Der Tod der politischen Lyrik

Kulturkommentar Die "Zeit" entdeckt ihr Herz für politische Lyrik und lässt dabei nicht erkennen, dass eine substantielle, poetische Kritik der Verhälnisse erwünscht ist

Die Freunde der engagierten Poesie dürfen sich freuen: Die Zeit hat ihr Herz für die politische Lyrik entdeckt. Mindestens für die Dauer dieses Jahres soll jede Woche ein eigens dafür geschriebenes Gedicht in der Wochenzeitung erscheinen. Notabene im Politikteil soll es stehen, „an prominenter Stelle, nicht irgendwo rechts unten versteckt.“ Nun wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn eine auflagenstarke Zeitung ein weithin wahrnehmbares Forum für politische Lyrik schüfe, so wie man es begrüßen konnte, als der Deutschlandfunk sein „Gedicht des Tages“ einführte. Was stutzig macht, ist jedoch die Art und Weise, mit der die Zeit-Redakteure ihr Projekt begründen. Sie gehen davon aus, dass es das politische Gedicht eigentlich gar nicht mehr gibt. „Das ideologische Zeitalter ist vorbei, Gedichte mit partei­politischer, gar agitatorischer Absicht sind passé“, behaupten die Journalisten.

Das klingt zunächst plausibel. Für ein nennenswertes parteigebundenes Engagement der Dichter fehlt heute tatsächlich die Grundlage. Aber das bedeutet doch nicht, dass die politische Lyrik verschwunden ist. So erschien 2009 im Rotbuch-Verlag eine Sammlung mit neuen politischen Gedichten, die das genaue Gegenteil belegt. Gerade jüngere Lyrikerinnen und Lyriker hätten sich in den letzten Jahren verstärkt Themen wie Globalisierung oder Ausbeutung angenommen, schreibt Tom Schulz, der Herausgeber der Anthologie alles außer tiernahrung. Und die Art und Weise, wie sich der shooting-star der Szene Björn Kuhligk dem brutalen Grenzregime der EU nähert, ist zwar keineswegs agitatorisch, politisch sind seine poetischen Zugriffe auf die komplexe Wirklichkeit aber allemal. Ganz zu schweigen an dieser Stelle von den vielen Hip-Hop-Künstlern und Mundart-Dichtern, die auf zahlreichen Demonstrationen der vergangenen Jahre – zuletzt in Stuttgart – eine manchmal auch literarisch überzeugende Alternative zum oft eher drögen Agitationsjargon vieler Redefunktionäre boten. Und last but not least hat die Affäre Guttenberg gezeigt, wie twitter eine gewaltige poetische Energie zu entfesseln vermag.

Von solchen Einsichten ist die Zeit aber weit entfernt. Es fehlen ja schon weitgehend die „klassischen“ linkspolitischen Schriftsteller; ein Dietmar Dath oder ein Wiglaf Droste, von einem weniger bekannten Autor wie Michael Mäde ganz zu schweigen. Nein, das Projekt „Politische Lyrik in der Zeit“ lässt nicht erkennen, dass eine substanzielle, poetische Kritik der Verhältnisse erwünscht ist. Denn statt die Lyriker hierzu zu ermutigen, köderte man sie mit dem Angebot, große Politik aus der Nähe zu erleben. Was viele ambitionierte Journalisten auf gefährliche Abwege gebracht hat, dürfte in der Lyrik vor allem Murx zeitigen.

Harmlos denn auch, was uns die Zeit-Redakteure von den diesbezüglichen Wünschen der von ihnen eingeladenen Autoren berichten. „Eine Lyrikerin will statt in den Bundestag in den Kosovo, um dort mit deutschen Soldaten zu sprechen. Eine andere, die als Schülerin – fälschlicherweise – für eine FDPlerin gehalten wurde, möchte einen Tag mit Christian Lindner verbringen (…). Einige wollen Helmut Schmidt treffen. Einer will sich dahin setzen, wo der Politiker garantiert Mensch ist, in die Bundestagskantine.“ Bleibt zu hoffen, dass trotzdem die eine oder andere spannende Dichtung entsteht.

Vom Kultursoziologen Thomas Wagner erschien zuletzt Die Einmischer. Wie sich Schriftsteller heute engagieren

10:00 19.03.2011
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