Der Wald vor lauter Linien

Linoldrucke Linol kennen und hassen die meisten aus dem Schulunterricht. Doch mit Linoldrucken lässt sich höchst moderne Kunst schaffen, die reproduziert und auf ihre Art sampelt

Die Linolschnitt-Technik kennt man gemeinhin als olle Aufgabe aus dem Kunstunterricht der frühen Klassen, wo sich nur alle mit stumpfen Messern in die Finger geschnitten haben. Dass Linoldruck nichts Altmodisches, Dekomäßiges oder gar Aussterbendes sein muss und wie man die Technik im Zusammenhang mit zeitgenössischer Kunst weiterentwickeln kann, dieses Interesse treibt mich bei meinen Arbeiten an.

Die Irritation des Betrachters, die Verunsicherung, ob er nun vor einem Foto oder einer Edding-Zeichnung steht, ist dabei absolut gewollt und erwünscht. Die schwarze Fläche mit den weißen Linien, die Sie rechts sehen, gehört zu einer Landschaftsserie, bei der ich zahlreiche Zeichnungen von Waldfotos übereinander gelegt habe, bis der Wald als solches nicht mehr zu erkennen war. Diese Zeichnungen dienten mir anschließend als Vorlagen für meine Linolschnitte.

Ich glaube, der Grund für meine Beschäftigung mit dem Experiment „Linolschnitt als Reproduktion von abstrakten Zeichnungen“, rührt auch daher, dass ich in letzter Zeit an den Punkt gekommen bin, an dem mich Geschichten nicht mehr so sehr interessieren. Jetzt finde ich ein offeneres, abstrakteres Bild, vom Wald oder anderen Landschaften, spannender. Man sieht ein organisches Gewirr von Linien, das vielleicht Wald sein könnte. Aber es könnte sich auch um etwas ganz anderes aus unserem Bildgedächtnis handeln. Die eine Hälfte der sechsteiligen Serie habe ich, wie Sie rechts sehen, im Weiß-Linienschnitt gemacht, bei den anderen drei Schnitten ist es andersrum: Fläche weiß und Linien schwarz – was um einiges aufwendiger ist. Denn alles, was schwarz ist, bleibt stehen und alles, was weiß sein soll, muss weggeschnitten werden. Aber genau darum geht es: das Prinzip Zeichnung umzudrehen. Üblicherweise ist ein Strich sehr schnell gezeichnet. Aber schneiden Sie mal viele Striche aus eine Fläche aus …

Grundsätzlich fasziniert mich das Mischen der künstlerischen Medien und Techniken. Bei den Landschaften oben auf dieser Seite habe ich für die Vorlagen, mit Dokumentenfilmen gearbeitet. Ich wählte möglichst banale Motive und fotografierte die Umgebung, die nicht weiter als 500 Meter von meinem Haus entfernt ist. Ein Dokumentenfilm kennt keine Graustufen, weswegen er ursprünglich auch zum Ablichten von Dokumenten verwendet wurde. Die harten schwarz-weiß Abstufungen ermöglichten ein besseres Lesen der Schrift. Eine Landschaft besteht aber natürlicherweise aus Graustufen. Daher erzeugen die Linoldrucke, die auf diesen Fotos basieren, genau jene Irritation: Was sehe ich? Ein Foto? Eine Kopie? Eine Zeichnung? Oder einen Linoldruck?

Katharina Immekus, geboren 1970 in Olpe, hat in Leipzig und Kopenhagen Malerei studiert. Eine Auswahl ihrer Arbeiten, unter anderem Klischeedrucke von Phantombildern einiger ihrer Freunde, sind in der Leipziger Galerie B2 zu sehen:galerie-b2.de

Publikationen ihrer Arbeiten sind im Lubokverlag erschienen

lubok.de

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13:00 10.12.2011

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