Die bewegte Hete

Szene Stirbt die schwule Subkultur durch die Ehe für alle, wie die „FAZ“ raunte? Unser Autor widerspricht
Die bewegte Hete
Wo hat sich den hier die „Szene“ versteckt?
Foto: Martin Parr/Magnum Photos/Agentur Focus

Der Ehevertrag zwischen Mann und Frau ist eine bürgerliche Erfindung. Und nun gilt also die „Ehe für alle“, einschließlich der zwischen Frau und Frau, zwischen Mann und Mann. Ist damit die „Erfindung der Homosexualität“, die Autor Robert Beachy in seinem 2014 erschienenen Buch Das andere Berlin beschreibt, passé? Wird sie unsichtbar, verschwindet in der bürgerlichen Normalität? Und das ausgerechnet am Geburtsort des Wortes „schwul“? In der 1847 erschienenen Schrift Die Diebe in Berlin, so Beachy, definiere ein Berliner Polizeikommissar „Schwule“ als Gauner mit einer „gewissen Vorliebe für Unsittlichkeiten“. Und auch das Wort „Homosexualität“, eine Mischung aus Latein und Griechisch, sei eine Wortschöpfung aus Deutschland. Es tauche erstmals 1869 in einer Polemik gegen das preußische Sodomiegesetz auf. Laut Michel Foucault wurde damit der Homosexuelle als neue „Spezies“ eingeführt.

Parallel zur Urbanisierung entstanden diverse Subkulturen in europäischen Städten. Deren Zeugnisse haben sich meist nur fragmentarisch überliefert. Denn ahnungslose Hinterbliebene, die in Geheimschubladen auf die subkulturellen Artefakte ihrer Verwandten stießen, gingen meist daran, diese eiligst zu entsorgen. Umso wichtiger ist daher das 1985 im damaligen Westberlin gegründete Schwule Museum. Es archiviert hunderttausende rare lesbische, schwule, transgenderidentische, bisexuelle und queere Dokumente. Vom historischen Pornofoto über die Aufklärungsschriften des Berliner Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld bis hin zu den bizarren Bildgeschichten der Performerin Krista Beinstein. Mit „Homosexualität_en“ realisierte das Museum 2015 in Kooperation mit dem Deutschen Historischen Museum seine bisher größte Ausstellung: Homosexualität ist also längst Teil hiesiger Hochkultur.

Die Ehe als Notwehr

Gibt die Ehe für alle nun dieser Subkultur den Rest? Ein kurzer Rückblick: Die prä-queere Berliner Grotesktänzerin Valeska Gert (1892 – 1978), verachtete den Spießbürger, tanzte in den 1920er Jahren Menschentypen wie Prostituierte inklusive eines simulierten Orgasmus und heiratete 1936 ihren englischen Bewunderer Robin Hay Anderson. Da ihr Gatte schwul war, erhielt er durch die Eheschließung mit einer Frau einen gewissen Schutz, während die aus einer jüdischen Berliner Familie stammende Valeska Gert die Möglichkeit bekam, dem Naziterror durch Emigration zu entkommen: Die bürgerliche Ehe als Notwehr und Überlebensform. Ganz anders der Generalintendant des Preußischen Staatstheaters Gustav Gründgens und die Schauspielerin Marianne Hoppe: Auch sie heirateten 1936, galten fortan offiziell als heterosexuell und konnten ihre Karrieren im NS-Staat fortsetzen: Die Institution Ehe kann also helfen, Leben oder Karrieren zu retten. Das ist doch prima!

Wenige Monate vor der Bundestagswahl hat Kanzlerin Angela Merkel nun in Berlin einen Coup gelandet. Den einen wird er ihr Image als „Teflon-Merkel“ bestätigen, den anderen gilt er eher als Beweis ihres großen strategisch-politischen Talents. Ob ihr die Idee, die Abgeordneten parteienunabhängig über die Ehe für alle abstimmen zu lassen, tatsächlich beim Brigitte-Interview rausrutschte oder ob sie eiskalt kalkuliert war, wer weiß das schon? Wichtiger ist da schon die Frage: Wird jetzt alles langweilig und gleichförmig? Werden wir bald nur noch Menschen sehen und keine Hetero-, Homo- und Transsexuellen mehr? Werden Geschlecht und Identität egal? Stirbt die queere Subkultur? Wenn alle gleich werden, kann dann jemand noch anders sein?

Aber selbstverständlich! So lässt die FAZ einen bekennend homosexuellen Katholiban unter Pseudonym von einer „Szene“ raunen, als gäbe es so eine Art männerbündlerische Geheimloge, die vor Zunahme von Pädophilie durch das neue Ehegesetz warnt. Beim Versuch, größtmögliche mediale Aufmerksamkeit zu erzielen, ist da Empörung garantiert. Immer verbunden mit nachfolgendem Mimimi: „Man darf ja gar nichts mehr sagen …“ Dabei ist der groteske FAZ-Artikel nur ein Beweis dafür, dass der größte Mumpitz in der sich aufgeklärt gebenden Mediengesellschaft eine reale Chance hat, Aufmerksamkeit zu erlangen.

