Die Entknoterin

Ehrung 80 Jahre und kein bisschen müde: Die Soziologin Frigga Haug streitet nach wie vor für die Verknüpfung von Feminismus und Marxismus
Die Entknoterin
Reproduktion, Erwerbsarbeit, Politik und Kultur werden hier zusammen gedacht

Foto: Joachim E. Röttgers

Oktober 2016. Wien im Atelier der Akademie der bildenden Künste. Rund 400 Personen, darunter viele Studierende, zumeist Frauen, empfangen mit lang anhaltendem Applaus eine etwas unsicher gehende ältere Frau, die gleich mit einem Vortrag eine wissenschaftliche Konferenz eröffnen soll. Die Situation hat fast etwas Sakrales: Die Vielen, die der Einen zuhören und von ihr lernen wollen – eine Predigt.

Ein Jahr später, im November 2017, tagt in München im Haus des Gewerkschaftsbundes ein Kongress der Antifaschistischen Aktion. Man findet dort ähnlich junges, aber weniger wissenschaftliches Publikum als in Wien; mehr Kapuzenpullis als Hemden. Die Frau mit den unsicheren Schritten ist wieder da. Sie hört aufmerksam zu, wirkt präsent und freut sich über die Einladung. Auch hier soll sie sprechen. Der Vortrag trägt den Titel „Verhältnis von politischer Utopie zu praktischer Politik“. Das klingt viel mehr nach Praxis und weniger nach universitärer Vorlesung. Mehr Aufruhr und weniger Hörsaal.

Diese beiden Situationen gehören notwendig zusammen im Leben und Denken von Frigga Haug, der Frau mit dem etwas unsicheren Gang. Sie stehen symptomatisch für ihre Art von „eingreifendem Denken“, wie Brecht es genannt hat. Haug ist national und international eine der bekanntesten deutschen Feministinnen. Was sie auszeichnet und von anderen unterscheidet, ist ihr Wirken in verschiedenen Gruppen und Strömungen gleichzeitig. Sie verbindet kritische Gesellschaftstheorie und Feminismus. Viele Texte von Frigga Haug sind Klassiker der feministischen Bewegung und der Linken. Haug, bis 2001 Professorin für Soziologie an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik mit Gastprofessuren in drei Kontinenten, verbindet ihre wissenschaftliche Tätigkeit immer mit politischem Engagement. Als Vorsitzende des Berliner Instituts für kritische Theorie, Mitherausgeberin der Zeitschrift Das Argument oder als Mitglied der Linkspartei ist sie seit mehreren Jahrzehnten sowohl in der wissenschaftlichen Welt als auch als Aktivistin aktiv.

Gemeinschaft der Geschwister

1937 in Mülheim an der Ruhr geboren, wächst sie als Kind einer Kriegswitwe mit vier Kindern auf. Der Vater fiel vor Stalingrad. Dies habe, so Haug, viel zu ihrer Politisierung beigetragen: „Es war eine Familie ohne Oberhaupt. Wir waren quasi eine Gemeinschaft der Geschwister, die die Erziehung untereinander regeln mussten – die Mutter musste Geld verdienen, einen Vater gab es nicht.“ Diese Ordnung wird für ihre weitere politische Arbeit große Bedeutung erlangen. Dementsprechend engagiert sie sich in der Anti-Atom-Bewegung, beim SDS, in der Frauenbewegung sowie in der Erwachsenenbildung. Sie arbeitete ab 1965 beim Argument-Verlag und gründete gemeinsam mit ihrem Mann Wolfgang Fritz Haug 1980 die Berliner Volksuni. Beide geben zusammen das Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus heraus. In mittlerweile acht Bänden ist das Wörterbuch beim Begriff „Maschinenstürmer“ angekommen. Sieben Bände fehlen noch. Es gibt also noch viel zu tun für Frigga Haug, mit ihren nun fast 80 Jahren.

In all dieser Tätigkeit ist es die Verknüpfung von Feminismus und Marxismus, die zu ihrem Lebensthema werden sollte. Seit über vierzig Jahren arbeitet sie daran, die beiden Schulen miteinander ins Gespräch kommen zu lassen – jedoch nicht um sie zu vereinigen, sondern um die Widersprüche produktiv zu machen und sie zu politisieren.

Bewegtes Leben

Frigga Haug wurde 1937 geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Ihre Eltern waren beide im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund aktiv, ihr Vater fiel vor Stalingrad. Haug studierte in Westberlin und war von Anfang an Teil der zweiten Welle der Frauenbewegung. Diese kritisierte unter dem Motto „Das Private ist politisch!“ eine linke Politik, die Geschlechterverhältnisse als Nebenwiderspruch abtat. Haug engagierte sich unter anderem im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und im Sozialistischen Frauenbund Westberlin. Viel Kritik bekam sie in den 1960er Jahren für ihre „Opfer-Täter-These“. Haug verkündete: „Sich opfern ist eine Tat und kein Schicksal“, und nahm die Frauen in die Verantwortung, Herrschaft aufrechtzuerhalten, nicht nur Unterdrückte zu sein, sondern dieser Unterdrückung auch zuzustimmen.

