Die diskriminierten Weißen

USA Mit oder ohne Trump: Für die Republikaner ist Identitäts- vor allem Machtpolitik
Die diskriminierten Weißen

Illustration: der Freitag

Die Umfragewerte sinken. Doch Donald Trump ist aus eigener Sicht und der seiner Getreuen gar nicht schlecht gefahren mit seiner Orientierung an der rechten und weißen Basis. Die Rassensache steht dabei weit vorn. Nun lässt Alabama grüßen nach der Niederlage des konservativen Republikaners Roy Moore bei der Senatsnachwahl.

Black Lives Matter, LGBTQ, Transgender und mehr: Amerikaner links von der Mitte ringen mit der Frage, wie sie mit Identitätspolitik umgehen sollen, auf welche Weise Herkunft und Bewusstsein politische Arbeit prägen. Trump und die Republikaner führen derweil vor, dass ihre Art von Identitätspolitik zur Macht verhilft und zum Verwalten derselben. Vielleicht gar zum Entgleisen der „Russlandermittlungen“, wenn man Sonderermittler Robert Mueller mit „Fake-Vorwürfen“ eindeckt. Nur würden die Republikaner das nie Identitätspolitik nennen. Es geht ihnen um das Dazugehören und Ausgrenzen, das Aufteilen in Gut und Böse, das Aufbegehren gegen eine vermeintliche Elite.

Anfang Dezember hat Donald Trump in Pensacola (Florida) eine Rede gehalten. Es gab eine bemerkenswerte Identitätsvorstellung in der 50.000 Einwohner zählenden Stadt dicht an der Grenze zu Alabama. Ein konservatives Pflaster am Golf von Mexiko, Trump bekam hier bei der Präsidentenwahl 58 Prozent. Die meisten Weißen haben für ihn gestimmt. Man nennt die weißen Sandstrände „Redneck Riviera“. Das kann herablassend gemeint sein von Außenseitern, die Geld haben für die richtige Riviera, oder mit trotzigem Stolz geäußert werden von Einheimischen. Redneck (roter Nacken) bezeichnet weiße Arbeiter, die unter der Sonne schuften, oder – verallgemeinernd – engstirnige Südstaatler.

I love you! I love you!

Der Präsident unterhielt die Leute mit Geschichten vom sagenhaften Wahlsieg und schmähte die Medien. „Lock her up!“ – sperrt sie ein! –, riefen die Make-America-Great-Again-Fans im Anflug von Nostalgie. „U.S.A., U.S.A., U.S.A.“, skandierten ein paar Tausend im Pensacola Bay Center. „Ich habe diesen Job übernommen für die vergessenen Männer und Frauen“, verkündete Trump. „Und nun raten Sie? Sie sind nicht mehr vergessen!“

Plötzlich entdeckte der Präsident mehrere Afroamerikaner mit „Schwarze für Trump“-Plakaten. „Schaut euch diese Typen an“, begeisterte er sich: „Blacks for Trump! I love you, I love you! I love you!“ Der ganz große Rest der Zuhörer beim Trump-Fest war Fernsehbildern nach zu schließen beinahe so weiß wie die Kunstschneeflocken, die der Veranstalter am Ende des Meetings rieseln ließ. Und wie Trumps Regierungsmannschaft.

Da schon bald Weihnachten sei und er regiere, wünsche man „Merry Christmas“, betont der Präsident. Nicht das politisch korrekte „Happy Holidays“ (Frohes Fest). Sein Lieblingssender Fox News regt sich seit langem auf über den „Krieg gegen Weihnachten“, der die christliche Identität des Feiertages verdränge. Im Gedächtnis bleibt die Versicherung einer Fox-Moderatorin vor Jahren, dass Santa Claus definitiv weiß sei. Gewandt an eine afroamerikanische Journalistin ergänzte sie: „und nur weil Ihnen das missbehagt, heißt das nicht, dass es anders werden soll.“ Trump weckt Sehnsucht nach einer vermeintlich unkomplizierten Zeit, als es natürlich war, dass das weiße, protestantische und männliche Amerika das Sagen hatte. Als Footballspieler bei der Nationalhymne standen, und schwarze Athleten keine Protestaktionen veranstalteten gegen Polizeibrutalität. Trump schimpft gern über diese Spieler, die „unsere Fahne entehren“. Und wenn er schon beim Sport sei, er könne moderne Regeln zum Schutz vor Verletzungen nicht ausstehen. Sie ruinierten das Spiel.

Das weiße und christliche Amerika verliert rapide seine Mehrheit. So berechneten die Forscher des Public Religion Research Institute, dass 1976 weiße Christen 81 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Heutzutage seien es nur mehr 43 Prozent, was viel mit niedrigen Geburtenraten, Zuwanderung und dem Abschied von organisierter Religion zu tun habe. Weiße Atrophie hat Folgen, so Politikwissenschaftlerin Ashley Jardina: Solange der „dominante Status der Weißen“ fest verankert sei, schlummere das Thema weiße Identität. Fühlten sich Weiße jedoch bedrängt, könne Rassenidentität politisch relevant werden. Dann marschiert der Ku-Klux-Klan (KKK) in Charlottesville.

