Die dunkle Seite

Frauen in Indonesiens Fabriken Als ich am 21. August 2003 in Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens, aus dem Flugzeug stieg, machte mir die Äquatorhitze schlagartig klar, dass ich auf ...

Als ich am 21. August 2003 in Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens, aus dem Flugzeug stieg, machte mir die Äquatorhitze schlagartig klar, dass ich auf der anderen Seite des Globus gelandet war - und das nicht nur im geographischen Sinn. Ich war hierher gekommen, um Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen in den "Freien Exportzonen" zu untersuchen. Multinationale Konzerne - auch deutsche - lassen produzieren, wo es für sie am günstigsten ist: niedrige Löhne, flexible Arbeitszeiten, schwache oder gar keine Gewerkschaften, die auf die Einhaltung der Arbeitsgesetze achten könnten. Dazu ein nahezu unerschöpfliches Heer von Arbeitslosen, die gezwungen sind, auch unmenschliche Arbeitsbedingungen zu akzeptieren. Was den Unternehmen Riesenprofite verschafft, verletzt grundlegende Arbeits- und Menschenrechte. Und wir freuen uns über immer bessere und billigere Computer und Handys ...

Der indonesische Kirchenrat betreibt in Jakarta ein Seminarzentrum, in dem ArbeiterInnen fortgebildet werden. Mit zwei Mitarbeitern des Zentrums fahre ich in den Industrievorort Tanggerang im Westen Jakartas, zwei Stunden stop and go durch eine stinkende Verkehrswüste. In Tanggerang stehen 2.000 Fabriken dicht gedrängt, viele Große der Weltwirtschaft lassen hier produzieren, so auch die deutschen Firmen Adidas und Karstadt/Quelle. Jede Fabrik ist von einer hohen Mauer umgeben, oft zusätzlich mit Stacheldraht abgesichert. Vor den Eingängen steht Sicherheitspersonal. Die schweren Eisentore sind gerade so weit geöffnet, dass eine Person durchgehen kann. Spontane Besucher, zumal aus dem Ausland, sind offensichtlich nicht willkommen.

Das Ehepaar Sinaga* erzählt von der Arbeit bei P. T. Sukses, einem Zulieferbetrieb von Karstadt/Quelle. Hier arbeiten 500 ArbeiterInnen, davon sind 75 Prozent Frauen. Der Grundlohn liegt bei 628.000 Rupiah (69,78 Euro) im Monat, das ist weniger, als es der gesetzlich festgesetzte Mindestlohn vorschreibt. Kirchliche Organisationen haben berechnet, dass für ein menschenwürdiges Leben mindestens das Doppelte nötig ist.

Die normale Arbeitszeit beträgt 40 Stunden pro Woche, doch bei guter Auftragslage kann es schon mal 90-Stunden-Wochen geben - auch das ist eine Verletzung der indonesischen Gesetze, die nur 54-Stunden-Wochen erlauben (mit Überstunden). 90 Stunden an sieben Tagen, das bedeutet einen fast 13-stündigen-Arbeitstag - doch die Not zwingt diese Menschen, auch diese Bedingungen zu akzeptieren. Das Überstundengeld haben sie bitter nötig.

Warum sie hierher nach Jakarta gekommen sind, weit weg von der Heimat in Nord-Sumatra? "Zu Hause hatten wir große wirtschaftliche Probleme, wir hoffen, unser ganzes Leben hier bleiben zu können!", so die Aussage des jungen Paares. Sie haben ein Kind, das in ihrem Heimatdorf zur Schule geht. Hier mit ihm zusammen zu leben, können sie sich nicht leisten.

Am nächsten Tag heißt unser Ziel Cakung, eine "Freie Exportzone" im Norden Jakartas. Hier halten Hunderte von Arbeiterinnen eine Fabrik besetzt. Ihr koreanischer Chef hatte sich vor zwei Monaten nach Hause abgesetzt. 746 ArbeiterInnen, fast ausschließlich Frauen, standen über Nacht ohne Arbeit und ohne Einkommen da.

