Der schwule Staatsfeind

LGBT+ Die Netflix-Doku „Hating Peter Tatchell“ erzählt von einem Aktivisten – und vom Hass gegen ihn
Der schwule Staatsfeind
Peter Tatchell (kariertes Hemd) bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Moskau – „Die Homo-Hasser wollen, dass ich aufgebe. Also mache ich weiter.“

Foto: Maxim Zmeyev/AFP/Getty Images

Sieht so Englands meistgehasster Mann aus? Peter Tatchell sitzt einfach nur da, ein hagerer Mann mit spitzer Nase und schmalen Lippen, er trägt lila Sakko und eine schwarze Krawatte mit rotem Blumenmuster. Er wirkt zurückhaltend, fast reserviert, irgendwie britisch. Er strahlt den Charme eines Buchhalters aus. Doch Peter Tatchell ist nicht zu unterschätzen. Es gab Zeiten, da zitterte die englische Öffentlichkeit vor diesem Mann. In den 90ern galt er als Staatsfeind Nummer eins, wurde gar als „schwuler Terrorist“ bezeichnet. Er stürmte mitten in der Predigt die Kanzel des Erzbischofs von Canterbury. Er outete zehn Bischöfe als schwul.

Heute gilt Peter Tatchell im Vereinigten Königreich als nationale Institution, als Vorbild in seinem Engagement für Menschenrechte. Ein Mann, dem heute auch einstige Gegner Respekt zollen, der sich ohne Rücksicht auf eigene Gesundheit gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt einsetzt. Kaum jemand hat in Großbritannien so viel für die Gleichstellung sexueller Minderheiten getan wie er. Netflix widmet dem 69-Jähren einen 90-minütigen Dokumentarfilm. Hating Peter Tatchell erzählt von Aktivismus. Wie sich zwar öffentliche Meinung und staatliche Politik ändern können, wie aber dennoch Hass bleibt.

Körbeweise Hasspost

Im Laufe seines 54-jährigen Aktivismus sei er mehr als 300-mal angegriffen worden, schreibt Tatchell in einem Gastbeitrag im Guardian, es habe 50 Attacken auf seine Wohnung gegeben, ein halbes Dutzend Mordpläne und Zehntausende Hassnachrichten und Todesdrohungen. „Das Ziel gewalttätiger Angriffe zu sein, kommt mit der Sache“, erklärt Tatchell in der Doku ohne große Gefühlsregung. „Das treibt mich auch an: Die Homophoben, die gegen mich sind, wollen ja, dass ich aufgebe.“ Also macht er weiter.

In der Doku erinnert er sich, woher sein Unrechtsbewusstsein kommt. Als er elf Jahre alt war, hörte er im heimatlichen Melbourne (Australien) von einem Anschlag weißer Rassisten auf eine Schwarze Gemeinde in Alabama. Vier Mädchen wurden ermordet. Die Bürgerrechtsbewegung der USA wurde sein großes Vorbild. „Später übernahm ich ihre Ideale, Werte und Methoden in meinen eigenen Aktivismus für Menschenrechte.“

Auch der Protest gegen den Vietnamkrieg prägte ihn. Mit 15 nahm er an Demos dagegen teil und erlebte, wie sich die öffentliche Meinung änderte und den Krieg schließlich ablehnte. Diese Erfahrung war wichtig für sein weiteres Engagement: Aktionen beeinflussen Berichterstattung, Menschen und schließlich die Politik.

Im Jahr 1971 zog Peter Tatchell nach London, um nicht als Soldat nach Vietnam gehen zu müssen. Dort schloss er sich der „Gay Liberation Front“ an und wurde bald zu einem ihrer führenden Aktivisten. Er entwickelte seine späteren Strategien: Öffentlichkeit herstellen über medienwirksame Aktionen, immer gewaltfrei, aber unter Missachtung von Gesetzen, falls erforderlich. „Wie die Suffragetten und die Bürgerrechtsbewegung in den USA müssen wir ein bisschen wütend und konfrontativ werden. Wir haben versucht, uns an die Regeln zu halten, es hat nicht funktioniert, und nun werden wir die Regeln brechen.“ Er kalkulierte, dass es in Ländern wie den USA, Großbritannien oder Australien etwa 50 Jahre dauern würde, Gleichberechtigung für LGBT-Menschen zu erreichen.

