Der zweite Abendtisch

Vaterbewältigung Joachim Fest, der am 8. Dezember 80 Jahre alt geworden wäre, erinnert sich an seine Kindheit in Berlin

Joachim Fests Vater Johannes hat sich geweigert, seine Erinnerungen an die Nazi-Zeit aufzuschreiben. Peinlich sei das, dekretierte er, "er gehöre nicht aufs Postament, auf dem sich die Memoirenverfasser ausstellten." Sein Sohn war schon bei Vatern anderer Ansicht, und in eigener Sache offenbar erst recht: Joachim Fest hielt sich sehr wohl für würdig, aufs Postament gestellt zu werden. (Die andere Erwägung, dass ihm - zumal nach seiner Tätigkeit bei der Bild-Zeitung, als er 2004 Oliver Hirschbiegels Filmerfolg Der Untergang mit einer reißerischen Artikel-Serie über des Führers letzte Tage im Bunker publizistisch flankierte - ohnehin nichts mehr peinlich zu sein brauchte, sei höflichkeitshalber verworfen.) Der frühere NDR-Chefredakteur, FAZ-Herausgeber und viel gelesene Hitler-Biograf, hat seine Erinnerungen an die Kindheits- und Jugendjahre vorgelegt. Sie sind kurz nach seinem Tod im September dieses Jahres im Rowohlt-Verlag erschienen, den übrigens sein Sohn Alexander leitet.

Das Buch Ich nicht ist eine Hommage an den Vater - und an den Autor selbst. Die Frage, ob diese Erinnerungen verschriftlicht gehörten, oder ob das peinlich ist, ist einer von nur zwei Vater-Sohn-Konflikten, von denen der Leser erfährt, denn rasch lernt er: Johannes Fest war ein der Bewunderung würdiger Mann - ein Schuldirektor, den die Zeit zum Sonderling machte, weil er die Nazis als "Verbrecherbande" empfand. "Auch wenn alle mitmachen - ich nicht" - dieser Satz, der Beteuerung des Petrus am Ölberg kurz vor Jesu Tod entlehnt (Matthäus 26, 33), war sein Leitwort.

Seien wir Joachim Fest ruhig dankbar, dass er sich in der Memoiren-Frage über seinen Vater hinweg gesetzt hat, denn Ich nicht ist ein interessantes Buch, sprachlich glänzend und über weite Strecken spannend. Es gibt Hinweise, wie aus Fest der - nicht unumstrittene - Hitler-Biograf wurde, und es hilft, einen Konservativen zu verstehen, der über Jahre einer der großen Meinungsführer der Bundesrepublik war. Aber dies ist kein politisches Buch, trotz der Debatte, die sich nach seinem Erscheinen entzündet hat: Von medialem Budenzauber, einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas und Interviews des schon schwer kranken Fest befeuert, wurde Ich nicht zum moralisch tadellosen Gegenentwurf zu den juvenilen Verwirrungen von Habermas, Grass und anderen linken Galionsfiguren stilisiert. Im Buch selbst sind es ein, zwei Seiten gegen Ende, in denen Fest mit Moralkeule die Nachkriegsintellektuellen in Gut und Böse teilt. Arrogant wird dort mirnichts, dirnichts in einem Absatz Jürgen Habermas als Hitler-Anhänger verunglimpft. Aber die inkriminierte Passage, deretwegen der Verlag das Buch zeitweilig zurückziehen musste, ist ganz und gar untypisch für dieses Opus. Die Debatte darum wird dem starken Text nicht gerecht.

Peinlich ist dieses Buch trotzdem. Ein Grund: Fests Geringschätzung für Frauen. Sie kommen in seinen Erinnerungen nicht vor. Das Porträt der Mutter, die die Hauptlast der politischen Aufrichtigkeit ihres widerspenstigen Gatten trägt, bleibt blass. Sie könnte die eigentliche Heldin der Familie gewesen sein, aber nur selten tritt sie aus der Küche, legt die Stirn in Falten und schweigt. Joachims Schwestern sind giggelnde Gören, ganz anders als seine blitzgescheiten Brüder. Nur eine Tante, die den späteren Feuilletonisten in die Wunderwelt der Oper einführte, erfährt freundliche Erwähnung. Frauen haben am "zweiten Abendtisch" eben nichts zu suchen.

Der zweite Abendtisch, das ist der Ort der politischen Freiheit in unfreier Zeit. Abends bittet Johannes Fest seine älteren Söhne und die Gattin zu Tisch. Beim gemeinsamen Essen bietet sich ihm ein Forum, in dem er kein Blatt vor den Mund zu nehmen hat, aus Angst, denunziert zu werden. Die giggelnden Gören mögen das noch nicht verstehen, aber Joachim Fest erhält am zweiten Abendtisch seine politische Schulung, und hier verschwören sich Vater und Söhne "gegen die Welt": eine Welt, in der alles zusammen bricht, woran Johannes Fest glaubt. Er ist Katholik, ein Mann des Zentrums und des Reichsbanners, ein Bildungsbürger, dem die Weimarer Republik etwas bedeutet. Doch um ihn herum erweisen sich die Grundpfeiler der Zivilisation als morsch. Es war sein größter Irrtum, so lässt es ihn sein Sohn sagen, an die Deutschen als ein von Goethe und Kant inspiriertes Kulturvolk zu glauben. Mit ohnmächtigem Zorn verfolgt Johannes Fest, wie aus Nachbarn Blockwarte werden, wie die jüdischen Freunde nach und nach flüchten oder verschwinden, wie Opportunisten Karriere machen. Und plötzlich, da sie können, zeigen sie dem Herrn Fest im Berliner Ortsteil Karlshorst mal, was sie von ihm halten. Das ist nicht viel. Johannes Fest erträgt das, und er hat einen wunderbaren Satz parat: "Ertrage die Clowns". Sein Sohn trug diesen Satz auf einem kleinem Zettel seit 1949 angeblich stets bei sich. Vielleicht brauchte man das damals in den Redaktionen von NDR und FAZ.

