Diagnose: Frau

Medizin Geschlechter-Stereotype entscheiden oft über Diagnose und Behandlung
Diagnose: Frau

Illustration: Ira Bolsinger, Foto: H. Armstrong Roberts/Getty Images

Stellen Sie sich Folgendes vor: Ihnen ist übel, Sie fühlen sich irgendwie unwohl und Ihnen wird schwindelig. Sie gehen ins Krankenhaus und beschreiben dort Ihre Symptome. Der behandelnde Arzt hört Ihnen zu, sagt, er könne nichts dagegen machen, verordnet Bettruhe und schickt Sie mit einem Beruhigungsmittel nach Hause. Am nächsten Tag kommen Sie wieder, weil die Beschwerden schlimmer geworden sind. Jetzt hat eine Ärztin Dienst, sie zieht sofort die richtigen Schlüsse: Herzinfarkt. Der Fall hat sich so ähnlich für Tausende Frauen zugetragen. Die Symptome eines Herzinfarkts sind für Patienten und Ärzte meistens: Stechen in der Brust, gelähmter Arm. Doch bei Frauen zeigen sich vielmals ganz andere Symptome – und ein Herzinfarkt wird oft nicht oder zu spät diagnostiziert. Frauen sterben auch deswegen häufiger an dieser Krankheit als Männer.

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Die Gendermedizin erforscht, welche Rolle das Gender, also das Geschlecht in seiner sozialen und biologischen Dimension, für die Gesundheit und die Diagnostik bedeutet. Das erste und einzige Institut für Gendermedizin (GiM, Gender in Medicine) befindet sich an der Charité in Berlin und beschäftigt knapp zehn Leute auf einer Etage in Berlin-Wedding. Die Forscherin Vera Regitz-Zagrosek hat das Institut 2003 gegründet, heute leitet es Gertraud Stadler. Zunächst war das Institut an der Kardiologie angesiedelt und untersuchte Herzkrankheiten bei Schwangeren. Mittlerweile ist es breiter aufgestellt.

Störender Zyklus

Dass der Herzinfarkt bei Frauen oft nicht diagnostiziert wird, hat damit zu tun, dass Frauenkörper schlechter erforscht sind als Männerkörper. Auch die Entwicklung von neuen Medikamenten leidet unter der einseitigen Forschung: Studien zu neuen Medikamenten werden oft nur an Männern durchgeführt, obwohl Frauen andere Dosen bräuchten und andere Nebenwirkungen erfahren. Medikamente bewegen sich langsamer durch den weiblichen Verdauungstrakt und gelangen so langsamer in die Blutbahn als bei Männern. Deswegen müssten neue Medikamente an Frauen und Männern getestet – und unterschiedlich verabreicht werden.

Die Forschung an Medikamenten wurde einseitiger, nachdem in den 60er Jahren Tausende von schwangeren Frauen das Beruhigungsmittel Contergan nahmen und daraufhin Kinder mit Behinderung zur Welt brachten. Seither gilt Vorsicht: Frauen könnten während der Laufzeit unerwartet schwanger werden, das Testmedikament könnte den Fötus gefährden. Folglich lässt man sie gar nicht erst zu. Und riskiert so, dass Frauen im Allgemeinen und insbesondere Schwangere und ihre spezifischen Krankheitsbilder unerforscht bleiben. Zudem wird der Menstruationszyklus als störende, unberechenbare Verzerrung der Daten wahrgenommen – es scheint unkomplizierter, die Hormonschwankungen gleich auszuschließen. Zwar gibt es in vielen Ländern Richtlinien, nach denen auch Frauen in Studien vorkommen müssen. In Lehrbüchern zu Herzerkrankungen stehen dennoch oft Symptome von Männern, in den Packungsbeilagen die getesteten Dosen und Nebenwirkungen für Männer.

Neben den biologischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen erforscht die Gendermedizin die Bedeutung von Genderstereotypen für die medizinische Behandlung. Und die ist vielleicht größer als bisher vermutet. Die Leiterin des GiM in Berlin, Gertraud Stadler, kam in einer Studie aus dem Jahr 2019 zu dem Schluss, dass Männer mit niedrigem Einkommen ein besonders hohes Risiko haben, noch vor ihrem 65. Geburtstag zu sterben: 27 Prozent. Überdurchschnittlich für Deutschland. Männer dieser Gruppe sind damit doppelt so stark gefährdet wie Männer mit hoher Bildung. Und vier Mal mehr als Frauen mit vergleichbar niedrigem Bildungsniveau.