Homosexualität wurde im Vereinigten Königreich zu jener Zeit noch teilweise strafrechtlich verfolgt. In Schottland und Nordirland war sie ganz verboten, in England und Wales galt ein Schutzalter von 21 Jahren und das Verbot homosexueller Handlungen in öffentlichen Räumen oder Hotels. Die Änderung dieser ungerechten Gesetze war schwer. Eine der Aktionen unter Tatchells Beteiligung waren Kiss-ins: Männer- und Frauenpaare küssten sich und stellten sich dann der Polizei, da sie ja das Gesetz gebrochen hatten. „Es bestärkte Lesben und Schwule ungemein, denn nun hatten sie das Gefühl, nicht immer nur das Opfer sein zu müssen“, sagt Tatchell. Zwar wurden homosexuelle Handlungen 1980 endgültig entkriminalisiert, doch mit der Thatcher-Regierung und unter dem Eindruck von Aids kam es in den folgenden Jahren zu einem gesellschaftlichen Rollback, der in der „Clause 28“ gipfelte, einem 1988 verabschiedeten Gesetz, das öffentlichen Stellen die „Förderung der Homosexualität“ verbot. Jede positive oder neutrale Erwähnung von Homosexualität in Schulen war damit untersagt – ähnlich wie es heute in Russland der Fall ist, auch Ungarn verabschiedete jüngst ähnliche Gesetze.

Die britischen Lesben und Schwulen reagierten mit Wut, gründeten die Organisation „OutRage“ und kämpften gegen die Regelungen. Erst unter dem Labour-Premierminister Tony Blair wurde das Gesetz 2003 abgeschafft. Vor diesem Hintergrund sind die selbst in der LGBT-Community umstrittenen Aktionen der 90er zu verstehen: 1994 outete Peter Tatchell zehn Bischöfe als schwul. Und am Ostersonntag 1998 unterbrachen er und weitere Aktivisten vor laufenden Kameras die Predigt des Erzbischofs von Canterbury, George Carey. Dieser hatte wiederholt erklärt, gleichgeschlechtliche Beziehungen stünden nicht in Einklang mit der Bibel.

Einer wie Jesus

Die Aktivisten wurden aus der Kirche gezerrt und vor Gericht gestellt, die öffentliche Meinung war gegen ihn: Wieso gegen Kirchenmänner vorgehen, wieso deren sexuelle Orientierung publikmachen? Tatchell wurde als „schwuler Terrorist“ (Daily Mail) und „meistgehasster Mann Großbritanniens“ bezeichnet. Erzbischof Carey beklagte eine „Politik der verbrannten Erde“, mit der man sich keine Freunde mache.

Heute hat sich das komplett gewandelt. In der Doku vergleicht George Carey Tatchell tatsächlich mit Jesus, beide seien Figuren des Guten und der Gleichheit, Männer von tiefen Überzeugungen. „Auch Jesus hat das Wort gegen die Mächtigen erhoben und die kleinen Leute vertreten. Zwar heißen manche von uns die Taktiken von Tatchell auch heute nicht gut, dennoch kann niemand bezweifeln, dass er auf der richtigen Seite der Geschichte steht.“

Das stellte Peter Tatchell auch in den folgenden Jahren unter Beweis, als er seinen Fokus von Großbritannien auf die Welt vergrößerte. Zweimal versuchte er Robert Mugabe, den damaligen Diktator von Simbabwe, zu verhaften, im Rahmen eines „Citizen Arrest“, der durch jede*n Brit*in bis zum Eintreffen der Polizei durchgeführt werden kann. Vor laufenden Kameras wurde er von Mugabes Leibwache verprügelt – und machte so auf die Menschenrechtsverletzungen aufmerksam. Ähnliches versuchte er in Russland, das in den Nullerjahren immer restriktiver gegen LGBT vorging. Beim Moskauer Pride-Marsch 2007 wurde Tatchell von Nationalisten fast bewusstlos geschlagen und wie der Grüne Volker Beck verhaftet. Die Doku begleitet Tatchell auch bei einer Aktion zur Fußball-WM 2018, bei der er auf die Verfolgung von LGBT in Tschetschenien aufmerksam machen möchte. Wie der hagere Mann auf dem Roten Platz sitzt und in sein Handy tippt, so allein, so klein – kaum zu glauben, dass die Autoritäten vor ihm Angst haben können. „Die eine Sache, die alle Tyranneien fürchten, ist Medienberichterstattung über ihre Menschenrechtsverletzungen“, erklärt Tatchell. „Das macht Protest so wirksam.“

Info

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06:00 30.06.2021

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