Die eigenen vier Wände

Zeitgeschichte In einem Interview für die Illustrierte „Stern“ erteilt SED-Politbüro-Mitglied Hager 1987 einer Perestroika in den Farben der DDR eine Absage. Tapetenwechsel? Warum denn?

Am 4. Juni 1987 erhält DDR-Staatschef Erich Honecker einen zerknirschten Brief von KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow, der ein Blackout seiner Luftverteidigung einräumt. Der westdeutsche Sportflieger Matthias Rust ist am 28. Mai mit seiner Cessna auf dem Roten Platz in Moskau gelandet, ohne dass ihn jemand gestört hätte. „Elementare Sorglosigkeit und Unbeweglichkeit“ seien dafür verantwortlich, klagt der Verfasser. Ostberlin schwankt zwischen Erstaunen und Entsetzen über den Zustand des wichtigsten Verbündeten, der immerhin 10.000 Atomsprengköpfe unter Strom hält. Haben zwei Jahre „Umgestaltung“ (Perestroika) die mächtige Sowjetunion dermaßen aus dem Tritt gebracht, dass sie nicht einmal mehr ihren Luftraum überwachen kann? Die DDR-Führung fühlt sich bestätigt in ihren Vorbehalten gegen den neuen Kurs.

Werden sie brüchig, die „unzerstörbaren Bruderbande“ zum Lande Lenins, haben kurz vor dem Moskau-Flug des Matthias Rust Journalisten der Illustrierten Stern von SED-Politbüro-Mitglied Kurt Hager wissen wollen. Der ZK-Sekretär für Ideologie gibt ihnen ein langes Interview, das am 9. April 1987 vom Stern veröffentlicht und einen Tag später von der Zeitung Neues Deutschland nachgedruckt wird. Grund dafür dürfte ein Satz Hagers gewesen sein, den die DDR-Bürger nicht übers Westfernsehen, sondern aus erster Hand erfahren und daher im SED-Zentralorgan nachlesen sollen. Man habe die UdSSR in der Vergangenheit nicht kopiert und tue das auch jetzt nicht, sagt Hager dem Stern: „Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“

Damit wird ein Verdikt in die Welt gesetzt. Ein ähnlich abschlägiger Bescheid in solch despektierlicher Diktion ist Gorbatschows UdSSR-Sanierung noch nie aus der DDR zugestellt worden. Wer sonst als Erich Honecker hat da souffliert? Mit der Metapher von den eigenen vier Wände, die keinen Tapetenwechsel brauchen, wird die Perestroika aus der DDR verbannt und zugleich mit einer sakrosankten Gewissheit gebrochen. „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“, galt bis dahin als Erfolgsgebot für das staatliche Dasein der DDR.

Schockierende Nachrichten

Doch fällt im Frühjahr 1987 längst so mancher Schatten auf den Bruderbund und damit die Existenz des zweiten deutschen Staates, der freilich ohne den großen Schutzpatron im Osten verloren wäre wie ein Findelkind. Ein böses Erwachen hat es in Ostberlin schon gegeben, als ZK-Sekretär Konstantin Mussakow Mitte 1981 bei Honecker vorspricht und unter Tränen – wie Zeugen berichten – mitteilt, die UdSSR müsse den jährlichen Rohölversand in die DDR um zwei Millionen Tonnen und damit 13 Prozent des bisherigen Transfers kürzen. Was seine Zuhörer mehr schockiert als die Nachricht selbst, ist deren Begründung: Die sowjetische Führung sehe ihr Land in einer Lage, die an Brest-Litowsk erinnere, an 1918, an den Friedensschluss mit Deutschland, der zum Versailles des jungen Sowjetstaates wurde. Lenin wollte den Vertrag damals trotzdem unterschreiben, stand man doch mit dem Rücken zur Wand: den Krieg fortsetzen und untergehen – oder einen Frieden unter großen Verlusten an Land und Rohstoffen hinnehmen, die Revolution fortsetzen und vielleicht nicht untergehen. Dass die Sowjetunion 1981 darauf hoffen kann, nicht unterzugehen, davon ist Mussakow überzeugt. Ob ihm die deutschen Genossen glauben, steht in keinem Protokoll.