Fest junior hat noch mehr mitgenommen von seinem Vater: ein unerschütterliches Selbstbewusstsein, ein elitäres Kulturverständnis, vielleicht eine gewisse Unbestechlichkeit, sicher auch die staunende Abscheu beim Blick auf Hitler und seine Kameraden - für diese Perspektive ist Fest später gescholten worden. Das war übrigens der zweite Konflikt zwischen Vater und Sohn: Hitler, das war für den Weimaraner, der Hitler nicht verstehen konnte, ein "Gossenthema" - nichts worüber der Sohn hätte schreiben sollen. Doch Joachim Fest schrieb und schrieb, und wer seine frühen Bücher über die NS-Zeit wieder liest, spürt darin den Einfluss des Elternhauses.

Ein Widerstandskämpfer war Johannes Fest nicht, er hilft hier und da, wird wegen seiner Aktivitäten für die katholische Zentrumspartei aus dem Schuldienst suspendiert, aber eigentlich macht er nur das, was die meisten nicht taten: nicht mit. Das Bild, das Joachim Fest von seinem Vater entwirft, zeigt das Gegenteil eines Mitläufers: einen, der sich weigert, zum Hitler-Gruß den Arm zu heben, selbst wenn er beide Hände frei hat. Ein Gegenläufer, sozusagen.

Aus dieser Unerschütterlichkeit entsteht Selbstbewusstsein. Das Elitäre des zweiten Abendtischs, die Verschwörung gegen die Welt, auf die Vater Fest seine Söhne verpflichtet, verleiht diesen eine Sicherheit, die sie vielleicht zu rotzfrechen Nervensägen hätte werden lassen können. Doch sie ist gepaart mit hohem bildungsbürgerlichen Anspruch und einer Erziehung zu guten Manieren. In der Nazi-Zeit verschafft diese glückliche Kombination innere Unabhängigkeit gegenüber den Verlockungen des Regimes. Der junge Joachim ist ein irgendwie sympathischer Flegel, gewitzt, vorlaut, kühn. Für diesen Großstadt-Piepe ist es ein Schock, Berlin verlassen zu müssen, um auf einem katholischen Internat in Freiburg das Jugenddasein zu fristen.

Mit dem Ortswechsel verliert das Buch sein Thema und damit seinen Charme. Vater Fest wird nur noch aus der Ferne beobachtet, und statt uns an dessen Leben als Gegenläufer und unfreiwilligem Privatier teilhaben zu lassen, muss eine Pennäler-Geschichte serviert werden, die dann auch noch in einen lagerfeurig beschriebenen Kriegsbeginn mündet. Fest erzählt vom Krieg, nicht ohne Stolz, vom Gefangenenlager der US-Armee und von seinen Anfängen als Möchtegern-Privatgelehrter. Kurz: das zu oft Gehörte, zu selten Reflektierte geht auf den Leser nieder - Grundübel vieler Memoiren.

Während der Junior mit Kriegsende die Chancen ergreift und zu einem der führenden Publizisten des Landes wird, lässt die Kraft des Vaters zum Kriegsende nach. Versehrt kehrt er aus der russischen Gefangenschaft zurück, findet nach dem Ende der Hitler-Zeit seinen Platz nicht mehr, und der meinungsstarke Patriarch wird einsilbig. Sein politisches Engagement bleibt zurückhaltend, offenbar auch aus gesundheitlichen Gründen, aber vielleicht auch, weil er zu genau durchschaut, wie sehr einfach weiter gemacht wird, ohne die radikale Neubesinnung, die nötig wäre. Anfang der sechziger Jahre stirbt Johannes Fest. Bemerkenswert unsentimental schildert sein Sohn dieses Finale eines Gegenläufers.

Nahezu gleichzeitig mit dem Bestseller von Fest sind die ebenso erfolgreichen Erinnerungen von Günter Grass erschienen, die beiden großen Autoren sind beinahe gleich alt, beide Titel wurden von der FAZ in die Medienarena katapultiert. Doch die Elternhäuser, die Erfahrungen könnten kaum unterschiedlicher sein, und bei aller Ähnlichkeit des Sujets sind die Erinnerungsbücher geradezu entgegen gesetzt: hier der katholische Berliner Bildungsbürger mit großzügiger Wohnung in Karlshorst, der seine Söhnen von klein auf gegen die Schäbigkeiten der Nazis impft, dort die einfachen Verhältnisse in Danzig, in denen sich ein Literat und Künstler erst finden, selbst zur Welt bringen muss. Wo Grass sucht und zweifelt, da weiß Fest alles und hat längst gefunden. Während Grass sich langsam vorarbeitet, auch sprachlich, in das, was möglicherweise passiert sein könnte, steht es bei Fest in Stein gemeißelt: So war es, und keiner konnte anders. So sind die tonnenschweren Gedanken, genialen Sentenzen und schlagfertigen Dialoge der Herren Fest (oder das, was Joachim dafür hielt) dutzendfach für die Nachwelt festgehalten. So gekünstelt das ist, sie sind die Legitimation dieses Buches. Aufs Postament gehört einer, der einfach "nur" nicht mitmachte, eigentlich nicht. Hätte der Sohn auf den Vater gehört und kein Postament errichtet - um die Inschrift, die Joachim Fest seinem Vater gewidmet hat, wäre es schade.

Joachim Fest: Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2006, 368 S., 19,90 EUR


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00:00 08.12.2006

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