Vierblättrige Einbeere: Vorsicht, giftig!

Botanik Sie haben noch nie von der Vierblättrigen Einbeere gehört? Die Blume des Jahres 2022 hat Wurzeln, die bis nach Troja reichen. Alles über die Schattenpflanze erklärt die Botanikerin Sabine Hurck in unserem Lexikon
Vierblättrige Einbeere: Vorsicht, giftig!

Foto: Andrea Innocenti/Getty Images

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Aphrodite Eris, die Göttin der Zwietracht, hatte auf einer Hochzeit, zu der sie nicht geladen war, einen goldenen Apfel mit der Aufschrift „Der Schönsten“ in die Gästeschar geworfen. Gleich drei Göttinnen fanden, alleiniges Anrecht auf den Titel zu haben. Paris, ein trojanischer Königssohn, wurde von Göttervater Zeus zum Schiedsrichter bestimmt und jede Göttin umwarb Paris mit Versprechungen, damit er sich für sie entscheide. Hera versprach Macht, Pallas Athene bot ihm Weisheit, aber Aphrodite stellte ihm die Heirat mit der schönsten Frau der Erde in Aussicht, was dann mit dem Raub der Helena den Trojanischen Krieg auslöste. Die Vierblättrige Einbeere, botanisch „Paris quadrifolia“ (wie der mythologische Held auf der 1. Silbe betont), soll diese Szene abbilden. Die einzelne Frucht in der Mitte stellt den Zankapfel dar und die vier umgebenden Blätter symbolisieren Paris und die drei Göttinnen.

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Bildschön Ein vor über 500 Jahren gemaltes Aquarell der Einbeere betitelte der Benediktinermönch Vitus Auslasser mit Ainper chrawt, was man schon als Einbeer-Kraut lesen kann. Er gilt als erster Botaniker Bayerns und schuf eines der frühesten Botanikwerke mit lateinischen und deutschen(!) Pflanzennamen. Welch ein Vergnügen, diese alten Kräuterbücher mit wundervollen Abbildungen! Nicht nur die von Vitus Auslasser (1479), Leonhart Fuchs (1543) oder Hieronymus Bock (1546). Bilder der Einbeere gibt es in Form alter Buchmalerei sowie in kunstvollen, gedruckten und handkolorierten Stichen. Vergleichsweise neu sind mehr als 90 Jahre alte Fotos der Pflanze aus einer Dia-Kartei. Alle diese Schätze aus Bibliotheken und Archiven kann man heute digital durchblättern (➝ Experten). Am Laptop im Lieblingssessel, gratis, ohne Anmeldung! Die Deutsche Digitale Bibliothek hat aktuell über 41 Millionen Objekte erfasst und macht sie kostenlos jedermann zugänglich. Vor wenigen Jahren war das noch unvorstellbar.

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Diabolisch Hinterlistig lauert das Böse im dunklen Wald.Devil-in-a-Bush“, so lautet ein englischer Name der Einbeere ( Shakespeare). Der Teufel kommt in Gestalt einer schwarz-blauen, glänzenden Beere, die vom frischen Grün der Stängelblätter breit umrahmt wird. Verführerisch wie auf dem Präsentierteller angerichtet drängt sich die giftige Beere geradezu auf, gepflückt und gekostet zu werden, und stürzt damit ins Verderben … Ja, die Beere ist giftig. Alle Teile der Vierblättrigen Einbeere sind giftig, auch Blätter und Wurzelstock. Die Giftstoffe sind vor allem Saponine und Glykoside, darunter Paridin und Paristyphnin, deren Benennung sich von der Pflanzengattung Paris ableitet. Der Verzehr der Pflanze kann zu Brechreiz, Magenkrämpfen, Durchfall, Kopfschmerz und Schwindel führen. Tödlich wirkt sie nur, wenn es zu Atemstillstand kommt. Aber die Verteufelung tut der Pflanze unrecht, da wachsen im Wald weitaus giftigere Beeren und Blumen. In nordischen Ländern hatte die Volkskunde andere Vermutungen, woher das Gift der Einbeere stammt. In Schweden glaubte man, Trolle hätten ihre Finger im Spiel, oder auch Schlangen. Der estnische Name der Einbeere bedeutet „Von der Schlange geleckt“, was den Glanz der Beere als auch die Herkunft des Gifts erklären soll.

