Der unsichtbare Dritte

Terror Lutz Dammbecks Spurensuche in Sachen Unabomber führt zurück in die Anfänge der amerikanischen Cyber-Avantgarde

Die Bilanz des als "Unabomber" berühmt gewordenen Terroristen waren sechzehn Briefbomben, drei Tote, dreiundzwanzig Verletzte. 1978 detonierte die erste Bombe, mit der er auf sich und sein Manifest aufmerksam machen wollte. Er erzwang den Abdruck des als "Unabomber-Manifest" bekannt gewordenen Textes in der New York Times und der Washington Post. 1995 sah es das FBI als erwiesen an, dass der ehemalige Mathematikprofessor Theodore Kaczyinski der Täter war und verhaftete ihn.

Der Filmemacher Lutz Dammbeck hat sich auf eine Spurensuche begeben und dabei ein schwer entwirrbares Netzwerk aus Technik, Gegenkultur, Macht und Terror gefunden. In einem Film, einem Buch, das das Drehbuch des Films sowie das Manifest des Unabombers enthält, und einer Homepage hat er seine Ergebnisse niedergelegt.

Der Kameraschwenk ermöglicht einen Blick aus einem oberen Stock eines Penthouses in Midtown Manhattan, Nähe Central Parc, einem prestige- und geldträchtigen Ort, an dem der Verleger John Brockman arbeitet. Der nächste Interviewpartner, Stewart Brand, hat sich in ein altes Hausboot zurückgezogen, in dem er vor Computern sitzt und LSD-Geschichten aus den sechziger Jahren zum Besten gibt. Brand hatte den Ausdruck "Personal Computer" erfunden und seinerzeit einen "Whole-Earth-Catalogue" vertrieben, in dem es damals sowohl die neuesten High-Tech-Produkte wie auch Holzhütten für die Waldeinsamkeit à la Thoreau per Versand zu bestellen gab.

In seinem Film Das Netz - Die Konstruktion des Unabombers (2004) hat Lutz Dammbeck eine Vielzahl prominenter Digerati, so nennen sich die führenden Köpfe der globalen Cyber-Elite mit einem Zusammenschluss der Worte "Digital" und "Literati", zum Gespräch gebeten. Ihm war aufgefallen, dass das Vokabular der Kunstavantgarde der sechziger Jahre dem der Computerfreaks gleicht. Alle wollen die Grenze zwischen Kunst und Realität auflösen, beide Gruppen gehen davon aus, dass die Realität beliebig veränderbar und Entgrenzung des Bewusstseins eine Möglichkeit der Stunde ist.

Dammbeck übt sich in der hohen Kunst, Verknüpfungen herzustellen. Er zieht Linien zu Norbert Wiener, dem Erfinder der Kybernetik, zu der Macy-Gruppe, zu der Wiener wie andere führende Wissenschaftler der Zeit gehörten. Ende der vierziger Jahre versammelte sich in der Nähe von Los Angeles die wissenschaftliche Elite zum Brainstorming. Es war bereits klar, dass die Kybernetik als Wissenschaft der Zukunft nicht nur für die Datenübertragung grundlegend sein wird, sondern auch Fragen, wie das Bewusstsein kontrolliert werden kann, herausfordert. Ergo hospitierte bei den Treffen die CIA. Und Dammbeck stößt auf Ted Kaczynski, den Unabomber. 1971 zog sich der Mathematikprofessor Kaczynski in die einsamen Wälder Montanas zurück, schrieb an seinem anti-technologischen Manifest und versandte Briefbomben an prominente Digerati. Der Computerwissenschaftler David Gelernter verlor 1993 bei einem dieser Anschläge ein Auge und eine Hand.

In seinen Interviews stellt Dammbeck immer wieder die Frage nach diesem Unabomber und stößt auf seltsame Reaktionen. Seine Gesprächspartner verstummen, stottern herum, reden Unfug wie der ehemalige Nasa-Ingenieur, Raketenfachmann und Pentagonmitarbeiter Robert Taylor, der hervorragend kybernetische Systeme erklären kann, aber bei der Frage nach Kaczynski über Hitler, Al-Quaida und Krebs daherschwafelt. Die Bewusstseinssysteme der prominenten Digerati können diese Irritation nicht verarbeiten. Am gereiztesten reagiert mit John Brockman ausgerechnet derjenige, der die neuen Technologien als Geldmaschine nutzte.

Aber es wäre zu einfach, den Unabomber lediglich als Betriebsstörer zu identifizieren. Was Dammbeck nicht mehr zeigt, ist die Zeit nach der Verhaftung Kaczynskis. Bereits wenige Stunden danach verhandeln Beteiligte über Buchrechte. In den folgenden zehn Jahren gab es mehr als ein Dutzend Buchveröffentlichungen. Sogar Opfer wie Gelernter beteiligten sich am Unabomber-Business. Drawing Life: Surviving the Unabomber hieß sein Beitrag. Im Netz kursierte das Manifest des Unabombers, und seine Thesen fanden nicht nur bei versprengten Ökos und Alt-Hippies Anklang.

