Des Menschen Wolle

Rumänien Ein Dorf am Rand der Karpaten stemmt sich gegen die Landflucht. Von engagierten Frauen und Handarbeit
Sophie Anfang | Ausgabe 18/2015 1

Versteckt liegt das Dorf, das sein Glück mit Stricknadeln und Wollfäden gefunden hat, zwischen den sanften Hügeln Siebenbürgens. Wer nach Viscri will, braucht Geduld und gute Stoßdämpfer. Sieben Kilometer Schotterpiste liegen zwischen dem 450-Seelen-Dorf und der nächsten Straße. Schlagloch folgt auf Schlagloch. Ein verlorener Fleck Erde, könnte man denken. Und doch hat sich hier am Rande der Karpaten eine Dorfgemeinschaft entwickelt, die stark ist, stärker als die Anziehungskraft der Städte. Grund dafür sind beherzte Frauen – und Wollsocken.

Letztere sieht man sofort, wenn man im Dorf ankommt: Ein einfaches Haus rückt ins Blickfeld, etwas alt, aber frisch getüncht. Am Gartenzaun hängen Stricksachen und Schuhe aus Filz. Das sind die Waren, die den Unterschied machen für Viscri. Verkauft werden sie direkt im Dorf oder von Freiwilligen auf Märkten in Deutschland und im Internet. Produziert werden sie von den Dorfbewohnerinnen, die sich dadurch etwas dazuverdienen.

„Die ursprüngliche Idee war es, die Rolle der Frauen zu stärken“, sagt Annette Schorb. Die 68-Jährige ist vor 18 Jahren aus München hierhergekommen. 16 Jahre gibt es das Strickprojekt mittlerweile, seit sieben Jahren leitet Schorb es mit einer anderen Deutschen und einer Rumänin zusammen. Das Projekt wendet sich gezielt an Frauen, weil diese oft genauer wissen, was die Kinder brauchen. Und sie tragen das Geld meist nicht so schnell in die Kneipen.

Pantoffeln kneten

Im Laufe der Jahre hat sich die Wollsocken- und Filzschuhproduktion professionalisiert. Es gibt einen Verein, „Viscri incepe“ – („Viscri legt los“), der die Bestellungen aus Deutschland koordiniert, die Strickmaterialien einkauft und vorfinanziert, das Geld verwaltet und die Frauen bezahlt. Produziert wird nach vereinbarten Qualitätskriterien und einem festgelegten Kontingent für jede Frau. Schorb sammelt die Aufträge in einem dicken Ordner.

Für die Frauen aus dem Dorf hängt viel davon ab, wie dick er ist. Im Sommer nicht so sehr, da besuchen Tausende Touristen den Ort und seine berühmte Kirchenburg. Die Probleme beginnen, wenn es kälter wird, wenn nicht mehr bis zu fünf Busse pro Tag über die schlecht befestigte Brücke ins Dorf donnern. Wenn die Vorräte aus dem Garten aufgebraucht sind und der Mann kein Geld mehr als Saisonarbeiter verdienen kann, ist für viele Familien das Sockengeld die einzige Einnahmequelle.

Angefangen hat alles mit einem einzigen Paar Socken, gestrickt aus einem aufgetrennten Pullover. „Beutelsocken“ nennt sie Schorb. Leana, eine Frau aus dem Dorf, hatte sie bei ihren Nachbarn, einem deutschen Ehepaar, gegen Lebensmittel eingetauscht. Das sprach sich herum. Es kamen mehr Frauen und mehr Socken, irgendwann hatten Harald Riese und seine Frau die Idee, sie in Deutschland zu vertreiben. „Am Anfang ist Harald zweimal im Jahr mit fünf Koffern und einem Rucksack voller Socken nach Deutschland gefahren und hat sie verkauft“, erzählt Schorb. Mit der Zeit wurden es immer mehr Socken. Und damit wurde das Stricken immer wichtiger für das Dorf und seine Bewohner – eine Verdienstmöglichkeit, für die man nicht weggehen muss.

Rumänien ist ein Land, das vor allem Arbeitskräfte exportiert. In den ländlichen Regionen spürt man das besonders, dort, wo früher Produktionsgemeinschaften Arbeit brachten. Heute leben viele von dem, was ihre kleinen Höfe abwerfen, doch das ist wenig. Manchmal gibt es private Busse, die die Dorfbewohner die Fabriken in den Nachbarorten bringen. In Viscri suchte man unlängst interessierte Frauen. Doch die Arbeit lohnt sich bei einem Lohn von umgerechnet 200 Euro im Monat nicht, wenn man die Fahrt selbst bezahlen muss.

Weggehen, vom Land in die Städte oder gleich ins Ausland, ist für viele die einzige Perspektive. Auch in Viscri gibt es Menschen, die ihr Glück woanders suchen, aber es sind wenige. Einige sind sogar zurückgekommen. Selbst wenn nicht alles hier einfach ist. Das Ehepaar Riese lebt inzwischen nicht mehr in Viscri. Die Socken, die sich eine Zeit lang gut verkauften, bis zu 16.000 Paar pro Jahr, gehen nicht mehr so gut.

