen. Alle schreien durcheinander und zwar in verschiedenen Sprachen. Das Gestenrepertoire übertrifft alle Vorstellungen. Wenn gar nichts hilft, dann malen die Verhandlungspartner Zahlen in die Luft. Deutsche kommen fast nie ins Autokino. "Die können einfach nicht handeln". Ist jemand an einem Auto interessiert, bildet sich gleich eine ganze Traube von Männern, die das Duell kritisch beäugen. Ein Interessent multipliziert die potentielle Käuferzahl gleich um ein Mehrfaches, erzählt Sharif. Und dass es regelrechte Lockvögel gebe, die ein bisschen am Motor herumästeln und erstaunlich nahe am Verhandlungspreis ansetzen.

Der goldene Mercedes bleibt vorerst in Essen unverkäuflich. Sharif hat das bei Marktschluss eingesehen. "Einfuhrbestimmungen und Zollgebühren ändern sich ständig", erzählt Janek aus Polen. "Ist aber halb so schlimm", fügt er hinzu, denn die Händler wissen meist lange vorher Bescheid. Die meisten Staaten haben Altersgrenzen erlassen. Kein Land will mehr als Autofriedhof für deutsche Schrottkarren herhalten. Bei fünf, sechs Jahren ist fast im gesamten ehemaligen Ostblock Schluss. Der Schrott geht jetzt nach Afrika. "Da bestimmt noch der Marktwert die Zollkosten." Das führt dann dazu, schmunzelt Janek, dass die Afrikaner die Tachos nicht wie üblich herunterdrehen, sondern hoch auf Kilometerstandzahlen von 700.000 und mehr. Manche schrauben sogar Lampen und Kotflügel ab. Ein afghanischer Händler bietet Behindertentransporter an: "Wo Krieg war, sind die ganz begehrt." Die Männer auf dem Automarkt sind da ganz unsentimental. Zwei solcher Transporter hat er schon nach Kabul an seinen Onkel geliefert. Auch der Irak ist Gesprächsthema. "Handelsboykott und Krieg", sagt Janek, "da ist die Nachfrage riesig." Gerüchten zufolge sind irakische Händler schon seit Monaten auf den Märkten präsent, Klimaanlage Pflichtausstattung.

Mittagspause im Autokino-Drive-Inn. An weißen Plastiktischen werden die ersten Geschäfte diskutiert. Auf den Oberarmen der Männer prangen eddingdicke Tätowierungen. Kyrillische Schriftzeichen. Herzen. Ein unbeholfener Totenschädel, darunter steht "Angola viseu". Man trinkt Kaffee und Bier. Ein bisschen wirkt hier alles wie in einem postmodernen Goldgräberdorf. Der Autohandel bietet vielen die letzte Existenzgrundlage. Zum Beispiel Igor aus Georgien. Gerade hat er einen Ford Transit ersteigert. Alle zwei bis drei Wochen reist er mit seinem Partner nach Essen. 8.000 Kilometer, hin und zurück. "Schweres Business", sagt er. Igor hat vier Kinder, und die muss er ernähren. Normale Arbeit gibt´s keine für ihn in Tiflis. Nach Abzug der Zollkosten und Transitgebühren bleibt pro Wagen nicht viel. Zum Leben reicht es aber. Und das ist schon etwas in Georgien, sagt er.

Die Stimmung unter den Verkäufern ist in den letzten Jahren schlechter geworden: "Die Gewinnspannen sind deutlich geschrumpft. Einfuhrbeschränkungen und der Euro sind Schuld." Das sagt nicht der Arbeitgeberpräsident, sondern Wassily, ein Russlanddeutscher aus Paderborn. "Die meisten wollen die Autos fast für umsonst kaufen, weißt du", klagt er in breitem Akzent und winkt resigniert ab. Seit Stunden sitzt er in seinem 230er Mercedes, wartet auf Käufer, und qualmt eine Zigarette nach der anderen. Die Umtauschkurse zum Dollar sind schlecht und in den Zielländern wechseln die Autos gegen Dollars ihre Besitzer. Wassily verbessert mit dem Autohandel seinen mickrigen Lohn als Kellner in einem russischen Restaurant. Er will anonym bleiben wie die meisten hier. "Leben ist hart", das nimmt man dem 50-Jährigen mit seinem großen Stalin- Schnurrbart und den riesigen tätowierten Oberarmen ohne Zögern ab. "Mehr als zwei, dreihundert Euro ist pro Auto nicht mehr zu holen", sagt Wassily. "Lohnt sich kaum noch", fügt er hinzu. Früher, da war alles besser. Nicht nur in der Sowjetunion. Auch hier in Essen.

