Die Angst vor dem Wort

Komplexe Perspektive Robert Littells Roman „Das Stalin Epigramm“ ist ein komplexes Buch über das Verhältnis zwischen Literatur und Macht und eine Hommage an Ossip und Nadeshda Mandelstam

Auch wenn 1934 das ganz großen Abschlachten, die „Säuberungen“, in der UdSSR noch nicht auf vollen Touren lief, war es mehr als tollkühn, den Genossen Josef Stalin in einem Gedicht als „Mörder und Bauernschlächter“, mit Fingern „dick und, wie Würmer, so fett“ zu attackieren, ihn als jemanden hinzustellen, dem das Töten schmeckt „wie Himbeeren“ und für dessen Reich gilt: „Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,/Wir reden, dass uns auf zehn Schritte keiner hört“.

Dennoch gab es dieses Gedicht, das berühmte Epigramm gegen Stalin – verfasst und zunächst mündlich verbreitet von Ossip Mandelstam. Mandelstam, sicher einer der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts, ist vor allem wegen dieses Gedichtes zum Mythos geworden. Zur Personifikation der widersetzlichen, eigensinnigen, kompromisslosen, der Tyrannis nicht weichenden Stimme der Kunst in Zeiten der Barbarei.

Man hat Mandelstam als „modernen Orpheus“ (Joseph Brodsky) gefeiert, als Märtyrer der Kunst verklärt – und tatsächlich kostete ihn sein Werk das Leben: 1938 starb, ja, verreckte Ossip Mandelstam in einem sibirischen Gulag, nachdem Stalins Schergen vier Jahre lang ein böses Katz-und Maus-Spiel aus Verbannung und Isolation mit ihm getrieben hatten. Die Fakten des Falles Mandelstam sind bekannt, wir kennen seine Geschichte aus den Memoiren seiner Witwe Nadeschda Jakowlena Mandelstam, Das Jahrhundert der Wölfe, einem Welterfolg, der zu „einem der vielen Sargnägeln der Sowjetunion“ gezählt werden darf, wie der Mandelstam-Biograf Ralph Dutli richtig bemerkt.

Humanität und Zynismus

Robert Littell nun, einer der großen amerikanischen Erzähler unserer Zeit, hat das Duell zwischen dem Dichter und dem Totalitarismus zu einem Roman verarbeitet: Das Stalin Epigramm. Gestützt auf die Erinnerungen von Nadeschda Mandelstam, die der 1935 geborene Littell persönlich kannte und in den späten siebziger Jahren interviewt hatte, arrangiert er die Geschehnisse der Jahre 1934 bis 1938 zu einer Art finalem Dialog zwischen Geist und Macht, zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Humanität und Zynismus, zwischen Wahn und Realität.

Zu einem asymmetrischen Dialog natürlich, denn dass sowohl der historische wie auch der fiktionale Ossip Mandelstam gegen den Terror so viele Chancen haben konnte wie ein Schneeball in der Hölle, dient dem Roman noch nicht einmal als Spannungselement. Der Ausgang ist klar, aber die Perspektiven sind komplex. Littell lässt die Handlung aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen, orchestriert sie in Stimmen: Mandelstam selbst, seine Frau, sodann (die semi-fiktionale) Zinaida Zaitsewa-Antonowa, die gemeinsame Geliebte der beiden, dazu die große Lyrikerin und beste Freundin der Mandelstams, Anna Achmatova, Boris Pasternak, der historische korrekte Leibwächter Stalins und ein fiktiver Zirkuskünstler, der den Chronisten von Mandelstams Ende und sozusagen der Kontrapunkt der ganzen Erzählung markiert. Littell bleibt über weite Strecken eng an den historischen Fakten, bis hin zu Details wie dem Naschwerk verteilenden OGPU-Schergen, der in der Wohnung der Mandelstams und auf den Manuskripten von Gedichten herumtrampelt.

Auf Augenhöhe

Reine Fiktion aber sind die beiden langen Gespräche von Ossip Mandelstam mit Stalin selbst, zu dem er – gefoltert und gedemütigt – gebracht wird, und in denen das Monster mit seinem Opfer „auf Augenhöhe“ zu kommunizieren versucht. Solche Treffen hatte es in Wirklichkeit nie gegeben. Es ist sogar unwahrscheinlich, dass Stalin das berühmte Schmähgedicht überhaupt gekannt hat. Der schon erwähnte Mandelstam-Biograph Ralph Dutli schließt das in der Tat mit plausiblen Gründen aus.