Dass es dafür eine Lösung gibt, zeigt sich in einem Hof am Dorfrand. Drei Frauen stehen an Holztischen, auf ihnen liegt Vlies aus Wolle, am Boden stehen große Eimer, in denen sich Wasser sammelt. Lilli Molnar legt das Wollvlies um eine Sohlenform aus Linoleum und gießt warme Lauge darüber. Mit einem Stück Seife reibt die 33-Jährige gleichmäßig darüber. Filzpantoffeln werden das einmal, mehrere Stunden später. Weil die Frauen zum Filzen die Wolle der Schafe aus dem Dorf verwenden, ist es ein langer Prozess. „Heute ist es kalt, wenn es warm ist, geht es schneller“, sagt Molnar.

„Wer mit dir arbeitet, kann den ganzen Tag lachen“, sagt Eluşka Mișcoi, die neben ihr steht. Die 56-Jährige knetet die Pantoffeln langsam, filzt bunte Punkte in das Material. Sie ist eine Frau, die anpacken kann, man sieht das an ihren Händen. Später wird sie die nassen Schuhe in eine Jalousie einrollen und walken. Harte Arbeit, doch sie lohnt sich. Für rund 20 Euro werden die Pantoffeln verkauft, zwei Drittel des Erlöses gehen an die Frauen. Mit dem Rest hält der Verein das Projekt am Laufen.

Früher sei das Dorf arm gewesen, erzählt Molnar. „Heute ist es schöner.“ Das Projekt sei gut. Mișcoi nickt: „Ich habe kein Gehalt, mit dem Geld von den Pantoffeln lebe ich den ganzen Winter.“ Ihr Mann arbeitet zwar, er pflanzt Bäume. Aber das geht nicht das ganze Jahr über. Und dann sind da noch ihre zwei Enkeltöchter. Das Einzige, was sie von ihrer verstorbenen Tochter geerbt habe, sagt sie. Der Verein zahlt der Älteren den Schulbus in den nächsten Ort.

Natürlich sei es gut, dass sich die Frauen etwas dazuverdienen können, sagt Mișcoi. So müssten sie nicht mehr ihre Männer um Geld bitten. „Wenn du ein Münzchen in der Tasche hast, ist das eine gute Sache.“

Sind die Frauen dadurch unabhängiger geworden? Am anderen Ende von Viscri sitzt Mariana Purghel in ihrer Küche und denkt nach: „Manche wahrscheinlich schon, andere nicht. Es hängt von den Familien ab.“ Purghel, 39 Jahre alt, ist eine ruhige Frau mit blondierten Haaren. Sie hat eine zentrale Rolle im Projekt. Sie verkauft die Socken, Pantoffeln und anderen Wollsachen im Laden am Fuß der Kirchenburg. Zusätzlich hilft sie bei der Kontrolle der Ware, wenn die Frauen sie abgeben. Da könne sie streng werden, sagt sie. Zu weitmaschig gestrickte Socken, zu weich gefilzte Pantoffeln, das alles gehe zurück.

Alkohol für den Mann

Der Dorfladen liegt neben Purghels Haus. Pantoffeln, rot, blau, grün, mit Punkten oder Blumen, stehen aufgereiht in Holzregalen. 800 Paar habe sie vergangenes Jahr verkauft, sagt sie. In Weidenkörben stapeln sich Socken in verschiedenen Farbtönen und Größen. An jedem Paar hängt ein Zettel mit dem Namen der Frau, die es gestrickt oder gefilzt hat. In einem Heft notiert Purghel, von wem sie etwas verkauft hat. So bekommen die Frauen ihr Geld.

Mehr als 14.000 Touristen waren im Vorjahr auf der Kirchenburg. Es könnten mehr sein, glaubt Purghel. Aber diese Straße! „Wenn die besser wäre, würden mehr Touristen kommen.“ Bei all den Schlaglöchern würden viele die Geduld verlieren und umdrehen. Der Bürgermeister tue nichts für Viscri, klagt sie. Kurz vor den letzten Wahlen habe man etwas an der Straße gemacht. Doch es wurden nur wenige Zentimeter Asphalt aufgeschüttet, der sofort wieder aufgebrochen ist: „Wir nennen das politischen Asphalt, vor den Wahlen.“

Vor dem Abschied noch ein Wort zu den Frauen: „Vielleicht sind sie hier in Viscri doch unabhängiger. Ich glaube, sie sind stärker als die Männer.“

Dass das nicht immer so sein muss, erfährt man ein paar Meter weiter. Camelia Balica steht hinter der Theke ihres Gemischtwarenladens. Sie sieht nicht alles so positiv, vielleicht weil die Frauen von dem Sockengeld bei ihr einkaufen und sie mitbekommt, dass dabei nicht nur Sinnvolles für die Kinder über den Ladentisch geht, sondern eben auch Alkohol für den Mann. Aber man könne nichts vorschreiben, sagt Balica. Genauso wenig, wie man verhindern könne, dass manche Männer jetzt gar nicht mehr arbeiten – weil die Frauen mit den Handarbeiten ja verdienen. „Da haben die Männer etwas falsch verstanden.“, Balica schaut resigniert.

Noch läuft es gut mit den Pantoffeln, aber Balica weiß, dass das nicht immer so weitergehen muss. Sie weiß auch, dass Viscris Frauen sich nicht auf Hilfe von außen verlassen dürfen. „Die Hilfe muss von uns selbst kommen. Wenn wir nicht dafür kämpfen, dass Stricksachen bestellt werden, dann macht es niemand.“

Sophie Anfang ist freie Journalistin und recherchiert zurzeit mit einem Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung in Rumänien

06:00 13.05.2015

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