Deters betritt den Raum

Cyberfantasy Alban Nikolai Herbsts verzweigte Fortschreibung seiner "Anderswelt" mit sparsameren Mitteln

Wie Vishnu sah, dass die Ordnung, die er den Menschen geschenkt hatte, bedroht war, inkarnierte er sich in ein avatara, um die Gefahr unauffällig abzuwehren. Sei es als Fisch Matsya, als mörderischer Parasurama oder als Krishna erneuerte, aktualisierte er so das Dharma.

Spätestens seitdem Neal Stephenson den Avataren in seinem Roman Snow Crash digitale Datengestalt verliehen hat, sind sie auch Teil der Cyberträume und Zukunftsfantasien. So geistern sie unter uns, in Form von unheimlichen Androiden, Klonen, Bodysnatchern und Agenten. Aufmerksam und dienstbereit, aber auch entseelt und frei von sozialem Gewissen gebärden sie sich wie jedermann. Der Götterhimmel ist leergefegt, Vishnu steckt auf der Festplatte.

Das Wissen darum macht es für Hans Erich Deters auch nicht einfacher, die Menschen im virtuellen Stadtlabyrinth von Buenos Aires korrekt einzuschätzen. Woran sind denn Wiedergänger, Klone, Avatare überhaupt erkennbar: am fehlenden Leuchten in den Augen, an der emotionalen Beherrschtheit? Auf jeden Fall sind sie omnipräsent - ja er selbst ist sich nicht sicher, ob er nicht ein holomorfes Wesen sei: eine "gescannte FeldPhotonenEmissionsholografie im hodnagravatischen Raum, worin sich elektromagnetische und energetische Felder als synthetische Materie bilden".

Mit diesem Zitat aus Buenos Aires. Anderswelt ist bereits einiges ausgesagt über Alban Nikolai Herbsts zweiten Teil seiner Romantrilogie. Buenos Aires steht für die andersweltliche MegaMetropole, pars pro toto und Hybrid aus vielen Urbanräumen. Zugleich ist es bloß eine virtuelle Ebene, die sich über jenes Berlin-Mitte legt, in dem sich Deters in Wirklichkeit umtut. In seinem Stammcafé Silberstein wartet er auf eine Frau, nickt ein und durchschreitet synaptisch das Interface zur Anderswelt, dem Café Samhain.

Die Stadt wandelt sich in einen urbanen Moloch mit Lappenschleusen, die augenblickliche Daten-Transfers in andere Partitionen und Zeiten erlauben. Über diese Welt wölbt sich der Hodnahimmel, eine hoch energetische Spezialatmosphäre, die das Gedeihen von Holomorfen begünstigt. Da wo dieser Schirm endet, fängt der Osten an: unwegsame Wildnis, noch ursprünglich und Ziel der andersweltlichen Expansionsträume. Herr über diese ganze Welt ist der Unternehmer Ungefugger, der die Leitung seiner Allgemeinen Wirtschaftsgesellschaft (AWG) aber an Elena und Markus Goltz abgetreten hat.

Deters schwimmt im Datenstrom mit, auf der Suche nach seiner Wohnung in der Berliner Dunckerstrasse. Ein irrender Odysseus, den es in dieser Wunderwelt von einer unerwarteten Begebenheit zur nächsten treibt und der entdecken muss, dass er in einer Zeitfalle à la Groundhog Day steckt. Er kann dem 1. November nicht mehr entkommen.

Diese Realität hat nichts mit Wirklichkeit zu tun - oder wenn dann was?

Deters trifft Freundinnen und Kumpel. Die beiden Goltz kreuzen seine Wege, glaubt er, ebenso wie der underground-graffiti-Poet Achilles Borkenbrod oder Deidameia alias Aissa die Wölfin, die Führerin der terroristischen Myrmidonen. Doch sind sie es wirklich? Die Ordnung ist in festen Händen, aber nicht gesichert.

Ein gewisser Herbst, flankiert von Beutlin und Zeuner, scheint die Fäden zu diesem kybernetischen Knäuel, zu diesem rhizomatischen Märchen in Händen zu halten, das angelegt ist wie Multi User Domain-Spiel. "Deters betritt den Raum" erscheint zwei, drei Mal als Regieanweisung, wobei sich die drei Spielenden zuweilen auch gegenseitig in die Parade fahren.