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Experten Mein Nachbar konnte früher noch nicht mal ein Stiefmütterchen von einer Tulpe unterscheiden. Heute verblüfft er mich mit: „Ich habe im Wald die Vierblättrige Einbeere gesehen!“ Er hat eine App auf dem Handy. Sie heißt Flora incognita und kommt sofort zum Einsatz, wenn etwas Buntes blüht. Generationen von Studenten naturwissenschaftlicher Fächer wurde der Spaß an Wildpflanzen mit klassischen Bestimmungsschlüsseln voller Fachbegriffe ausgetrieben. Aber in Zeiten von Citizen Science ist vieles einfacher. Pflanze knipsen und bestimmen lassen. Man erhält zur Vierblättrigen Einbeere viele Infos, auch Verbreitungskarten und weitere Fotos sowie Links. Gleichzeitig liefert man ein Mosaiksteinchen, das zum Gesamtbild von Vorkommen und Blütezeitpunkt der Einbeere beiträgt. Zur Bestimmung der Schnecke auf der Einbeere: ObsIdentify öffnen.

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Gruppenzwang Eine Einbeere kommt selten allein. Eigentlich nie. Sie wächst immer in lockeren Gruppen, so wie Maiglöckchen oder Buschwindröschen. Die meisten grünen Einbeeren-Pflanzen auf einem Fleck sind unterirdisch miteinander verbunden. Die oberirdischen Sprosse entwickeln sich jedes Jahr neu aus waagerecht kriechenden Wurzelstöcken, die sehr alt werden können. Einbeeren vermehren sich äußerst langsam. Meist, indem die unterirdischen Ausläufer weiter nach außen wachsen. Relativ selten entwickeln sich neue Pflanzen aus Samen.

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Krähenauge In Russland heißt die Einbeere übersetzt „Krähenauge“, weil die dunkle, glänzende Beere wohl wie ein Auge wirkt. Im Altertum und Mittelalter war die Signaturenlehre verbreitet. Sie besagt, dass die Natur durch Form oder Farbe Hinweise darauf gibt, welches Mittel gegen welche Krankheit hilft. So wurde die Einbeere bei Augenkrankheiten eingesetzt. Auch wer vom bösen Blick getroffen und von Dämonen geplagt wurde, den konnte man mit der „Krähenaugen“-Pflanze entzaubern. In den Beeren sah man auch eine Ähnlichkeit zu Pestbeulen und nutzte sie zu äußerlichen Behandlungen der blau-schwarzen Hautverfärbungen, wie sie bei Pestkranken als Folge innerer Einblutungen im Bereich von Lymphknoten auftraten.

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Rampenlicht Ein Star auf der Bühne im Lichtkegel. Oder, um es mit Bert Brecht zu sagen: „Denn die einen sind im Dunkeln. Und die anderen sind im Licht.“ Runter von der Bühne, rein in den alten Laubwald. Im Sommer, wenn die Sonne auf das geschlossene Blätterdach scheint, herrscht unten ein grünes Halbdunkel. Das ist der Standort für Schattenpflanzen wie die Einbeere. Sie wächst, wo im Sommer nur noch fünf Prozent der relativen Beleuchtungsstärke ankommen, mehr als 30 Prozent sind ihr schon zu viel. Kennen Sie den Anblick im Wald, wenn ein Bündel aus gleißenden Sonnenstrahlen durch eine Lücke im Kronendach scheint? Wie ein Scheinwerfer auf der Bühne, wie ein außerirdischer, goldener Fingerzeig auf einen kleinen Fleck Waldboden. Die Einbeere beherrscht es meisterhaft, die kurze Zeit mit direkter Einstrahlung zu nutzen. Ihre „Lichtfleck-Nutzungseffizienz“ hat man im Labor gemessen. Innerhalb von 7,1 Minuten gelingt es der Einbeere, 90 Prozent ihrer Fotosyntheserate zu erreichen. Schnelle Sonnenpflanzen brauchen 18 Minuten.