Viele Weiße fühlen sich offenbar diskriminiert, etwa 55 Prozent, wie der Rundfunksender NPR bei einer Umfrage ermittelte. Diese Menschen suchen Erklärungen für den Statusverlust. Neu ist das nicht. Vor mehr als hundert Jahren gründeten linke US-Arbeiter die Industrial Workers of the World (IWW), eine Gewerkschaft mit schwarzen und weißen Mitgliedern, ein radikales Unterfangen. Weiße Arbeiter müsse man schnell erreichen, sollen IWW-Organisatoren gesagt haben, sonst käme der Ku-Klux-Klan der Gewerkschaft zuvor. Der Terrorverband galt vielen Weißen damals als ehrenwerte Organisation gegen „fremde Einflüsse“ – Schwarze, Juden, die Elite.

Heute bietet Trump Heimat. Hillary Clinton habe Trump-Wähler einmal als „erbärmliche Menschen“ (deplorables) bezeichnet, erinnerte der Präsident in Pensacola. „Uns alle vereinigen dieselben Werte. Wir ehren unser Erbe, und wir schätzen unsere Freiheit.“ Verstanden wird von den Zuhörern auch Trumps Hinweis auf Chicago. „Was zur Hölle ist in Chicago los? Manche sagen, in Afghanistan sei man sicherer als in Chicago.“ Trump bezog sich auf die hohe Mordrate, hauptsächlich unter Schwarzen. Auch der Hinweis auf Drogengangs aus Mittelamerika ist Pflicht bei Trump-Events. „Diese Tiere“ lasse er deportieren und einsperren.

Der rechte Blog redstate.com hat Trump in Pensacola analysiert: Dessen treueste Wähler würden „nicht unbedingt von politischen Maßnahmen motiviert und von legislativen Plänen“. Die Basis fühle sich ignoriert von der Politik und wolle einen Präsidenten, der „jeden angreift, der etwas Negatives sagt über ihn“. Seine Anhänger seien ihm treuer ergeben, „als es die Loyalsten bei Obama waren“.

In Florida wollte der Präsident Wahlhilfe leisten für den republikanischen Bewerber bei der Senatsnachwahl im Nachbarstaat Alabama, den 70-jährigen Roy Moore. Eine knifflige Sache. Trump braucht Moore, wie er sagte, um die dünne republikanische Mehrheit im Senat zu erhalten. Doch wegen der Vorwürfe, Moore habe Teenager bedrängt und belästigt, wollte Trump offenbar keine Fotos mit dem Kandidaten. Moore soll Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre mehreren Mädchen nachgestellt haben. Sie sei 14 gewesen, als Moore ihr Hemd und Hose ausgezogen und sie betatscht habe, sagte eine Frau. Moore bestreitet das. Vielen Republikanern galt Moore als Volksheld. Sie versichern, nicht zu glauben, wessen er beschuldigt werde. 2003 widersetzte sich Moore als Oberster Richter von Alabama dem Urteil eines Bundesgerichtes, einen schweren Granitstein mit den zehn biblischen Geboten aus seinem Gerichtsgebäude zu entfernen. Vier Jahre später forderte er Standesbeamte auf, das Urteil des Obersten US-Gerichtshofes über die gleichgeschlechtliche Ehe zu missachten. Moore versprach, er werde Alabamas Werte nach Washington bringen. Amerika sei das letzte Mal „great“ gewesen vor langer Zeit. Seinerzeit habe es noch Sklaverei gegeben, doch die Familien hätten zusammengehalten, und das Land habe gewusst, wohin es strebe.

Roy Moore hat am Wahltag knapp verloren, obwohl 80 Prozent der weißen Evangelikalen für ihn stimmten, zwei Drittel der Weißen überhaupt. Es hat nicht gereicht. Schwarze, die knapp 30 Prozent der Wähler ausmachten, stimmten zu 96 Prozent für Moores demokratischen Rivalen Doug Jones und gingen in großer Zahl wählen. Unter jungen Weißen fand Moore keine Mehrheit. Es sollte Trump Sorgen machen, wenn sogar in Alabama die rechte Identitätspolitik scheitern kann. Demokraten lässt das schlussfolgern, sie müssten Kampagnen auf die Mobilisierung ihrer Leute zuschneiden. Wenn jemand wie Moore gut zwei Drittel der weißen Stimmen bekäme, zeige das einmal mehr, dass viele Trump-Wähler nicht erreichbar seien.

In zahlreichen Kommentaren kriegt man zu lesen, dass Trump wegen seines Populismus Schwierigkeiten habe mit etablierten Republikanern, dem Parteiflügel der oberen Zehntausend. Überbewerten sollte man das nicht: Die lassen ihn machen in der Hoffnung, dass er ihren Wirtschaftsinteressen dient. Die Republikaner im Kongress jedenfalls haben für die Steuerreform gestimmt. Und dann gibt es noch in Trumps Umgebung Identitätsideologen wie Steve Bannon. In der New York Times wurde dieser Mitte Dezember mit dem Satz zitiert: „Revolutionen und Bürgerkriege dauern eine lange Zeit.“

06:00 21.12.2017

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