Buenos Aires. Anderswelt ist zum Lesen alles andere als ein flotter Spaziergang. Der Roman gleicht vielmehr einer Babuschka-Puppe, die immer neue Gestalten und Ebenen hervorbringt.

Die Anderswelt unterliegt einer beständigen De- und Rekonstruktion innerhalb einer datischen Zeitmolasse mit vollpermeabler Materialität: randomisiert, synthetisiert. "Eine Unendlichkeit miteinander verschränkter Realitäten, verzweigt und verknüpft wie die Neuronenverbände eines Gehirns". Unweigerlich erinnert sie an Gibsons Erzählungen, Philip K. Dicks Androidenträume oder den Film Matrix. Hans Moravec´ Lieblingsidee von einer Evolution der Bits steckt ebenfalls in dieser fantastischen Erzählung mit drin.

Die Kritik am ersten Band der Anderswelt-Reihe (Thetis) zielte auf die opulente Überlänge und die barocke Wörterflut ab. Wie immer die Bücherkritik zu diesem zweiten Band stehen mag, zumindest der alte Vorwurf taugt nicht mehr. Buenos Aires. Anderswelt ist entschieden knapper, konziser gefasst, auch wenn der Autor nicht ganz auf spielerisches Name-dropping und diesweltliche Seitenhiebe verzichten will. Ohnehin steckt in dieser Anderswelt eine unverhohlene Gegenwärtigkeit. Die deutsch-deutsche Trennlinie ist nicht überwunden, auch wenn sich die Namen geändert haben und den ungleichen Teilen an den Rändern je neue Territorien angewachsen sind. Im Osten herrscht auf jeden Fall noch ein autochthones Bewusstsein, das vom neuen Regime erst nach und nach erschlossen und einverleibt wird.

Der Vorwelt-Entwurf aus dem ersten Band Thetis (und Herbsts vorangegangenen Romanen) ist für das Verständnis hier zwar nicht zwingend, dennoch sind darin grundlegende Ingredienzen vorweggenommen. Ein beigelegter lexikalischer Führer ersetzt (oder wiedererweckt) dieses Vorwissen.

Doch was heißt schon Verständnis? Die sich verschlingenden mehrspurigen Möbiusbänder, auf denen Klon und Original ineinander mutieren, traditionelle Mythen und e-kulturelle Simulationen amalgamieren, Zeiten und Orte ineinander verschlauft werden, dies alles übersteigt die verständliche Sehnsucht nach nachvollziehbaren Fabeln. Der Roman gleicht eher einem fantastischen Gang durch das Purgatorium einer Cyberfantasy, beschrieben in präziser, diskursiver Diktion und willig angereichert mit modischen Accessoires. Buenos Aires. Anderswelt gleicht einer rhizomatisch verwucherten Hyperfiction in literarischer, in Buchform.

Ein formaler Brückenschlag, ein inhaltlicher dazu. Das Interface schließt an, verknüpft, deleted aber nichts. So behält auch die Vorgeschichte ihren Wert, sie verliert sich nicht im Ungeschehenen, bedeutet Herbst zwischen den Schnittstellen. Und die gegenwärtigen Verhältnisse werden durch keine Fantasy überwunden. Buenos Aires. Anderswelt irritiert zudem damit, dass sich Original und Klon täuschend ähnlich sehen. Ein Spiegel der Zeit, wo Medien im geschlossenen System von Nachricht und Simulation neue Realitäten schaffen.

Die Herabkunft des letzten der zehn offiziellen Inkarnationen Vishnus übrigens, Kalki, steht noch aus. Er wird erscheinen, wenn rohe Gewalt über Recht und Unrecht herrscht, wenn Mann und Frau aus eigenem Willen zueinander finden. Höchste Zeit also! Halten wir uns bereit, doch hoffen wir auch, dass Alban Nikolai Herbst ihm mit dem Abschlussband seiner Anderswelt-Trilogie noch zuvor kommt.

Alban Nikolai Herbst: Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman. Berlin-Verlag, Berlin 2001, 272 S., 18 EUR

00:00 20.09.2002

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