Der Schulz-Effekt

Zuversicht Weniger als drei Monate vor der NRW-Wahl herrscht in der Landes-SPD Euphorie. Viele Jüngere treten neu in die Partei ein
Nora Kolhoff | Ausgabe 08/2017 2
Der Schulz-Effekt
Erfolgreich ergriffen kurz vor der Wahl: Hannelore Kraft

Foto: Revierfoto/Imago

Auf dem SPD-Parteitag in Düsseldorf begrüßt Hannelore Kraft die Delegierten gut gelaunt: „Die Stimmung ist gerade prächtig“, ruft sie. Und kommt als Erstes auf die zahlreichen Neumitglieder zu sprechen. 1.900 Menschen sind der SPD in Nordrhein-Westfalen seit Anfang Januar beigetreten. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr waren es gerade einmal 3.300. Der Schulz-Effekt hat sich hier in seiner Heimatregion schnell gezeigt. „Wir sind stolz, dass er einer von uns ist“, sagt Kraft – und bekommt allein für diese Aussage großen Applaus.

Spricht man mit SPD-Mitgliedern aus den Ortsverbänden, drängt sich der Eindruck auf, dass die veränderte Stimmung nicht am Parteiprogramm oder der Landesvorsitzenden, sondern einzig und allein am neuen Kanzlerkandidaten liegt. An der Basis erzählen fast alle das Gleiche: Sigmar Gabriel sei einfach unbeliebt gewesen, hinter vorgehaltener Hand hätte man sich einen anderen Spitzenkandidaten gewünscht.

Axel Heimsath, der seit fast zwanzig Jahren in der SPD in Waltrop im nördlichen Ruhrgebiet aktiv ist, berichtet, dass viele Mitglieder im Ortsverein ein Problem mit Gabriel hatten. Jetzt habe man bereits einige Neumitglieder gewonnen, die Genossen seien euphorisch. „Schulz ist der Funke Hoffnung, auf den jeder gewartet hat.“

Zwei von denen, die die SPD in ihrem derzeitigen Optimismus bestätigen, sind Sam Kirch und Daniel C.. Die beiden hatten sich vorgenommen, in die Partei einzutreten, falls Schulz kandidiert. In der vergangenen Woche haben sie zum ersten Mal beim Stammtisch im Kölner Stadtteil Ehrenfeld vorbeigeschaut. Kirch und C. haben beide in Maastricht studiert und dort viele Menschen getroffen, die von Europa, dem Erasmus-System und offenen Grenzen profitierten. Das hat sie geprägt. „Schulz kann die europäische Idee einfach gut erklären“, sagt der 27-jährige C..

Auch für Kirch ist das ausschlaggebend: „Für mich steht er für zwei Themen. Das Wir in Europa anstelle von einzelnen Nationalstaaten – und die klare Haltung gegen Rechtspopulismus.“ Schulz sei momentan der einzige deutsche Politiker, der rechten Politikern rhetorisch richtig etwas entgegensetzen könne. Und C. sagt: „Ich traue Schulz auch zu, Leute wie Putin oder Trump in ihre Schranken zu weisen.“ Das habe er unter anderem bewiesen, als er einen griechischen Abgeordneten der rechtsextremen Partei Goldene Morgenröte wegen rassistischer Äußerungen aus dem EU-Parlament schmiss.

Europäisches Lebensgefühl

In zwei Regionen Nordrhein-Westfalens hat es in den vergangenen Wochen besonders viele Neueintritte gegeben: in Köln und in Aachen. Die westlichste deutsche Großstadt Aachen ist nur knapp zehn Kilometer von Schulz’ Heimatort Würselen entfernt. Zudem liegt Aachen direkt im Dreiländereck: Belgien, Niederlande, Deutschland. Auch Sam Kirch ist hier geboren und hat in allen drei Ländern für längere Zeit gelebt. „Ich kann nicht sagen, ich habe die oder die Heimat. Ich fühle mich einfach als Europäer.“ Ein ähnliches Lebensgefühl vermittele Schulz, meint der 26-Jährige. Wovon er und Daniel C. als Studenten so profitiert haben – europäische Freundschaften, europäisches Denken –, könne Schulz nicht nur ihnen vermitteln, sondern auch der Arbeiterschaft, ist Kirch überzeugt. Und vor allem auch denen, die sich momentan von der Politik vergessen fühlten.

