Tobias Münchmeyer
Ausgabe 0216 | 10.02.2016 | 06:00

Der Teufel hat die Kohle verscharrt

Ausstieg Die Kohle war der Stoff der Träume für Industrielle, Poeten und Sozialdemokraten. Bald ist der Ofen aus

Günter Jurischka deutet auf die krause Wasserfläche. „Dort bin ich geboren“, sagt er leise – und weist zur Mitte des Sees. Sein Heimatort Rosendorf lag auf der Braunkohle. Der wurde abgebaggert, als er ein junger Mann war. Später ist das „Tagebau-Restloch“ mit Wasser geflutet worden. Heute lebt Jurischka zwei Kilometer entfernt in Proschim. 2024 will der Vattenfall-Konzern auch Proschim räumen und abbaggern. Es geht wieder um Kohle.

Als die Bilder der Pariser Klimakonferenz in Deutschland über die Bildschirme flimmerten, sah man Barbara Hendricks weinen. Die Umweltministerin heulte vor Freude über das Klimaabkommen. Dem Gipfel gelang, was kaum einer für möglich gehalten hätte: Die Staaten der Welt einigten sich darauf, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Dazu erklärten sich nicht nur die Industrie-, sondern auch die Schwellenländer bereit, die Verbrennung fossiler Energieträger zu reduzieren. Für Deutschland wird das den Abschied von der Kohle bedeuten.

Wenn die Bilder aus den Partei- und Kabinettssitzungen über die Fernseher flimmern, wird man Barbara Hendricks vielleicht bald wieder weinen sehen. Denn der Ausstieg in Deutschland fällt schwer. Als dieser Tage eine Energie-Agentur ein Ausstiegsszenario aus der deutschen Kohlenutzung entwarf, da reagierte der ebenfalls zuständige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel kühl. Er nehme den Vorschlag, der ein Ende der Kohleverstromung bis 2040 vorsieht, zur Kenntnis. Aber man könne halt nicht gleichzeitig aus der Atom- und der Kohleenergie aussteigen. Das war wieder ein Dämpfer für Umweltministerin Hendricks. Sie hatte das schon beim G7-Gipfel in Elmau erlebt. Auch dort gab es einen wegweisenden internationalen Ausstiegsbeschluss – und wenige Tage später hatte die Kanzlerin die Dekarbonisierung für Deutschland gebremst.

Warum ist es für die Deutschen so schwer, aus der Kohle auszusteigen? Das versteht man besser, wenn man in die deutsche Industriegeschichte zurückblickt. Sie ist ohne die Kohle nicht erzählbar.

Der brennende Berg

„Wir traten in eine Klamme und fanden uns in der Region des brennenden Berges. Ein starker Schwefelgeruch umzog uns; die eine Seite der Höhle war nahezu glühend, mit rötlichem, weißgebranntem Stein bedeckt; ein dicker Dampf stieg aus den Klunsen hervor und man fühlte die Hitze des Bodens auch durch die starken Sohlen.“ Schon ahnt man Mephistopheles um die Ecke schleichen. So liest es sich tatsächlich bei Johann Wolfgang von Goethe, allerdings nicht im „Faust“, sondern in seinem Bericht über eine Expedition zu den saarländischen Kohlegruben im Jahre 1770.

Der große Boom der Kohle setzte ein paar Jahre später ein, mit dem Siegeszug der Dampfmaschine. Das war zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Zuerst in England, dann auch in Deutschland und Frankreich trieb die Kohle dampfend und stampfend die Industrielle Revolution voran: Hüttenwerke, Dampfschiffe und Eisenbahnlokomotiven verschlangen immer größere Mengen des schwarzen Gesteins. Die Kohle war der Stoff der Träume für Erfinder, Unternehmer, Könige und Generäle – hundert Jahre vor dem Boom des Erdöls.

Das Graben im dunklen Reich des Untergrunds, das sonst der Bestattung der Toten vorbehalten war, der Aufschluss von Flözen, das Bohren endlos langer Schächte und Stollen – all das wirkte wie ein Sakrileg in den christlich geprägten Gesellschaften des 19. Jahrhunderts. Die dunkle Tiefe faszinierte auch: Ein Vorfall in einem Bergwerk im schwedischen Falun inspirierte Richard Wagner zu einem Libretto: Ein Bergmann kehrt von der letzten Schicht vor seiner Hochzeit nicht zurück. Erst 40 Jahre später wird sein Leichnam gefunden. Der Schacht in die Tiefe stand für den Verbindungsweg vom Bewusstsein ins Unbewusste, vom Leben in den Tod.

