Die Bestie in unseren Herzen

"Der Traum des Tigers" David Almonds neuer Jugendroman

"Joe roch ihn, den heißen, sauren Atem, den scharfen Geruch des Fells. Er spürte die Wildheit auf der Zunge, in den Nasenlöchern. Er hörte die Bestie die Treppe herauftappen. Er hörte das lange, langsame Atmen, das leise Geräusch der Lunge, das Rasseln in der Kehle. Der Tiger kam in sein Zimmer, stand an seinem Bett."

Der 13-jährige Joe ist schmächtig, schüchtern und zu allem Überfluss stottert er auch noch. Seine allein erziehende Mutter weiß, dass Joe anders ist. Schon früh hat sie gespürt, dass ihr kleiner Sohn über ein anderes Wahrnehmungsvermögen verfügt als gewöhnliche Kinder - und sie liebt ihn dafür umso mehr. Joe sieht und hört Dinge, die anderen verborgen bleiben. Den Gesang der Lerche fühlt er tief in sich drin und die geflügelten Wesen, die über dem Silberforst jenseits der Autobahn kreisen, sind ihm seit frühester Kindheit an vertraut.

In jener Nacht, in der Joe zum ersten Mal die Gegenwart des Tigers spürt, kommt ein Zirkus in die kleine Stadt. Inmitten des verblassten blauen Zirkuszelts, den heruntergekommenen Wagen und den einstmals prächtigen, nun aber zerlumpten Flittergewändern der Artisten betritt Joe eine fremde Welt. Dort trifft er Menschen, die ihn und seine Sicht auf die Welt verstehen: die gleichaltrige Trapezkünstlerin Corinna, die alte, blinde Wahrsagerin Nanty Solo, die Joes Wesen "erschnuppert" und ihm ein Stückchen Tigerknochen wie eine geweihte Hostie auf die Zunge legt, und George Hackenschmidt, den stärksten Mann der Welt.

Doch echte Tiger gibt es in dieser Manege schon lange nicht mehr. Der Zirkus befindet sich auf seiner Abschiedstournee, um danach für immer seine Pforten zu schließen. Zuvor muss Joe allerdings für die Menschen im Zirkus noch eine Aufgabe erfüllen: Er muss jenen Tiger freilassen, der den Artisten Jahrzehnte lang die Kraft und Energie und die Wildheit verliehen hat, um ihre Kunst auszuüben. Einen imaginären Tiger - ein Gefühl, eine spirituelle Kraft - freizusetzen, das ist Joes Aufgabe.

Der Traum des Tigers ist, seit Zeit des Mondes, das fünfte Buch von David Almond und es ist sein bisheriges Meisterstück, das geheimnisvollste, ergreifendste und zärtlichste Buch eines Autors, der zu den bemerkenswertesten Erscheinungen in der zeitgenössischen Kinder- und Jugendliteratur zählt.

Wie in keinem seiner Romane zuvor gelingt es Almond hier, eine Stimmung zu erschaffen, die den Leser mit ihrer ganzen Wucht packt und in die Geschichte hineinzieht. In all seinen Büchern verwebt der Autor magische und mystische Elemente mit realitätsnahen Ereignissen. In dem nun vorliegenden Roman hat er sich in dieser Beziehung auf eine neue Ebene vorgewagt. Er erzählt von der Wildheit im Menschen, von den Möglichkeiten, über das Sichtbare, Hörbare und Greifbare hinaus wahrzunehmen, das Wunder der Welt zu erkennen. Almond beschreibt eine Ur-Sehnsucht des Menschen, den Wunsch, mit dem Rhythmus des Lebens Kontakt aufzunehmen, zu begreifen und - zu lieben.

David Almond: Der Traum des Tigers, aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann, Ravensburger, Ravensburg 2003, 192 S., 12,95 EUR (ab 13)


00:00 05.12.2003

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