Die Euphorie bei den NRW-Sozialdemokraten speist sich auch aus den Umfragewerten: In der neuesten Erhebung von Infratest dimap im Auftrag des WDR vom vergangenen Sonntag kommt die SPD in NRW auf 37 Prozent. Das sind immer noch zwei Prozentpunkte weniger als bei der letzten Landtagswahl, aber gleichzeitig fünf Punkte mehr als bei der letzten Umfrage Ende 2016. Und natürlich will die NRW-SPD sich im Wahlkampf zunutze machen, dass Schulz aus der Region kommt. „Wir hatten nicht immer Rückenwind aus Berlin“, sagt der Landtagsabgeordnete Falk Heinrichs. „Da hilft es, wenn jetzt einer den Parteivorsitz hat, der selbst Rheinländer ist.“

In Köln kandidiert Susana dos Santos Herrmann für einen Sitz im Landtag. Als sie die Push-Nachricht auf ihr Handy bekam, dass Schulz der SPD-Kanzlerkandidat werde, habe sie zuerst gedacht: „Wahnsinn, super, dass er das doch eingesehen hat!“ Sie meint damit Sigmar Gabriel. Mit Schulz würden nun die Karten neu gemischt. In NRW glaubt sie an einen Wahlsieg der SPD. Auf Bundesebene ist sie sich nicht sicher. Auf jeden Fall werde die Verhandlungsposition aber eine bessere sein, als sie es unter Gabriel je hätte werden können.

Auffällig ist, dass es in den vergangenen Tagen neben Neueintritten auch mehr als 150 Wiedereintritte gab. „Viele haben sich abgekoppelt gefühlt und werden jetzt wieder aktiv“, sagt der Landtagsabgeordnete Heinrichs. Ihn stört es ein wenig, dass sich die Parteimitgliedschaft so stark an einer Person festmacht. „Andererseits bin ich froh, wenn junge Leute überhaupt noch politisch mitwirken.“ Die Hälfte der neu eingetretenen Mitglieder ist unter 38 Jahren, heißt es von der SPD-Pressestelle.

Gerade die jungen Neumitglieder begründen ihren Eintritt mit den Ereignissen des vergangenen Jahres – dem Brexit, der Wahl Trumps und den hohen Umfragewerten der AfD. Die Jüngeren haben das Gefühl, dass ihre Generation sich aktiver einbringen muss. „Viele haben auf eine Art linken Guttenberg gewartet“, beschreibt Daniel C. das. Nur natürlich ohne dessen wissenschaftliches Fehlverhalten.

Die Kölnerin dos Santos Herrmann glaubt, dass es momentan vor allem um den allgemeinen politischen Kompass geht. „Die Details wollen die Leute gar nicht wissen.“ C. und Kirch geben zu, dass sie keine Ahnung haben, was genau Schulz innenpolitisch durchsetzen will. Das Gespräch mit dem Freitag führen sie aber auch vor der Ankündigung von Schulz, das Arbeitslosengeld I etwas länger zahlen zu wollen – und damit ein Stück weit von der Agenda 2010 abzurücken. Persönlich wünschen sich C. und Kirch eine rot-rot-grüne Koalition bei den Bundestagswahlen.

Zunächst stehen aber die Landtagswahlen an: Am Ende des Parteitages in Düsseldorf wird Kraft einstimmig zur Spitzenkandidatin gewählt – ohne Gegenstimmen oder Enthaltungen. „Auf die NRW-SPD kommt es an. Wir hatten das schon einmal und wir haben geliefert“, ruft Kraft zum Abschluss in die Menge.

Hört man aber auf die Mitglieder im Parteitagspublikum, kommt es in diesem Wahlkampf vor allem auf den Mann aus Würselen an. Der Druck auf Schulz ist riesig. Doch inmitten des Hypes wird auch das positiv gesehen. Denn er wisse, wie man mit schwierigen Situationen umgehen müsse, sagt dos Santos Herrmann. Schließlich war er in seiner Jugend zeitweilig arbeitslos und alkoholabhängig. „Wer einmal in seinem Leben so tief gesunken ist und sich da rauskämpfen konnte, der kann auch damit umgehen, wenn es mal nicht läuft.“

Am Wochenende nach dem Parteitag muss dann erst mal nur noch der FC Köln um Bundesligapunkte kämpfen. C. geht regelmäßig ins Stadion. Und vielleicht, hofft er, ist Martin Schulz ja auch da. Schließlich sei Schulz bekennender FC-Fan.

06:00 22.03.2017

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