Die Kohle ersetzte bald die Muskelkraft von Mensch und Tier. Die Dampfmaschine war eine Erlösung von jahrtausendealten Mühen und Qualen. Zugleich nötigte die Kohleförderung die Menschen zu schwerer körperlicher Arbeit. Bergunglücke mit Toten und Verletzten, Vergiftungen und Erkrankungen sind ständige Begleiter des Bergmannberufs. Industrialisierung ohne Kohle – undenkbar.

Die Kohle wurde so auch zum Symbol für den ausbeutenden Charakter der Arbeit im Zeitalter der Industrialisierung. Friedrich Engels schildert die Arbeit von Kindern ab elf Jahren in den Flözen Nordenglands, um „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ zu charakterisieren. Charles Dickens widmet sein Essay „A coal miner’s evidence“ den entsetzlichen Bedingungen unter Tage. Und 1885 erschüttert Émile Zola die französische Nation mit seinem Epos Germinal, das brutale Ausbeutung durch die Industrialisierung am Beispiel der nordfranzösischen Bergwerke schildert.

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts kamen erste Zweifel an der Kohle auf. Der Gründer der SPD, August Bebel, prophezeit: „Nicht allzufern ist der Tag, da die Ausnutzung der Sonnenstrahlen unser Leben revolutionieren wird, von der Abhängigkeit von Kohle und Wasserkraft befreit sich der Mensch, und alle großen Städte werden umringt sein von gewaltigen Apparaten, regelrechten Sonnenstrahlenfallen, in denen die Sonnenwärme aufgefangen und die gewonnene Energie in mächtigen Reservoirs aufgestaut wird.“

Die Kohleförderung machte grundsätzliche Fragen von Armut und Gerechtigkeit, von Klassenkampf und Sozialdemokratie zu existenziellen Themen. Aber die Ausbeutung der Bergarbeiter war nicht nur ein Phänomen der frühkapitalistischen Gesellschaften. In der Sowjetunion machte Stalin den Rekord-Bergmann Alexej Stachanow zu einer Art Proletarier-Ikone. Stachanow hatte in einer Schicht im Jahr 1935 in einem Bergwerk im Donbass seine Arbeitsnorm um das 15-Fache übererfüllt. In seinem Namen wurden ganze Generationen sowjetischer Arbeiter zu immer weiteren Höchstleistungen angetrieben.

In Deutschland war die Kohle die stoffliche Grundlage für die technischen Fortschritte des 19. Jahrhunderts – und auch für zwei katastrophale Weltkriege. Ohne Kohle kein Krupp-Stahl. Ein regelrechter Kohle-Mythos entstand in Deutschland gerade nach dem Zweiten Weltkrieg. Kohleförderung und Stahlproduktion stehen symbolisch für Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. 1952 wurde die „Montanunion“ gegründet. Aus diesem Wirtschaftsbündnis zur Kohle- und Stahlproduktion entwickelte sich später die Europäischen Union.

Schmutzige Arbeit. Und ehrlich

Die Arbeit unter Tage galt als harte und schmutzige, aber ehrliche Arbeit, die in treuer Solidarität unter den Kohle-Kumpels geleistet wurde. 1957 arbeiteten in der Bundesrepublik knapp 800.000 Menschen in der Kohle. 1963 kam es zum „Wunder von Lengede“, als das ganze Land tagelang mit einer Gruppe verschütteter Bergleute bis zu ihrer Rettung fieberte. Jürgen von Mangers Tegtmeier machte Ruhrpott-Deutsch zum Kult und Herbert Grönemeyer sang „Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt“. Besonders gepflegt wurde der Kohle-Mythos in den Fußballklubs des Ruhrgebiets. Viele ihrer Spieler entstammten dem Bergmanns-Milieu, und einige wenige arbeiteten sogar selbst noch unter Tage wie der legendäre Ernst Kuzorra von Schalke 04, jenem Verein, der seine Spieler bis heute „die Knappen“ nennt und dessen Fans vor jedem Heimspiel das Steigerlied, die Hymne der Bergleute, intonieren.