In Dammbecks Buch ist dieses Manifest, das ursprünglich Industrial society and its Future hieß, abgedruckt. Darin bekräftigt Kaczynski nochmals seine Feststellung, dass die Anschläge notwendig waren, um seine Thesen zu verbreiten. Er schreibt über "eine Revolution gegen das industrielle System", eine Revolution, die sich mit den Medien durchaus der Mittel dieses Systems bedienen darf. Es folgen Klagen über zu hohe Bevölkerungsdichte, die Vernichtung individueller Autonomie und Freiheit sowie eine marketinggestützte Künstlichkeit des Lebens. Technik wird gegen Natur ausgespielt, Individualismus und Selbstverwirklichung sind die Ideale, von denen aus die moderne, technikgestützte Gesellschaft kritisiert wird. Vieles davon ist anschlussfähig für Gruppen, die sich unbehaglich im System fühlen und nicht wissen, wie sie dieser Stimmung Ausdruck verleihen können.

Eines aber fällt neben all diesen Themen auf. Die ersten, die der Unabomber nach einer kurzen Einleitung ins Visier nimmt, um sie zu diskreditieren, sind die amerikanischen Linken. "Psychologie der modernen Linken" heißt es gleich zu Beginn des Manifestes. Diese Wendung entspricht nicht nur einer pathologischen Suche nach einem leicht zu identifizierenden Gegenstand. Brockman und die anderen aus der Cyber-Elite hatten so beredt von John Cage, Andy Warhol, den Drogen und der Gegenkultur geschwärmt. Sie taten es allerdings nur in anekdotischer Weise, wie ein Entrepeneur, der nostalgisch die wilden Anfänge bedenkt. Die damalige Avantgarde, die Gegenkultur der sechziger Jahre, ist so etwas wie der unsichtbare Dritte. Der Unabomber Kaczynski assoziiert bei Technologie noch eine linke, subversive Grundstimmung, und die renommierten Digerati werden von einem Terroristen herausgefordert, der in seiner Holzhütte in den Rockys Briefbomben bastelt.

In dieser Gemengelage wird schnell vergessen, dass mit Entgrenzung Ende der sechziger Jahre nicht die der Börsenkurse gemeint war, und die Gegenkultur mit ihren Cyber-Fantasien sehr viel mehr und anderes enthielt als das, was schließlich daraus wurde. Ob Brockman, als John Cage ihm ein Exemplar von Norbert Wieners Kybernetik in die Hand drückte, schon daran dachte, wie viel Dollar er dereinst daraus machen kann? Allenfalls bei den Geschichten von Stewart Brand, der noch in einem alten Hausboot empfängt und von LSD und offenen Systemen spricht, stellen sich Gedanken ein wie jener, dass wir alle, die wir vor einem PC sitzen, auch die Erben dieser Avantgarde, dieser Drogen-, Kunst- und Techno-Szene sind. Wir erinnern uns nur nicht mehr daran, weil die gegenwärtige Nutzung dieser Technologien nichts mehr davon enthält. Und konkurrierende Erzählungen wie die Garagenmythen der vielen kleinen Gates oder Howard Rheingolds Verklärung überschaubarer Netz-Communities, tragen das ihre dazu bei, dass das auch so bleibt.

Lutz Dammbeck hat den Unabomber als Ausgangspunkt für seine archäologische Spurensuche genommen. Explizite Interpretationen liefert er keine mit. Man könnte über zwei Amerikas nachdenken, die sich hier gegenüberstehen, jenes, das sich wie Kaczyinski bedroht fühlt und irrational und phobisch reagiert, und das der Technizisten, das Irritationen wie diese nicht verarbeiten kann. Man könnte über die zwei Arten von Komplexitätsreduktion spekulieren, wie sie einerseits Brockman Co und auf der Gegenseite der Unabomber vornehmen. Auch das Erstaunen spielt hinein, wie sich so etwas wie das heute allgegenwärtige und global dominierende Computersystem aus Anfängen wie jener der Macy-Gruppe und Norbert Wiener, der Subkultur der Sechziger entwickeln konnte. Lutz Dammbeck hat in seinem Netz viel Material gesammelt, das ergänzt, neu geknüpft und arrangiert werden kann.

Lutz Dammbeck: Das Netz - Die Konstruktion des Unabombers. Edition Nautilus 2005, 186 S., 13,90 EUR

www.t-h-e-n-e-t.com


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00:00 11.11.2005

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