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Shakespeare In vielen Werken des englischen Dichters William Shakespeare spielt die Liebe eine bedeutende Rolle, nicht nur in seinen Liebes-Sonnetten oder der Tragödie von Romeo und Julia. Die einzig wahre Liebe ist das Thema – „True Love“ – und da kommt die Einbeere ins Spiel. Denn so nennt man in England die Pflanze, die dort auch „Herb Paris“ oder „True Lover’s Knot“ heißt. Das Bild des Knotens greift die paarige Symmetrie der Pflanze auf, die sich in der Blüte und ganz besonders in den vier Stängelblättern zeigt. Die ganzrandigen Blattquirle bilden von oben betrachtet vier ausladende Bögen, die von einem Zentrum ausgehen und sich dort wieder treffen. Sie wirken wie ein Schleifenquadrat, ein Endlosknoten, der als Symbol ewiger Liebe und Treue gilt. In alten englischen Volksliedern wird dieser Knoten besungen. Die Form erinnert an keltische Bandflechtmuster, deren Bedeutung heute teilweise in Vergessenheit geraten ist. Bei Hochzeiten mit freier individueller Gestaltung der Trauungszeremonie liegt es im Trend, alte Heiratsrituale aus aller Welt zu übernehmen. So greifen Paare mit dem keltischen Brauch des „Handfastings“, der Knotenzeremonie, auf die alte Bandsymbolik zurück. Bei der kirchlichen Trauung schlingt der Priester seine Stola um die Hände des Brautpaars, um den Bund zu segnen. Zurück zu Shakespeare. Er wählte das Symbol des Schleifenquadrats für seinen Siegelring, auf dem sich der True Lover’s Knot zwischen und über seinen Initialen windet.

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Paris Die Betonung liegt auf der 1. Silbe (Aphrodite): Paris quadrifolia. So hat Carl von Linné, der schwedische Naturforscher, die Vierblättrige Einbeere 1735 benannt. Die Pflanzengattung Paris ist in Europa nur mit dieser einen Art vertreten. In Asien gibt es noch 27 weitere Paris-Arten. Bei uns findet man die Einbeere vor allem in alten krautreichen Laubwäldern, auf nicht zu armen Lehm- oder Tonböden. Die Pflanze blüht im Mai. Der zehn bis 30 cm hohe, aufrechte Stängel trägt eine einzelne Blüte. Darunter sitzen vier oval-elliptische, ganzrandige Stängelblätter wie ein Quirl. Die bizarr gestaltete, grün-gelbliche, sternförmige Blüte hat einen schwarzen, kugeligen Fruchtknoten, der später bis zur Größe einer Heidelbeere oder auch Wildkirsche heranwächst. Der deutsche Name beschreibt die Art so treffend, dass pflanzeninteressierte Spaziergänger, die zum ersten Mal eine Gruppe dieser Pflanze im Wald bewusst sehen, sich sofort sicher sind: das ist sie, die Vierblättrige Einbeere – Paris quadrifolia.

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Wilde Wälder Die Vierblättrige Einbeere ist eine der Waldpflanzen, die als Indikator für historisch alte Waldstandorte (ancient woodland) betrachtet werden. Also Standorte, die mehr als 400 Jahre ununterbrochen mit Wald bestockt sind. Ein Kahlschlag kann die Schattenpflanze (➝ Rampenlicht) schnell zum Absterben bringen. Gravierende Eingriffe in den Waldboden schädigen ausgedehnte, über viele Jahre gewachsene Wurzelstocksysteme und schwächen die Vitalität des ganzen Bestandes. Alte naturnahe Wälder weisen eine vielfältige, ökologisch spezialisierte Tier- und Pflanzenwelt sowie differenzierte, ausgereifte Bodenstrukturen auf, die nicht innerhalb weniger Jahrzehnte neu geschaffen werden können. Die komplexen Beziehungen zwischen Waldbäumen, Kräutern, Waldgräsern und Farnen, Pilzen, Bakterien sowie einer artenreichen Tierwelt sind erst ansatzweise erforscht. In jüngerer Zeit gewinnen Wissenschaftler mit modernen Methoden neue, verblüffende Erkenntnisse zu heimischen Ökosystemen.

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Zeigerpflanzen Pflanzen zeigen durch ihr Vorkommen etwas über ihre Umwelt an. Jeder Bauer wusste früher, welche Wildpflanze ihn auf seinem Land über Staunässe, Trockenheit, saure oder basische Bodenverhältnisse, Nährstoffreichtum oder -armut informiert. Ellenberg-Zeigerwerte benennen für jede heimische Wildpflanze einen Indikatorwert. Die Einbeere ist demnach „Schattenpflanze“ und „Schwachbasenzeiger“. Aber es gibt auch Verbrachungszeiger, die zunehmen, wenn die Nutzung ausbleibt. Störungszeiger, die von sporadischen Bodenbearbeitungen profitieren. Das Kleine Immergrün gilt als Siedlungszeiger und verrät im Wald auch noch nach Jahrhunderten die Lage eines vergessenen Friedhofs.

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