Es wird schon dunkel, als wir in der Fabrik P.T. Sambo ankommen. Die Szenerie ist bedrückend: die riesigen Produktionshallen liegen im Halbdunkel - die Regierung hat sowohl Strom als auch Wasser gesperrt. Einige Lampen, gespeist aus illegal abgezapftem Strom, erleuchten den Eingangsbereich. Über den langen Reihen der Arbeitstische hängen lose Kabel, wie zum Hohn zeigen Schilder die Tätigkeiten an, die hier vor kurzer Zeit noch verrichtet wurden: "Nähen", "Zuschneiden", "Kontrolle". Mitten drin die Arbeiterinnen, junge Mädchen. Sie stehen in Grüppchen herum, sitzen auf den Arbeitstischen, liegen auf dem Boden.

Wir sprechen mit Maria Saragih*, die hier im Jahr 2000 eine unabhängige Gewerkschaft gründete. "Ich spreche die halbe Nacht mit euch, wenn ihr wollt", sagt sie am Anfang. So wirkt sie auch: voller Kraft und voller Bewusstsein für die Verantwortung gegenüber den vielen jungen Arbeiterinnen. "Zuerst einmal geht es um das Nötigste: 200 Menschen, die hier abwechselnd schlafen, müssen essen und trinken! Wir haben damit begonnen, Maschinen zu verkaufen, um Lebensmittel zu bekommen!"

Auf einem herbeigebrachten Gasherd wird Reis gekocht. Die Arbeiterinnen, die heute Nacht hier bleiben, versammeln sich um Maria, um ihr weiteres Vorgehen zu besprechen. Ihr Ziel: die Arbeit wieder aufnehmen, mit einem neuen Investor.

Als wir uns von Maria verabschieden, sagt sie: "Abends weine ich, wenn die Mädchen mir erzählen, wie es ihnen geht - keine Arbeit, kein Geld, manchmal Mann und Kind im Heimatdorf, wo sie auf Unterstützung warten, die jetzt nicht mehr kommt."

Batam: Insel der Unseligen

Vor 30 Jahren war die kleine Insel Batam, 20 Kilometer südlich von Singapur gelegen, Heimat von einigen Fischerdörfern mit ein paar tausend Einwohnern. Heute leben dort über 600.000 Menschen, davon sind circa 200.000 IndustriearbeiterInnen, zum größten Teil Frauen. Batam ist zu einem Knotenpunkt der Weltmarktproduktion geworden, eine "Freie Exportzone", in der über 600 multinationale Konzerne Milliarden investiert haben.

Ich suche die deutschen Firmennamen und werde fündig: Infineon, Siemens, Schneider, Varta. Und natürlich die Großen der Welt-Elektronik: von Sony und Sanyo über Epson bis Panasonic sind alle klangvollen Namen präsent.

Der Mindestlohn ist hier auf 555.000 Rupiah/Monat festgesetzt (61,67 Euro). Er ist geringer als in Jakarta, obwohl die Lebenshaltungskosten auf Batam höher sind. Gute Bedingungen für billige Produktion, zumal hier niemand darauf achtet, ob dieser Hungerlohn überhaupt gezahlt wird. Dasselbe gilt für die Einhaltung der gesetzlichen Höchstarbeitszeit. Ich kann mit vielen Arbeiterinnen sprechen, die mir über ihre Arbeitsbedingungen Auskunft geben. Immer wieder zeigen sie Lohnstreifen, die eine Unterschreitung des gesetzlichen Mindestlohns dokumentieren sowie eine oft drastische Überschreitung der Höchstarbeitszeit. "Was sollen wir machen, wir brauchen das Geld für die Überstunden!" - so lautet der immer wiederkehrende Kommentar dazu. Die vielen Arbeitslosen, die vor den Fabriktoren sitzen, zeigen, dass kaum Chancen bestehen, sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen zu wehren - es sind genug andere da, die sie sofort akzeptieren würden: immer noch besser, als arbeitslos zu sein.

Wie leben diese 200.000 ArbeiterInnen? Wo wohnen sie? Auch diesen Fragen will ich nachgehen. Dabei stoße ich schnell auf das Wort "Ruli". Fast liebevoll-zärtlich klingt diese Abkürzung, die die ArbeiterInnen ihren Häusern gegeben haben. Es sind die Anfangsbuchstaben von "rumah liar", was soviel heißt wie: ungesetzliches, wild gebautes Haus. Sie kleben an rutschigen Berghängen oder reihen sich an den Ausfallstraßen entlang, oder sie versammeln sich in der Nähe der Fabriken, die ihre Bewohner verschlucken, wenn sie zur Arbeit gehen. Sie erinnern mich an die Favelas Brasiliens, an Slumgebiete, wie sie überall in der sogenannten Dritten Welt zu finden sind. Aus Brettern zusammengenagelte erbärmliche Buden, die man bei uns nicht einmal als Gartenhäuschen benutzen würde.