Empörte Regenbogen-Aktivisten vermuten, der FAZ-Kronzeuge sei ein Ex-Chefredakteur der allerletzten deutschen Kiosk-Schwulenillustrierten Männer Aktuell gewesen. Der Untergang dieses aus Zeit und Raum gefallenen Printmediums hatte indes weniger mit seinen zunehmend rassistischen und misogynen Beiträgen zu tun. So etwas läuft ja eigentlich eher gut und landet bisweilen oben in den Buch-Charts. Tatsächlich begann der Niedergang, weil attraktivere Männerakte ganz leicht im Internet zu finden sind und rassistische Bücher eh überall prominent ausliegen. Zudem werden die sympathischen Knollnasenmänner des populären Comiczeichners Ralf König (Der bewegte Mann), die prägend für so etwas wie „schwule Identität“ stehen, mehrheitlich von Nicht-Schwulen konsumiert, also von „Heten“.

Auf die Frage, wie denn Subkultur zur Hochkultur werden könne, hat Popkünstler Andy Warhol mal geantwortet: Man müsse nur ein ausgeflipptes Underground- Hippietheater in einem gut klimatisierten Theater in bester Lage spielen lassen. Das war’s auch schon. In Deutschland läuft es vorerst genau andersherum: So wird beim jährlichen lesbisch-schwulen Straßenfest in der Berliner Motzstraße der Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Bernd Fabritius (CSU), zum öffentlichen Talk eingeladen. Sein Verdienst: Er ist mit einem Mann verheiratet. Mit Sicherheit wäre der inzwischen 90-jährige US-amerikanische Underground-Filmer Kenneth Anger, Autor des genialen Skandalbuchs Hollywood Babylon, ein weitaus spannenderer Talk-Gast – aber dessen Widerspenstigkeit scheint noch nicht ganz mainstreamkompatibel für die subkulturelle Meile in Schöneberg zu sein. Vielleicht ja zum Hundertsten?

Was an „Anpassungsleistung“ oft mit Verbürgerlichung verwechselt wird, lässt sich gut am Fall des Berliner Promi-Friseurs Udo Walz beobachten. Im Jahr 1970 frisierte er mal Ulrike Meinhof und seit nunmehr über zehn Jahren Kanzlerin Angela Merkel. Als die rot-grüne Regierung 2001 Gleichstellungsgesetze für gleichgeschlechtliche Paare einführte, empörte sich Walz in der BZ: „Zwei Männer können nicht heiraten!“ Die Ehe diene schließlich der Fortpflanzung. Trotzig trat er der CDU bei. Ein paar Jahre später heiratete er Carsten, also einen Mann – ohne sich fortzupflanzen. Kurz: Auch in diesem Fall fand keine schleichende Verbürgerlichung statt. Der Promi-Friseur war schon immer so.

Das Islandphänomen

Apropos Fortpflanzung: In Island setzte eine konservativ-wirtschaftsliberale Regierung Ehegesetze für alle inklusive Adoptionsrecht im Parlament durch – vor über einem Jahrzehnt. Gleichzeitig hat die Inselrepublik eine der höchsten Geburtenraten in Europa. Das nur erwähnt, damit sich nicht wieder irgendeine sich von „Linksextremen“ oder „Genderwahnsinnigen“ verfolgt wähnende rechte Krawallschachtel in der FAZ oder ein vereinsamter sächsisch-bayerischer Landtagsabgeordneter vom drohenden Aussterben des deutschen Volkes faselt. Oder aber vom Gegenteil – das Islandphänomen könnte schließlich von fanatisierten LGBT-Aktivisten auch so interpretiert werden: Mehr Staatsbürger durch Gleichstellung und Gleichheit. Mit 100.000 Teilnehmern gilt der seit 1999 jährlich zelebrierte Christopher-Street-Day der 330.000 Einwohner zählenden Polarinsel als größte Veranstaltung des Landes. Großväter malen ihren Enkeln liebevoll Regenbogenflaggen auf die Wangen und schieben sie im Kinderwagen durch die Menge. Während sich auf der Vulkaninsel die LGBT-Subkultur in einer entspannt feiernden Menschenmenge auflöst, entstehen gleichzeitig überall neue Subkulturen. Subkulturen tauchen nämlich immer gern dort auf, wo sie am wenigsten erwartet werden.

Für Kontaktaufnahmen braucht es heute kein Lokal und keine Partnerschaftsanzeige mehr. Eine App tut es auch. Mit Kopfhörer werden die Ohren versorgt, mit Smartphone die Augen und alle kommunizieren öffentlich mit Menschen, deren Körper aus Pixeln bestehen. Eine digitale Subkultur der fragmentierten Stimmen, Bilder und Körper entsteht. Niemand weiß, wie sie genau aussieht, sonst wäre sie ja auch keine mehr.

Der Berliner Künstler, Musiker und Autor Wolfgang Müller veröffentlichte 2012 den Bestseller Subkultur Westberlin 1979 – 1989. Freizeit. Er ist Präsident der Walther von Goethe Foundation Reykjavík – Berlin

06:00 17.07.2017

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