Die Briten können es

Medientagebuch Die BBC verfilmt bevorzugt Aktuelles, das deutsche Fernsehen beschäftigt sich lieber mit längst Vergangenem

Das Londoner Attentat war noch frisch in der öffentlichen Wahrnehmung, da strahlte RTL eine Folge der britischen Krimi-Serie Gerichtsmedizinerin Samantha Ryan aus. In Spielfilmlänge wird dort beschrieben, wie eine schwere Bombenexplosion in London von der Regierung zu einem islamistischen Attentat umgedeutet wird. Ein Brite pakistanischer Herkunft wird unschuldig eingesperrt; die Titelheldin Dr. Ryan quittiert gekränkt den Dienst. Was wie ein Kommentar zu den aktuellen Geschehnissen wirkte, wurde von der BBC schon 2003 produziert. So arbeitet das Fernsehen auf der britischen Insel.

Bei uns behandeln preisgekrönte TV-Produktionen bevorzugt gesellschaftliche Vorgänge, die 50 bis 100 Jahre zurückliegen. Heinrich Breloer wird gepriesen für die Manns, für Speer, für Wehner, und - vergleichsweise aktuell - die Barschel-Affäre aus den achtziger Jahren. Andere aufwendige Produktionen befassen sich mit Bergbauunglücken und Sturmfluten (letztere sind noch nicht ausgestrahlt) der sechziger Jahre. Der Machtwechsel der Bundesregierung 1969 war Gegenstand ausführlicher filmischer Erörterung, ebenso der 1974 erfolgte Rücktritt des Bundeskanzlers Willy Brandt. Alle diese Produktionen waren absolut sehenswert, niveau- und sogar liebevoll gearbeitet und wurden zu Recht mit Preisen ausgezeichnet.

Doch warum dieser Abstand zum Geschehen? Die Spendenaffäre Helmut Kohls wartet bis heute auf eine filmische Aufarbeitung. Aufstieg und Zusammenbruch des Kirch-Konzerns gäben Stoff für ein umfangreiches Epos. Der Machtwechsel zu Rot-Grün, verbunden mit dem Umzug der Bundesregierung und einer imaginären "Republik" von Bonn nach Berlin, harrt bis heute auf eine Darstellung.

Warum können es die Briten? 1990 stürzte der Konservative John Major Premierministerin Maggie Thatcher. Noch im gleichen Jahr produzierte die BBC einen Zweiteiler (deutscher Titel: Das Kartenhaus), in dem sich ein Major nachempfundener Konservativer, gespielt vom dafür preisgekrönten Ian Richardson, mittels Mord und Totschlag an die Spitze intrigiert. Und weil es so schön umstritten und erfolgreich war, (was sich gegenseitig nicht behinderte, sondern bedingte!), legte die BBC 1993 noch einen Zweiteiler nach (deutscher Titel Um Kopf und Krone), in dem auch Prinz Charles und Prinzessin Diana, letztere eher eine "dumme Kuh" als eine "Prinzessin der Herzen", nicht ausgespart wurden.

1997 gewann New Labour mit Tony Blair. 2001 gelang die erste Wiederwahl. Immerhin schon 2002 erschien ein neuer BBC-Zweiteiler: The Project. Zwei junge Labour-Aktive kommen im Gefolge von Blair nach ganz oben; einer wird zum widerlichen Karrieristen, eine resigniert enttäuscht wegen ihrer verratenen Ideale. Parallelen zu deutschen Ereignissen kamen dem Zuschauer nicht zufällig in den Kopf. Aber kennen Sie irgendeine deutsche Filmproduktion, die sich damit beschäftigt hätte? Das ZDF lieferte uns eine völlig fiktive Schlaftablette namens Kanzleramt. Und im Kino sind wir jetzt gerade beim Tod von Bobby Ewing angekommen. Es kann also nur noch 25 Jahre dauern.

Einen Hinweis auf die Gründe gibt vielleicht das Geschehen um den Tod des britischen Waffeninspekteurs David Kelly, der wie so viele seiner Kollegen im Irak keine Massenvernichtungswaffen gefunden hatte und davon einem BBC-Journalisten erzählte. Den anschließenden Situationen des zunehmenden Drucks von Öffentlichkeit und eigener Partei war Kelly nicht gewachsen. Doch kaum war er beerdigt, da erschien auch über diese Geschichte ein TV-Film (diesmal allerdings nicht von der BBC, sondern einem Privatsender produziert), der die Sache für die Regierung wenig schmeichelhaft darstellte. Aus der Kelly-Affäre entstand darüber hinaus eine so heftige Auseinandersetzung zwischen Regierung und BBC, dass der Bestand des Senders ernsthaft gefährdet schien.

Schauen wir uns unter diesem Vorzeichen die deutschen Fernsehanstalten an. Welche hätte den Mumm, den gesammelten Zorn des politischen Establishments auszuhalten? Die ARD wackelt schon unter einer ärgerlichen aber doch vergleichsweise harmlosen Schleichwerbungsaffäre in ihren Grundfesten. Im ZDF sitzen Bundes- und Länderregierungen gleich persönlich in den Spitzengremien. Und die Privatsender? Die freuen sich auf Angela Merkel und werden ihr - und allen andern, die sich für freie Marktwirtschaft einsetzen - zu Lebzeiten und noch mindestens 20 Jahre danach sicher kein Haar krümmen.

Es muss sich bei dieser Zurückhaltung, was aktuelle Geschehnisse anbetrifft, um einen tief verankerten Zug im deutschen Fernsehen handeln, denn auch aus der Vergangenheit sind nur wenige herausragende Gegenbeispiele erinnerlich. 1987 zeigte das ZDF einen Film von Christian Görlitz: Die Bombe. Er behandelte bundesrepublikanische Atomwaffenambitionen, die seinerzeit von der Friedensbewegung thematisiert und von den deutschen Nato-Verbündeten sicher nicht vergessen wurden. Das war spannend und zeitnah. Der 1996 produzierte Zweiteiler Operation Schmetterling, (in der Hauptrolle Lena Stolze), der in vergleichbarer Weise brisante interne Nato-Konflikte und die Instrumentalisierung von Terrorismushysterie nachzeichnete, wurde in den Dritten Programmen versteckt. Auch Das Phantom (Pro7, in der Hauptrolle Jürgen Vogel, 2000) war politisch heiß: der Film orientierte sich an dem umstrittenen Buch von Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker Das RAF-Phantom. Gegenstand waren von deutschen Polizeibehörden künstlich am Leben gehaltene spätere RAF-Generationen, weil die so nützlich für den Ausbau von Polizeistaatseinrichtungen waren.

Eine TV-Legende ist der Sechsteiler Kir Royal (1986) von Helmut Dietl geblieben, auch wenn eine kirchenkritische Beichtstuhlszene nach der Erstausstrahlung sofort rausgeschnitten wurde. Er hat sich seinen Plot von dem Klatschkolumnisten Michael Graeter, der damals für die Münchener Abendzeitung schrieb, abgeschaut. Die Verlegerin, gespielt von Ruth-Maria Kubitschek, entsprach der Witwe Friedmann, die einer der Verlegerfamilien der Süddeutschen angehörte. Dort gäbe es noch heute viel Stoff für eine selbstironische Mediensaga. Wahlweise fände sich so ein Stoff auch in Köln (Klüngel!, Neven DuMont), Essen (Hombach bei der WAZ) oder Gütersloh (Familie Mohn). Wer traut sich?


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00:00 29.07.2005

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