Leben im "Ruli"

Wir besuchen Risma Purba*, die mit ihrem Mann und ihrem acht Monate alten Kind in einem solchen "Ruli" lebt. Wie es hier üblich ist, ziehen wir unsere Schuhe aus und betreten den Wohnraum. Er misst sechs Quadratmeter, wie auch die beiden Schlafräume. Alle drei Räume sind leer, es gibt keine Möbel. Auf dem Boden liegen ein paar Decken, in einer Ecke stehen Kartons. In der Küchenecke stehen einige Töpfe, Teller und Tassen.

Das Wasser holt Risma mit einem Eimer aus 600 Meter Entfernung. Um es trinkbar zu machen, muss sie es abkochen. Strom haben sie nur am Abend und in der Nacht von einem Generator in Privatbesitz. Einige als Sichtschutz in die Erde gesteckte Bretter vor dem Haus deuten an, wo Toilette und Bad sind.

Noch hat Risma Purba Arbeit bei P. T. Tropical. Dort stellt sie Waagen für den Export her, auch nach Deutschland. Wie lange sie diese Arbeit noch hat, weiß sie nicht, ihre mündliche Arbeitsvereinbarung wird nur von Monat zu Monat verlängert.

Viele der Arbeiterinnen in Jakarta oder auf Batam kommen aus Sumatra, der großen Insel im Westen Indonesiens. In einem kleinen Dorf oberhalb des Toba-Sees treffe ich Esther. Erst vor zwei Monaten ist sie aus Batam zurückgekehrt, wo sie ein Jahr in einer Fabrik gearbeitet hat. Ihre Geschichte ist typisch für viele Jugendliche hier, die den Weg in die andere Welt gehen. Es ist ein großer Schritt dorthin aus dem Dorf, wo die Mutter am offenen Feuer kocht, wo vor dem Haus in einem Bassin Goldfische gezüchtet werden, wo Tomaten und Zwiebeln auf kargen Terrassenfeldern wachsen und sich 150 Menschen eine Wasserstelle teilen - zum Kleider waschen, für die Toilette, zum Duschen und zum Geschirr spülen.

Ich kann kaum glauben, was mir Esther über ihre Arbeit auf Batam erzählt: zwölf Stunden Schichtarbeit, abwechselnd tags und nachts, sieben Tage die Woche. Ein Jahr lang keinen freien Tag! Kein Wunder, dass ihre Eltern nicht wollen, dass sie erneut nach Batam geht, sie haben Angst um ihre Tochter. Doch sie will gehen, auch gegen den Willen der Eltern. Die Chance, Geld zu verdienen, und auch die Möglichkeit, freier und unabhängiger zu leben, lockt. Wenn Esther einige Jahre so weiter arbeitet, ist sie kaputt. Als ich ihr Dorf wieder verlasse, denke ich an meine eigene Tochter, die auch 20 Jahre alt ist, wie verzweifelt ich wäre, wenn sie eine solche Arbeit verrichten müsste.

Die Firmen, die in Indonesien (und in anderen "Billiglohnländern") arbeiten lassen, haben eine Verantwortung für die ArbeiterInnen. Wie andere, so hat auch Karstadt/ Quelle sich zu dieser Verantwortung bekannt und eigene Sozialstandards entwickelt. Sie enthalten zum Beispiel die Verpflichtung zu angemessener Entlohnung und zur Einhaltung von Höchstarbeitszeiten. Auch wenn diese Selbstverpflichtungen noch nicht die international gültigen Standards erreichen, wäre es schon ein Fortschritt, wenn wenigsten sie eingehalten würden - unabhängig kontrolliert, wie von Nichtregierungsorganisationen schon lange gefordert wird.

In diesen Tagen besucht eine Gruppe von deutschen Industriellen Batam, um Investitionsbedingungen auszuloten. Ob sie erfahren, dass es dort "Rulis" gibt?

*Namen geändert

Dietrich Weinbrenner ist Pfarrer im Gemeindedienst für Mission und Ökumene in der Evangelischen Kirche von Westfalen.

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00:00 17.10.2003

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