Die Aufgabe des Urteilens

Passepartout Daniel Jonah Goldhagen geht es mit seinem neuen Buch über den Vatikan und den Holocaust vor allem um eine Wiederholung des publizitätsfördernden Goldhagen-Effekts

Vor sechs Jahren erschien Daniel Jonah Goldhagens Buch über Hitlers willige Vollstrecker und löste einen enormen Wirbel aus. Der Autor versteht es wie kein anderer, einfache Fragen zu stellen. Und vor allem scheut er sich nicht, einfache Antworten zu geben - was bedeutend riskanter ist. In seinem neuen Buch Die katholische Kirche und der Holocaust geht Goldhagen erneut aufs Ganze: er will in seiner "ernsthaften Untersuchung in Sachen Moral" den Anteil von Papst, Kirche und Klerus an der Schuld für den Massenmord an den europäischen Juden bestimmen und darüber ein Urteil fällen.

Rolf Hochhuths historischem Drama Der Stellvertreter (1963) gebührt das unbestreitbare Verdienst, geradezu eine Lawine von Büchern ausgelöst zu haben. Seit nunmehr 40 Jahren wurde in Hunderten und Aberhunderten historischer Arbeiten das Verhalten von Papst Pius XII., der vatikanischen Diplomatie und des katholischen Klerus untersucht und bewertet. Der Vatikan selbst sah sich durch den Welterfolg des Dramas so in die Defensive gedrängt, dass er mit einer riesigen Aktenpublikation das Verhalten des angegriffenen Papstes dokumentierte: Die Actes et Documents du Saint Siège relatifs à la Seconde Guerre Mondiale (1965-81) enthalten 5.000 Dokumente in elf Bänden. Außer für ein paar kirchennahe Apologeten steht unter Historikern fest, dass Pius XII. gegen den Völkermord, von dem er durch Priester und Laien sehr früh sehr viel mehr wusste als alle zeitgenössischen Politiker, viel weniger unternommen hat, als in seiner Macht stand. Statt für energische Proteste entschied er sich für diplomatisches Finassieren und Taktieren. Auch über die Kollaboration deutscher, slowakischer und kroatischer Kleriker mit den nationalsozialistischen beziehungsweise faschistischen Regimes gibt es keinen Zweifel mehr. Die Gründe und Motive für die Kollaboration großer Teile des katholischen Klerus liegen nicht überall gleich und bedurften und bedürfen der differenzierten historischen Analyse und Bewertung.

Der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen protestierte am 3.8.1941 öffentlich in einer Predigt gegen das nationalsozialistische Euthanasie-Programm, erklärte "Euthanasie" als Mord und erreichte, dass die planmäßige Ermordung von Kranken und Behinderten eingestellt wurde. Wie erklärt sich die eigenartige und moralisch schockierende Asymmetrie im Verhalten des Bischofs, der gegen die systematische Entrechtung, Deportation und Ermordung der Juden nichts unternahm? In welchem Sinne ist er dadurch schuldig geworden? Verliert er dadurch jede moralische Integrität, wie Goldhagen unterstellt? Mit der suggestiven Frage, "waren die Juden für Bischof Galen keine Menschen?", nimmt Goldhagen die Antwort gleich vorweg. Statt einer exakten biographischen und historischen Analyse des Feldes, in dem der Bischof handelte, greift Goldhagen zu seinem Passepartout, mit dem er auf fast 500 Seiten alle Rätsel und Probleme entschlüsseln möchte.