Von den goldenen Zeiten des Essener Automarkts schwärmen alle und schwelgen in Erinnerungen an die Zeiten, als es noch keinen Euro gab, keine Einfuhrbeschränkungen für alte Autos und ganz Osteuropa nach Westwagen gierte. Bis vor sieben Jahren herrschte in Essen Vogelheim an den Wochenenden ein regelrechter Ausnahmezustand. "Die Händler reisten schon innerhalb der Woche an, das ganze Viertel war zugeparkt mit baltischen und russischen Sattelschleppern, die auf den großen Markttag warteten", erzählt Karl Heinz Endruschat, der jahrelang für die Grünen im Bauausschuss saß und der den 13-jährigen Kampf der Stadt Essen gegen den "wilden Automarkt" miterlebte. Über 100 Artikel darüber finden sich im Archiv des Lokalteils der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Themen: Raub, geklaute Autos, Müll und Pöbeleien. 10.000 Osteuropäer "fielen" allwöchentlich in den beschaulichen Arbeiterstadtteil ein. Wenn man an der Ampel anhielt, so die Legende, wedelte schon irgendein Russe mit einem dicken Geldscheinbündel.

Auch die Händler erzählen von wilden Zeiten, in denen alles möglich war. "Da konnteste noch richtigen Schrott verkaufen", erzählen viele. "Es ging alles, Hauptsache vier Räder." Die Nachfrage war unglaublich groß, auch nach anderen Dingen. "Da ging dat richtig zur Sache, da konnteste auch ´ne Maschinenpistole oder Handgranaten hier kaufen, da gabet noch keine Kontrollen, so wie heute", sagt Heinz, der für seinen libanesischen "Boss" seit zehn Jahren auf dem Markt steht.

Eine ganze Zuliefererwirtschaft hatte sich in den neunziger Jahren um den Autokinomarkt angesiedelt, die den Anwohnern und Ordnungsdezernenten ein Dorn im Auge war. Illegale Autowerkstätten, die sich zu Dutzenden in den Hinterhöfen niederließen, fingen unter der Woche an, den Autoschrott zurechtzuhämmern. In Wohnungen wurden Matratzenlager für weit gereiste Händler vermietet. Die Stadt stand unter Handlungszwang. Bürgerinitiative und Lokalzeitung zogen gemeinsam gegen den Automarkt zu Felde. Ohne Erfolg. Die Münchner Betreiberfirma, Eigentümerin des Autokinos, behielt juristisch die Oberhand. Mit einigen wenigen Ordnungsmaßnahmen, wie der Verhängung von Übernachtungsverboten und stärkerer Polizeipräsenz, hat die Stadt seit 2002 aber zumindest die "wilden" Auswüchse des Markts beseitigt.

Am Spätnachmittag haben sich die Reihen auf dem Stellplatz gelichtet. Wassily will gar nicht mehr wiederkommen. Sharif auf jeden Fall, aber ohne goldene Benzinschleuder. Aus dem Stadion weht Regionalligajubel. Geschäftig zu geht´s jetzt nebenan in der Wartehalle der Firma Leckebusch. Leckebusch beschafft Zollkennzeichen, die individuell auf die Route der Fahrer abgestimmt sind. Es riecht nach Transit und Fremde. Die Halle sieht aus wie ein Schiffsbauch. Unrasierte Männer in Trainingsanzügen und Schlappen laden schnell noch Fernsehgeräte in Kofferräume. Andere spielen Karten und trinken Dosenbier. "So um die zehn Tage dauert die Fahrt nach Ulan Bator", sagt Dimitri, "wenn alles gut geht, an den Grenzen und so."


00:00 31.10.2003

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