Wie auch immer, zwischen der UdSSR und der DDR beginnt 1980 ein Jahrzehnt der Entfremdung, das 1990 in ein Jahr des Abschieds mündet. Schon die sowjetische Intervention in Afghanistan Ende 1979 stößt in der SED-Führung auf wenig Gegenliebe. Damit sind die Olympischen Sommerspiele von Moskau 1980 verdorben und werden vom Westen größtenteils boykottiert. Vier Jahre später rächt sich der Osten und bleibt den Spielen von Los Angeles fern. Für den DDR-Sport, der die USA auf eigenem Territorium herausfordern will, ein Fiasko. Und nun also Gorbatschow, der „seine Wohnung neu tapeziert“, weil er darin besser leben will als bisher – dank Glasnost und Perestroika, vor allem aber dank Uskorenije, einer „beschleunigten sozialökonomischen Entwicklung“. Ein anderer ­KPdSU-Generalsekretär – Nikita Sergejewitsch Chruschtschow – versprach 1961, in 20 Jahren den Kommunismus in der UdSSR unter Dach und Fach zu bringen. Es hätte 1981 soweit sein müssen. Aber 1981 bringt Mussakow Hiobsbotschaften über gedrosselte Öllieferungen.

Kaum zufällig erkundigen sich auch die Stern-Reporter bei Hager: „Es gilt also nicht mehr die Parole: Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen?“ Der Befragte hält sich an Floskeln und hätte der Ehrlichkeit halber sagen müssen: Wir haben uns doch längst von diesem Ufer los gemacht und rudern mit einem kleinen Boot auf hoher See. Nur, was bleibt uns übrig? Was uns im Osten verloren geht, werden wir im Westen kaum finden. Aber versuchen sollte man es wenigstens. Nur wie?

Im Stern lobt Hager zum Schluss die deutsch-deutsche Erklärung vom 12. März 1985, abgegeben von Honecker und Helmut Kohl nach der Trauerfeier für den ermordeten schwedischen Premier Olof Palme in Stockholm: Es müsse alles getan werden, damit von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht, heißt es darin. In den Jahren zuvor ist einiges passiert, was das Gegenteil fürchten lässt. Die NATO stationiert mit der Begründung einer sowjetischen Bedrohung atomare Mittelstrecken-Raketen, vorrangig auf Bundesgebiet, die Sowjetunion stellt atomare Kurzstrecken-Raketen auf, vorrangig auf DDR-Gebiet. Dieses „Teufelszeug“ (Honecker) wieder loszuwerden, darin treffen sich die Interessen Bonns und Ostberlins. Das führt zu der kühnen Annahme des SED-Generalsekretärs, trotz der gestörten Ost-West-Beziehungen das deutsch-deutsche Verhältnis weiter entwickeln und so irgendwann auch den DDR-Besuch von Kanzler Helmut Schmidt Ende 1981 erwidern zu können. Immer wieder scheitert eine Reise nach Bonn am Einspruch aus Moskau, als die „Raketen-Frage“ alles dominiert. Hoffnungen, es könnte mit Gorbatschow leichter werden, erfüllen sich nicht. Bei dessen erster DDR-Visite im April 1986 erfährt Honecker, er müsse warten, bis ein anderer in Bonn seine Aufwartung gemacht habe.

Das deutsche Problem

1987 unternimmt der SED-Chef einen erneuten Anlauf – ohne Fühlungnahme mit Moskau, wie man heute weiß. Zunächst trifft er Anfang März Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble, der übermittelt, Kanzler Kohl würde sich „sehr freuen“, wenn er Honecker möglichst bald in Bonn begrüßen könne. Kurz darauf – Hager hat gerade dem Stern sein Interview gegeben – fliegt der Honecker-Vertraute Günter Mittag zur Hannover-Messe, um im Vier-Augen-Gespräch mit Kohl konkret zu werden: Besuchsbeginn am 7. September in Bonn, Abschluss am 11. September in München, eine Liste „von Fragen der weiteren bilateralen Beziehungen zwischen der DDR und der BRD“ habe er auch dabei. Es kommt wie besprochen. Punkt für Punkt.

Indirekt hat sich Hager im Stern zu Gorbatschow bekannt, als er meint, dass jede Partei „vor ihrem Volk die Verantwortung trage“ für die eigene Politik. Demzufolge dürfe man auch außenpolitisch selbstständig handeln, gibt es doch 1987 im östlichen Bündnis keine Satelliten-Staaten mehr. Die Breschnew-Doktrin von der begrenzten Souveränität gegenüber Moskau hat dank Perestroika ausgedient. Diese neue Tapete beim Großen Bruder trifft dann doch den Geschmack der DDR-Führung. Sie macht in den deutsch-deutschen Beziehungen kein Hehl daraus. Aber die östliche gegen eine westliche Überlebensgarantie einzutauschen, bleibt Illusion.

Der frühere sowjetische Diplomat Valentin Falin erinnert sich in seinen Memoiren, Gorbatschow habe 1988 im Sammelband Perestroika geschrieben, die Geschichte entscheide das deutsche Problem in 50 Jahren. „Ich empfahl dem Generalsekretär, das halbe Jahrhundert auszulassen.“

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10:00 26.12.2011

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