Den Passepartout liefert Goldhagen eine unverdächtige Instanz - die Bibel. Dort wäscht sich Pilatus die Hände zum Zeichen dafür, dass er mit der Kreuzigung von Jesus Christus nichts zu tun habe. Aber "das ganze Volk" der Juden soll geschrieen haben: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" (Matthäus 27,25). Und für Johannes sind die Juden die Kinder des "Teufels" und Abrahams, des "Mörders von Anfang an". In der Bibel entdeckt Goldhagen die Quelle des Antisemitismus und daraus leitet er die Motive und Gründe von päpstlichem und klerikalem Handeln und Nichthandeln gegenüber Juden bis auf den heutigen Tag ab. Die vernünftige Frage, warum ausgerechnet eine Religion der Liebe und der Nächstenliebe über 2000 Jahre - und bis in die jüngste Zeit hinein fast unreflektiert - den Hass gegen Juden wenn nicht predigt, so immerhin zulässt, ist theologisch, religionsgeschichtlich und moralisch gleichermaßen wichtig und anspruchsvoll. Goldhagen stellt sie nicht einmal. Christen, insbesondere Katholiken sind für ihn automatisch Antisemiten. In seinem manichäischen Weltbild steht ein für alle mal fest: "Die Schuld der Juden, aller Juden, kollektiv und generationsübergreifend, wird in der christlichen Bibel verkündet." Deshalb stellt er die eher skurrile Forderung an die katholische Kirche, das Neue Testament an 450 "antisemitischen" Stellen zu korrigieren.

Auch die Unterscheidung zwischen einem theologisch begründeten Antijudaismus, vielen Varianten der Judenverfolgung und Judendiskriminierung zwischen Mittelalter und Neuzeit, dem rassistisch unterlegten Antisemitismus des 19. und der systematischen Judenvernichtung im 20. Jahrhundert, interessiert Goldhagen nicht: "Antisemitismus" beginnt mit der Bibel und "führte zum Holocaust". Dass die Kirche darin verstrickt war, ist trivial. Es geht darum herauszuarbeiten, wie und warum aus Bibelversen verbrecherische Praktiken wurden. Der Autor hat keinerlei Gehör für solche Zwischentöne und Differenzierungen.

Das ist wohl Teil seines Erfolgsrezepts. So räumt er ein, dass "der Zusammenhang" zwischen antisemitischer Überzeugung und judenfeindlichem Handeln "verwickelt" sei, klärt aber die Art dieser Verwicklung nicht auf, sondern füllt die argumentative Lücke mit seinem beliebtesten Stilmittel: der rhetorischen Frage. "Warum hat Pius XII. sich ... in Deutschland für Katholiken eingesetzt, die vom Judentum übergetreten waren, nicht aber für Juden?" Goldhagens Antwort: weil er Antisemit war. Als einziger Beleg dient ihm eine Aufzeichnung des päpstlichen Nuntius Eugenio Pacelli (den späteren Papst Pius XII.) aus dem Jahre 1919. Dieser kanzelte die Revolutionäre der Münchner Räterepublik als "eine Bande von jungen Frauen von zweifelhaftem Aussehen, Juden ... mit provokativem Benehmen und zweideutigem Grinsen" ab. Ein etwas dürftiger Beleg, um Pacelli auf eine Stufe zu setzen mit Julius Streicher, dem antisemitischen Hetzer im Agitationsblatt Der Stürmer.

An den restlos trüben Fakten aus der Kirchengeschichte von den Judenpogromen und Kreuzzügen bis zu den Hexenverbrennungen sowie an der Mitverantwortung der Kirche an anderen Verbrechen gibt es unter aufgeklärten Historikern nichts herumzudeuteln. Goldhagen präsentiert die Verbrechen in rabiater Vereinfachung, verweigert sich aber "der laufenden Diskussion mit Ansichten dieser oder anderer Autoren". Dafür bezichtigt er die ernsthafte Forschung pauschal des Versuchs "moralischer Neutralisierung." Im Bemühen der Forscher, das Verhalten von Papst, Kirche und Klerus differenziert zu erklären, sieht er nur "Beschönigungen, Verzerrungen, Taschenspielertricks und Ausflüchte". Die wissenschaftliche Literatur über das politische und moralische Versagen Pius´ XII. und weiter Teile des katholischen Klerus besonders in Deutschland, aber nicht nur hier, füllt Dutzende von Regalmetern. Das hindert Goldhagen nicht an der absurden Behauptung, die Kirche sei "bisher einer gründlichen Untersuchung entgangen". An die Stelle historischer Analyse tritt bei Goldhagen das moralische Urteil mit der umwerfenden Begründung: "Weil Urteile auf jeden Fall gefällt werden, sollten wir gut urteilen. Wir sollten die Aufgabe des Urteilens zu einer wichtigen und geschätzten Praxis erheben, und wir sollten sie formgerecht, wohlbegründet und planvoll erfüllen." Zum hohen Pathos des Urteilens passen Unschärfen im Detail schlecht (nur eine: Goldhagen verwechselt Benno - richtig: Benny - Lévy, Sartres letzten Sekretär, mit Bernard-Henri Lévy, Medienphilosoph und Sartre-Biograph).

