Die Bank gewinnt immer

Lehman Brothers Beim Showdown im September 2008 waren alle überrumpelt. Das wirkt bis heute nach
Die Bank gewinnt immer
Die Heilige Kuh („Holy Cow“) ist ein aus religiösen Gründen für unantastbar erklärtes Rind, übrigens

Foto: Paolo Pellegrini/Magnum Photos/Agentur Focus

Am Nachmittag des 14. September 2008, eines Sonntags, fahren mehrere Yellow Cabs vor der Zentrale der New Yorker Notenbank vor. Sie chauffieren unrasierte Männer in Freizeitkleidung. Für die Pressevertreter, die vor dem Gebäude ausharren, ist klar: Es sind Anwälte, die aus dem Wochenende geklingelt wurden. Das Schicksal der Investmentbank Lehman Brothers scheint besiegelt. Und tatsächlich: Am nächsten Morgen, um 1.45 Uhr früh, treten Vertreter von Lehman Brothers den Gang zum Konkursgericht im alten Zollgebäude an der Südspitze Manhattans an. Die Geschichte des 158 Jahre alten Finanzinstituts ist zu Ende. Bilder der Lehman-Mitarbeiter, die an jenem Montag mit ihren Topfpflanzen und Familienfotos in Pappkartons die Bank verlassen, gehen um die Welt. Zehn Jahre ist jener Tag nun her. Wir aber leben immer noch in der Welt, die damals entstanden ist: aus der Pleite. Und aus den Versuchen, den auf die Pleite folgenden Finanzkollaps zu bewältigen.

Am Mittwoch, dem 10. September 2008, übernimmt die US-Regierung unter George W. Bush die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac. Damit gehen Hypotheken im Wert von fünf Billionen Dollar an den Staat über. Am Tag darauf meldet Lehman Brothers einen Verlust in Höhe von vier Milliarden Dollar. Nur ein Notverkauf oder eine milliardenschwere Geldspritze von Investoren kann die Bank noch retten. Am Freitagabend, dem 12. September 2018, bitten Finanzminister Henry Paulson und Timothy Geithner, der Chef der New York Federal Reserve, die Spitzen der Wall Street in deren Hauptquartier im Finanzdistrikt in Manhattan. Die New Yorker Notenbank ist innerhalb des US-Zentralbankensystems für die Überwachung der Wall Street zuständig. Während draußen der Regen prasselt, sitzen sich im ersten Stock des Gebäudes, das an eine mittelalterliche Burg erinnert, die Banker und ihre Aufseher an einem rechteckigen Konferenztisch gegenüber.

Der nächste Crash – Die Serie

10 Jahre nach Lehman Brothers versuchen wir aufzuklären, was passiert ist und in Zukunft passieren wird. Lesen Sie mehr zum Thema in unserer Serie

Geithner, mit 48 Jahren einer der jüngsten Teilnehmer, schweigt. Paulson erklärt, die Bush-Regierung sei nicht bereit, auch nur einen weiteren Cent in die Rettung Lehmans zu stecken. Stattdessen sollten das die privaten Banken, deren Vertreter um den Tisch herum sitzen, übernehmen. Allen Anwesenden ist klar, dass Lehman ohne einen Retter die nächste Woche nicht überleben wird. Doch für den Mitbewerber Geld lockerzumachen, fällt den Bankern schwer. Den anwesenden Bankbossen geht es an dem Wochenende vor allem darum, ihre eigenen Institute zu schützen. Und: Sie glauben, dass Paulson blufft.

Im Mittelpunkt der Diskussion stehen Derivate. Die nahezu unregulierten und für die Banken höchst lukrativen Wetten auf Aktien, Anleihen, Kredite, Devisen und Rohstoffe sind in nur wenigen Jahren auf Kontrakte in Höhe von knapp 600 Billionen Dollar angeschwollen. Eine Summe, die dem 41-Fachen der US-Volkswirtschaft entspricht. Niemand weiß, wie die komplexen Finanzinstrumente reagieren werden, wenn einer der aktivsten Mitspieler an der Wall Street über Nacht ausfällt. Die Banker bestellen ihre Derivate-Händler ein, die ihre Software mit Daten zu ihren Positionen füttern. Fieberhaft versuchen sie, das wirre Netz der Transaktionen zu sortieren und herauszufinden, wie viele Kontrakte ihre Bank jeweils mit Lehman eingegangen ist. Der Versuch scheitert, weil die Banken darauf bestehen, Kontrakte zu ihren Gunsten einzulösen und andere weiter ausstehen zu lassen, die Lehman begünstigen.