Statistisch lässt sich das hohe Risiko also nicht allein auf soziale Klasse zurückführen, sonst ginge es Frauen mit diesem Bildungsniveau ähnlich. Vielmehr scheint das Geschlecht eine entscheidende Rolle zu spielen. „Das Sterberisiko bei Männern mit tiefem Bildungsstand ist daher besonders hoch, weil diese Gruppe gesellschaftlich ausgeschlossen ist: Sie haben es schwerer, beruflich eingebettet zu bleiben, und sie haben weniger Sozialkontakte.“ Zudem seien Männer tendenziell risikofreudiger, häufiger suchtkrank, öfter in Unfälle verwickelt und begingen öfter Suizid. All das ist, so vermutet Stadler, Ausdruck von Gendernormen.

Sie übertreibt bloß

Eine Studie aus dem Jahr 1997 kommt zum Ergebnis: Je stärker sich ein Mann mit dem klassischen Männerbild identifiziert – sicher, unabhängig, selbstständig –, desto kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, dass er von gesundheitlichen Beschwerden berichtet oder sich über Präventionsmaßnahmen informiert. Insgesamt, so Stadler, kümmern sich Männer tendenziell viel weniger um ihre eigene Gesundheit, gehen seltener zur ärztlichen Kontrolle oder zu Vorsorgebehandlungen. Stadlers Kollegin Friederike Kendel ergänzt: „Die Art und Weise, wie Menschen mit ihrer eigenen Gesundheit umgehen, hat viel mit Körperempfinden und mit dem eigenen Selbstbild zu tun.“ Bei Männern sei die Verbindung zwischen Selbstbild und Gesundheitsverhalten aber wesentlich stärker als bei Frauen.

Auch Geschlechterstereotype aufseiten der Ärzt*innen spielen eine wichtige Rolle: Depressionen beispielsweise werden bei Männern oft nicht erkannt, bei Frauen viel eher. Auch dafür ist ein verzerrtes Krankheitsbild verantwortlich. Bei Frauen äußern sich Depressionen mit klassischen Symptomen: Antriebsstörung, sozialer Rückzug, Schlafstörungen. Männer hingegen zeigen oft größere Risikobereitschaft, sind gereizter und weniger stresstolerant. Studien legen insgesamt nahe, dass Ärzt*innen bei Frauen öfter psychische Probleme hinter Beschwerden vermuten, bei Männern hingegen eher körperliche. „Die Beschwerden werden unterschiedlich geäußert und auch auf Arztseite unterschiedlich wahrgenommen, je nachdem, ob eine Frau oder ein Mann die Symptome zeigt“, sagt Stadler.

Ein Grund dafür ist auch der sogenannte Gender Pain Bias: Wenn eine Frau mit Schmerzen zu einem Arzt geht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er die Schmerzen nicht ernst nimmt, dass er sie als Übertreibung abtut. Oft werden hinter Schmerzen von Frauen psychische statt körperliche Beschwerden vermutet. Frauen werden deswegen weniger oft Schmerzmittel verschrieben, wie eine Studie aus dem Jahr 2001 belegte. Die Chance, dass die Schmerzen angemessen behandelt werden steigt aber, wenn die Frau von einer Ärztin behandelt wird. Bei Männern werden körperliche Schmerzen ernst genommen – dafür werden psychische Ursachen oft nicht erkannt. Wenn ein Mann mit einem Leiden zum Arzt geht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er ein Medikament verschrieben bekommt, selbst wenn er mit einer Psychotherapie besser bedient wäre.

Auch wenn das Thema in der Öffentlichkeit mehr Gehör findet – an deutschen Universitäten gehört es nicht zum Standard. In einer Umfrage gaben nur vier von 32 medizinischen Fakultäten in Deutschland an, das Lehrmaterial daraufhin zu prüfen, ob es Genderaspekte berücksichtigt. Bis die Gleichberechtigung auch in die Medizin Einzug hält, wird es noch dauern.

Anina Ritscher hat die Reportageschule in Reutlingen absolviert und hospitierte zuletzt in der Redaktion des Freitag

06:00 29.04.2020

Ausgabe 22/2020

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