Autor und Verlag erhoffen sich nach einem bizarren juristischen Scharmützel - wegen einer falschen Bildlegende sollte die Auslieferung des Buches verhindert werden - wohl eine Wiederholung des "Goldhagen-Effekts" von 1996. Dieser hatte zwei Seiten: einen geschäftlichen-publizistischen und einen mehr theoretischen. Ein an wissenschaftlichen Standards gemessen bescheidenes Buch wurde 1996 zum Riesenerfolg, weil der Autor seine Botschaft ebenso geschickt wie glaubwürdig über die Bühne zu bringen wusste - die moralische Empörung darüber, dass die Frage nach den zahllosen Mittätern und Mitverantwortlichen bei einem Riesenverbrechern wie der Judenvernichtung viel zu selten gestellt wird. Genau das meinte Jürgen Habermas, als er Goldhagen zubilligte, "einen Impuls zum Nachdenken über den richtigen öffentlichen Gebrauch der Historie" zu geben. Goldhagen setzte durch seinen Auftritt - ganz unabhängig von vielen seiner platten Thesen im Buch - die öffentliche wie viele private Diskussionen über den komplexen Zusammenhang der Motive, Aktionen und Reaktionen von namenlosen Vollstreckern und jenen militärischen, polizeilichen und administrativen Institutionen in Gang, die das Verbrechen konzipiert und dirigiert hatten.

In theoretischer oder genauer: aufklärerischer Hinsicht birgt der "Goldhagen-Effekt" ein zweifaches Problem. In welchem Verhältnis steht der Anlass - ein schwaches Buch - zu dessen überwältigender Wirkung? Und befördert das zweite Buch über die katholische Kirche und den Holocaust tatsächlich historische Aufklärung oder speist es die Leserschaft nicht einfach mit plakativen moralischen Urteilen ab? Bei Goldhagen I lösten sich die öffentlichen wie die privaten Debatten schnell vom belanglosen Buch und entfalteten ihre eigene Dynamik, weil Zeitgenossen des Verbrechens wie die nachfolgenden Generationen ein Interesse nach Aufklärung und Selbstverständigung hatten und so zu einem neuen Blick auf alte Probleme kamen.

Bei Goldhagen II liegen die Dinge anders. Was die klägliche Rolle der katholischen Kirche und des Papstes angesichts der Judenvernichtung betrifft, enthält Goldhagens Buch sachlich nichts Neues und auch keine Perspektive für öffentliche und private Debatten. Vielmehr rennt das Buch inhaltlich nur offene Türen ein. Als Beitrag für eine Debatte über die moralische Konsistenz des Verhaltens der deutschen Amtskirche und des Papstes taugt die urteilswütige Schwarzweißmalerei überhaupt nicht.

Daniel Jonah Goldhagen: Die katholische Kirche und der Holocaust. Eine Untersuchung über Schuld und Sühne. Aus dem Englischen von Friedrich Griese, Siedler-Verlag, München 2002, 476 S., 24,90 EUR

00:00 06.12.2002

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