„Glückauf, der Steiger kommt“ wird bis heute auch inbrünstig bei den Bundesparteitagen der SPD gesungen, der „Kohle-Partei“ Deutschlands. Doch schon 1961 zog Willy Brandt in den Bundestagswahlkampf mit dem Slogan: „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“. Man kann dies als die Geburtsstunde deutscher Umweltpolitik begreifen. Die siebziger und achtziger Jahre standen im Zeichen des Zechensterbens. Die deutsche Steinkohle war im internationalen Vergleich zu teuer geworden. Die Milliarden-Subventionen für den Kohlebergbau wurden Schritt für Schritt heruntergefahren. Streiks und Massendemonstrationen hielten den Strukturwandel nicht auf – ein Prozess, der sein Ende heute beinahe erreicht hat. Von den einst mehr als 180 Zechen sind nur noch zwei in Betrieb. Marl stellt noch in diesem Jahr die Arbeit ein und 2018 wird in Bottrop mit dem Bergwerk Prosper-Haniel die letzte deutsche Zeche geschlossen werden. Die Tage des Steinkohlebergbaus in Deutschland sind gezählt.

Die Kohle ist ein Umweltgift

Zwar wird noch 40 Prozent des deutschen Stroms in Kohlekraftwerken produziert – die verbliebenen knapp 30.000 Menschen in der Kohleförderung arbeiten jedoch fast alle in den Braunkohletagebauen. Vor allem in der ehemaligen DDR atmete die Literatur intensiv den Braunkohlenstaub: Wolfgang Hilbig war der Kohle so eng verbunden, dass seine Freunde ihn den „Heizer“ nannten. In seinem Gedicht „Das Meer in Sachsen“ (1977) schreibt er: in sachsen wüst und gottgewollt / trat erde über die ufer zerdrückte das meer / und seine lagunen mit mammutbäumen das meer / kocht und dampft in der kohle in sachsen“. Bei seiner Beerdigung warf man Hilbig ein Kohlebrikett als Beigabe in sein Grab.

Noch vor wenigen Jahren konnten RWE und Vattenfall auf Bustouren zu den Tagebauen mit ihren riesigen Braunkohlebaggern Touristen begeistern. Heute richtet sich der Blick mehr darauf, was die Schaufeln dieser Bagger hinterlassen: Kraterlandschaften und Restloch-Seen bis zum Horizont. Der Bagger braucht etwa drei Monate, um das 700 Jahre alte Dorf Proschim, in dem Herr Jurischka lebt, auszulöschen. Inzwischen wissen wir, dass Kohle als Stoff nicht nur Energieträger ist, sondern auch Umweltgift. Kohlekraftwerke sind die Hauptquellen für die klimaschädlichen CO2-Emissionen. Deshalb wäre der Ausstieg aus der Kohle der wichtigste Beitrag, den Deutschland zum Klimaschutz leisten kann. Neue Untersuchungen belegen zudem den erheblichen Feinstaub- und Schadstoffausstoß von Kohlekraftwerken. Die Hälfte der jährlichen Quecksilber-Emissionen in Deutschland stammt aus Braunkohlekraftwerken.

Die SPD freilich ist eine Arbeiter- und zugleich eine Kohlepartei. Sie häutet und quält sich zu einer nüchterneren Haltung gegenüber der Kohle, trotz Regierung in NRW und Brandenburg. Umweltministerin Barbara Hendricks ist Sozialdemokratin, sie kündigte bereits den „Abschied von der Kohle“ an. Sie weiß ihren Parteivorsitzenden hinter sich – aber was sollen Gabriels Bemerkungen zu Paris. Und nun sind es – verkehrte Welt – auch die Christdemokraten, die sich einem Kohleausstieg verweigern. Und das, obwohl der Klimaschutz-Papst eine Enzyklika gegen die Kohle schleuderte. Die Bundeskanzlerin drückt sich davor, ihre beim G7-Gipfel in Elmau angekündigte „Dekarbonisierung“ mit einem formellen Kohleausstiegsbeschluss ihres Kabinetts einzuleiten. Dabei weiß sie: Sie kann das Ende der Kohle nur verschleppen, aufhalten kann sie es nicht.

Wenn in etwa 25 Jahren wirklich das letzte Kohlekraftwerk in Deutschland geschlossen wird, schließt sich ein Kapitel deutscher Industriegeschichte. 200 Jahre des Grabens und Verfeuerns finden ein Ende. Zurück bleiben werden Klimazerstörung, verwüstete Tagebau-Landschaften und Bergschäden. Und die Erinnerung an eine Zeit, in der die Kohle nicht als Fluch, sondern als „Bodenschatz“ galt.

Günter Jurischka, der nicht aus Proschim weichen will, weiß dazu ein sorbisches Sprichwort: „Gott erschuf die Lausitz. Und der Teufel hat die Kohle darunter verscharrt.“

Tobias Münchmeyer ist Energie-Experte bei Greenpeace

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 02/16.