Am Ende kommen Paulson und seine Mitstreiter zu der Überzeugung, genug getan zu haben, um eine Kettenreaktion nach Lehmans Untergang zu vermeiden. Eine Fehleinschätzung, wie sich schon tags darauf herausstellt. Tatsächlich ist jener Mittwoch, der 17. September, der Beinahe-Katastrophentag. Plötzlich läuft eine Meldung über die Nachrichtenticker: Die Anteile des Reserve Fund, mit 64 Milliarden Dollar einer der größten Geldmarktfonds, sind unter einen Dollar gesackt. Das ist eigentlich gar nicht möglich. Denn die Geldmarktfonds garantieren ihren Anlegern einen Mindestpreis von einem Dollar. Ihre Anteilsscheine seien so hart und so gut wie Bargeld, lautet das Versprechen.

Run, run, run!

Der Einbruch ist eine direkte Folge des Lehman-Konkurses. Die Reserve-Anleger fliehen aus dem Fonds, denn sie fürchten, dass die Manager dort auf Lehman-Schuldscheinen sitzen geblieben sind und nun, da Lehman Insolvenz angemeldet hat, massive Verluste drohen. Reserves Kunden – Pensionskassen, Versicherungen, Kleinanleger – versuchen, ihr Kapital so schnell wie möglich aus dem Fonds abzuziehen. Es ist der gefürchtete „run for the exit“ – im Börsenjargon das Rennen darum, vor allen anderen den Notausgang zu finden, um sein Geld noch ohne Verluste in Sicherheit zu bringen. In nur 24 Stunden verliert der Reserve Fund zwei Drittel seines Kapitals. Am Ende muss er abgewickelt werden.

Der „run for the exit“ greift schließlich von der Finanzindustrie auf die Realwirtschaft über. Großkonzerne wie General Electric, Toyota bis hin zu Harley-Davidson senden Hilferufe an die Notenbank und Finanzminister Henry Paulson, weil ihnen das Cash ausgeht und sie sich die Mittel nicht länger am Geldmarkt besorgen können. Nie war der totale Stillstand der Kapitalströme, die unsere Wirtschaft antreiben, so nah wie an diesem Tag. Dann zieht der damalige Notenbankchef Ben Bernanke die Notbremse. Um den totalen Zusammenbruch zu verhindern, spricht er eine umfassende Garantie für die wankenden Geldmarktriesen aus. Das teuerste Fangnetz der Geschichte, aufgespannt von der Öffentlichkeit für Hochfinanzakrobaten.

Die Tatsache, dass in diesen dunklen Tagen maßgeblich Banker – Finanzminister Paulson war zuvor Chef von Goldman Sachs – über Auswege diskutieren und entscheiden, sorgt dafür, dass massive Rettungspakete geschnürt werden. Und nicht zuletzt prägt die Sichtweise der Beteiligten die spätere Regulierung. Timothy Geithner wird unter Barack Obama als Finanzminister später maßgeblich an der Finanzmarktregulierung beteiligt sein.

Was die Aufseher bei ihren Krisengesprächen übersehen, ist der Aufstieg der Schattenbanken, zu denen die Geldmarktfonds gehören. Und der Fehler setzt sich fort: Auch die Regulierung nach der Krise konzentrierte sich auf die Banken. Jahre nach der Finanzkrise greifen zwar strengere Kapitalvorschriften und Einschränkungen für den Eigenhandel. Aber die Folge ist, dass sich das Risiko verlagert – an die brisanteste Stelle der Märkte.

Vor den Reformen konnten sich Finanzkonzerne und Investoren – Pensionskassen, Investmentfonds, Hedgefonds – darauf verlassen, an dem 12 Billionen Dollar großen Markt für US-Staatspapiere immer einen Abnehmer oder Anbieter für ihre Anleihen zu finden. Im Zweifel standen die Banken zur Verfügung. Aufgrund der strikten Regeln fuhren die Banken diese Rolle zurück, dafür stießen Blitzhändler, die von kurzfristigen Spekulationen profitieren und im Verdacht stehen, Crashs auszulösen, in die Lücke. Auch bei der Ausgabe von Krediten wurden die Banken zurückhaltender. Gleichzeitig senkten die Zentralbanken zur Krisenbekämpfung die Zinsen auf nahe null. Mit der Folge, dass Unternehmen sich seither mit 11 Billionen Dollar verschuldeten, nicht zuletzt mit Ramsch-Anleihen. Nach der Krise ist vor der Krise.

Jens Korte ist Wirtschaftskorrespondent in New York. Für den Freitag schrieb er bis 2015 die Kolumne „Das eine Prozent“

06:00 13.09.2018

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