Littell aber trifft mit dieser Konstruktion dennoch den ganzen Kern der Angelegenheit. So zynisch, menschenverachtend, abgrundtief übel und schlimm, wahnsinnig und mörderisch Stalin und sein Apparat waren – die Angst vor dem Wort, zumal dem Dichterwort saß ihnen tief in den Knochen. Entgegen jedem macht- und realpolitischen Kalkül will die Tyrannis dringend Absolution. Bei Littell fordert Stalin fordert Mandelstam auf, einen Text zu ­schreiben, der ihm, dem „Väterchen“, dem „Wohltäter der Menschheit“ Gerechtigkeit widerfahren lässt, weil er weiß, dass der Name Mandelstam ihn überdauern wird.

Mandelstam, der diese Begegnung möglicherweise nur halluziniert hat, denn Littell verwischt auch auf dieser erzähltechnischen Ebene die Möglichkeiten, allzu selbstgefällige Eindeutigkeiten zu formulieren, versucht sich an einem solchen panegyrischen Gedicht. In der Realität hat er es in der Verbannung auch versucht, und war damit schlimm gescheitert. Im Roman, in der Halluzination Mandelstams, bemerkt selbst der Diktator, dass das Herrscherlob im Vergleich zum Schmähgedicht grauenhaft schlecht geraten ist, und benutzt so die erpresste schlechte Ästhetik als Argument für die endgültige Aburteilung des Dichters – ein Akt brutaler Bosheit und ein böser Kommentar Littells darüber, was geschieht, wenn Literatur und Kunst mit der Macht gehen wollen.

Weltkultur und Leben

Das Stalin Epigramm ist ein Herzblutroman von Robert Littell, der das Projekt schon seit Jahrzehnten mit sich herumtrug. In fast allen seinen grandiosen Politthrillern und auch in den genrefreien Romanen stecken Anspielungen, Splittern und Vorstudien zu dem Mandelstam-Buch, und schon immer konnte man Littells genaue Kenntnis der russischen und sowjetischen Lyrikszene zwischen Avantgarde und Stalins berühmtem Grundsatzpostulat eines „Sozialistischen Realismus“ – das einschlägige Literaten-Treffen in der Villa des vor lauter Opportunismus fast platzenden Maxim Gorki hat Littell auch in den Roman eingearbeitet –, bewundern.

Hier endlich kann er nicht nur zwischen den Zeilen kleine Porträts einbauen: Von Anna Achmatowa, von Boris Pasternak, von Figuren wie Bucharin und Mandelstams Nemesis, dem Schriftstellerverbandsvorsitzenden Stawski. Zudem hat Littell ein schönes Gespür für die komplexe Persönlichkeit Mandelstams, für dessen Witz, seine Schlagfertigkeit, seinen Stolz, für die als positiv wider den Puritanismus der Zeit gewendeten sexuellen Energie der Mandelstams, für die ganze Utopie von Menschen, die keine Ideologie wollen, sondern „Weltkultur“ und Leben.

Das Stalin Epigramm ist auf den ersten Blick kein Politthriller wie die meisten Romane von Littell (Die kalte Legende), obwohl Paranoia, politischer und menschlicher Verrat, Zug und Gegenzug, Strategie und Taktik im politischen Geschäft eine große Rolle spielen. Austragungsort dafür allerdings sind ebenfalls nicht auf den ersten Blick die Schlachtfelder der Weltpolitik, sondern die Gefilde der Lyrik, der Dichtung, der Sprache und der menschlichen Seele.

Die aber feiert Littell in seiner Version von Mandelstams Stalin-Epigramm (das, nebenbei bemerkt kein „Epigramm“ im formalen Sinn ist, sondern aus acht Distichen, also Zweizeilern besteht) so sehr, dass selbst der Tyrann verstehen muss, dass man auf diesem Schlachtfeld existenziell verlieren kann und wird. Das ist kein Trost für Mandelstams Verrecken, aber ein sehr weises Statement über den Lauf der Welt.

Robert Littell, Roman, Deutsch von Werner Löcher-Lawrence, Arche, Zürich/Hamburg 2009, 397 S., 22

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