Der Tod kam durchs Fliegengitter

Krimi Bald kommt „Bosch“ als Serienheld zurück. Bis es so weit ist, folgen wir ihm im Roman und hören dabei Jazz
Der Tod kam durchs Fliegengitter
Michael Connelly hat mit dem unangepassten Cop Harry Bosch einen modernen Philip Marlowe geschaffen

Foto: Imago/Leemage

Hat man zwar schon in allen Varianten gesehen, berührend ist sie dennoch diese Szene aus der TV-Serie Bosch, in der zwei ältere Polizisten in Zivil mal wieder eine Todesnachricht überbringen müssen. Solche Aufgaben können niemals Routine werden. Die Reaktion der Frau, die die Nachricht empfängt, spiegelt den Schrecken. Parallel wird gezeigt, wie Ermittler Harry Bosch dem toten Teenager allein in der Kühle des Pathologischen Instituts einen letzten Besuch abstattet. Den Soundtrack zu der dreiminütigen Sequenz bildet Charlie Hadens geflüsterte Version des Duke Ellington Standards Come Sunday.

Ein subtiler Albtraum des klassischen Neo-Noir, könnte man meinen, aber keine Schattenspiele erzählen die traurigen Geschichten, sondern die gleißende Sonne Kaliforniens. Sie lässt die Überbringer der Todesnachricht blinzelnd aus dem Auto steigen, der Schrecken strahlt in gleißenden Farben der Popkultur, sodass sich sogar die knallharte Ermittlerlegende mit Ray-Bans schützen muss. Bosch kehrt bald in die Wohnzimmer zurück: Amazon Prime Video hat die fünfte Staffel der Serie für den 19. April angekündigt.

Im Trailer treffen wir alte Bekannte. Mit dabei sind wieder Boschs Partner Jerry Edgar (Jamie Hector), der ewige Vorgesetzte Police Chief Irvin Irving (Lance Reddick) und Boschs nicht mehr ganz so nervige Tochter Maddie (Madison Lintz). Titus Welliver ist der stilecht unangepasste Cop Harry Bosch, er kennt die „Abkürzungen“, durch die man dem Polizeiapparat ein Schnippchen schlägt. Dieser moderne Philip Marlowe ist kaum von der Performance Wellivers zu trennen. Ein Typ, der in Anlehnung an Robert De Niros legendäres Method-Acting-Diktum auch ein hart gekochtes Ei spielen könnte.

Die literarische Vorlage zu der Fernsehserie bilden die Bosch-Romane des amerikanischen Autors Michael Connelly. Zuletzt ist in Deutschland der Roman Die Verlorene bei Droemer erschienen. In dieser Reihe löst Bosch bereits seinen 21. Fall. Und obwohl die Romanfigur ihrer TV-Version einiges an Lebenserfahrung voraushat, findet man durchaus Parallelen – auch hier grüßt Philip Marlowe allenthalben. Allerdings empfindet man fast Mitleid, wenn Connelly seinen Protagonisten für jeden Gin-Gimlet, den das große Vorbild in The Long Goodbye trinken durfte, zu einer Iced Latte bei Starbucks verdonnert.

In Die Verlorene muss Bosch gleich zwei Fälle lösen. Mittlerweile ist er als ehrenamtliche Teilzeitkraft beim Police Department von San Fernando untergekommen – vom LAPD hat er sich in einem langen Rechtsstreit getrennt und verdient sein Geld hauptsächlich als Privatdetektiv. Im beschaulichen Vorort bekommt es Bosch mit einem Serienvergewaltiger zu tun, und dessen Täterprofil schließt auch einen zukünftigen Mord nicht aus. Der sogenannte Screen-Cutter dringt scheinbar wahllos in die Häuser seiner Opfer ein, indem er die Fliegengitter der Fenster zerschneidet. Dabei ist er den Polizisten zunächst immer einen Schritt voraus, er kennt seine Opfer genau, selbst deren Menstruationszyklen sind keine Geheimnisse.

Das literarische Motiv ist nicht brandneu: Niemand kann sich sicher sein, und die amerikanische Vorstadtidylle ist nur eine Illusion. Schwung in die Ermittlung bringt Boschs Sidekick Bella Lourdes, die nicht nur als Übersetzerin ins Spiel kommt – in San Fernando leben überwiegend Einwohner mit Latino-Hintergrund –, sondern der gerechten Sache eigenwillig ihren Stempel aufdrückt. Zusätzlich kommt Spannung auf: Ist Bella Lourdes womöglich in Gefahr?

Der Einstieg in den titelgebenden Fall könnte chandleresker (das Wort gibt es wirklich!) nicht sein – Bosch erhält Zutritt zum Haus des schwerreichen Großindustriellen Whitney Vance, eines fiktiven Patenkinds der Hollywoodlegende Howard Hughes. Vance gibt, da er sein weltliches Ende kommen sieht, dem Privatdetektiv den Auftrag, einen leiblichen Erben zu finden. Als Student hatte er sich mit einer Frau eingelassen – seine Familie sorgte für ein bitteres Ende der Mesalliance. Die Suche im großen Nirgendwo schafft die Möglichkeit, dem Fall eine besondere Topografie zu geben, nach und nach erkennt der Leser den Gott der Stadt, sieht diese Stadt der Engel mit anderen Augen, denn die eigentliche Hauptfigur in der Harry-Bosch-Serie ist doch der Moloch L.A. Darüber hinaus erklingt ein weiteres Leitmotiv in Die Verlorene. Ohne das große amerikanische Trauma geht es nicht: Die Verarbeitung des Vietnamkriegs gibt dem etwas konventionellen Whodunit-Plot den gesellschaftspolitischen Tiefgang, verbindet ihn mit den früheren Bänden.

Connelly flicht auch diejenigen Elemente ein, derentwegen die Bosch-Geschichten so erfolgreich fürs Fernsehen adaptiert worden sind. Die Bilder der Stadt und all der Jazz kulminieren da, wo Bosch zur Ruhe kommt. In seinem Haus in den Hollywood Hills blickt er hinunter nach Downtown L.A., hört Musik – „round midnight“ ist der Morgen unendlich weit. In diesen Momenten trinkt Harry Bosch Bier statt Kaffee, und die Sonnenbrille hat er abgesetzt.

06:00 14.04.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 1