Von 1965 bis heute arbeitet Frigga Haug bei der Zeitschrift Das Argument. Herausgeber war Wolfgang Fritz Haug, den Frigga Haug 1965 heiratete. Die Zeitschrift erscheint heute sechs Mal im Jahr. Jede Ausgabe hat einen anderen Schwerpunkt. Seit 2007 ist Haug Mitglied der Partei Die Linke.

Dies erscheint auf den ersten Blick alles andere als natürlich. Bei Marx selbst finden sich genügend Formulierungen, derentwegen viele Feministinnen und Feministen ihn gerne in der Mottenkiste verstauben lassen würden. Über den (männlichen) Arbeiter schrieb Marx, er sei zu Hause, „wenn er nicht arbeitet und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Hause“. Heißt das nun, dass zu Hause nicht gearbeitet wird? Wenn Sie dies einer alleinerziehenden Mutter mit drei Kindern erzählen, wird ihre Reaktion wohl sehr eindeutig ausfallen. Nein, Marx hatte hier unrecht. Auch zu Hause wird gearbeitet. Auch dort findet man Ausbeutung, auch dort gibt es Entfremdung und Gleichförmigkeit, nicht nur in der Fabrik. Dies ist spätestens seit der sogenannten Hausarbeitsdebatte der 1970er Jahre im feministischen Denken angekommen. Mit der Forderung „Lohn für Hausarbeit“ sollte der klassische Arbeitsbegriff, auf den sich Marx gestützt hat, auch auf reproduktive Tätigkeiten ausgeweitet werden. Die Notwendigkeit, den untergeordneten Bereich der Reproduktion des Lebens, also das Leben selbst in den Mittelpunkt zu stellen, ist ein zentraler Punkt von marxistisch-feministischen Debatten, die Frigga Haug mit angestoßen hat. Damit rücken auch die Frauen, die diese „lebensentwickelnden und lebenserhaltenden Tätigkeiten“ verrichten, wie sie es selbst nennt, aus dem Schatten ins Licht.

Für die Aufwertung reproduktiver, häuslicher Tätigkeiten streiten Feministinnen seit jeher. Warum Marx für Haug jedoch immer noch zentraler Bezugspunkt ist, erklärt sie folgendermaßen: „Feminismus ist ohne eine Kritik am Kapitalismus ebenso wenig denkbar wie ein Marxismus, der eine Kritik der Geschlechterverhältnisse vergisst.“ Ihr geht es dabei nicht um gleichen Lohn oder gleiche Positionen von Männern und Frauen, sondern um eine umfassende Gesellschaftsanalyse. „Geschlechterverhältnisse sind selbst als Produktionsverhältnisse zu fassen“, so eine zentrale These aus ihren zahlreichen Publikationen. Damit meint sie, dass Geschlechterverhältnisse nicht aus der Wirtschaft abgeleitet werden können, sondern selbst Produktivkraft besitzen, da sie sich auf die Produktion des Lebens beziehen.

Sie hat noch viel vor

Der Mehrwert, Marxismus und Feminismus zusammen zu denken, liegt nun darin, dass eine feministisch-marxistische Politik sich nicht auf Konstruktionen wie beispielsweise „den weißen Arbeiter“ verengt, sondern deutlich machen kann, dass Frauen, Migrantinnen und Migranten oder Geflüchtete in die Analyse einbezogen werden müssen. Zwar unterscheiden sie sich vielfältig, doch sind für sie alle im Kapitalismus das Leben und die Arbeit auf die ein oder andere Weise prekär. Für sie bleibt die marxsche Forderung, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, bestehen.

Um dies zu erreichen, müssen viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen. Dies ist nicht selbstverständlich, da von Sexismus, Rassismus oder Kapitalismus negativ betroffene Menschen unterschiedliche Strategien entwickeln werden. Haug spricht vom „Herrschaftsknoten“. In ihm sind verschiedene Fäden der Herrschaft zusammengeknotet. Er wirkt zwar auf alle, aber auf alle unterschiedlich: Wird er an einer Stelle gelockert, wird es an anderer Stelle enger. So erscheint es häufig so, als ob Verbesserungen für Geflüchtete Verschlechterungen für einkommensschwache Gruppen mit sich brächten.

Trotzdem geht es Haug darum, gemeinsamen Widerstand zu organisieren und aus den verschiedenen Interessen ein Projekt zu formen. Für Haug ist dies die Vier-in-einem-Perspektive. Hierbei geht es darum, dass die vier zentralen gesellschaftlichen Bereiche – Reproduktion, Erwerbsarbeit, Politik und Kultur – zusammen gedacht werden sollen. „Alle Bereiche stehen gleichberechtigt nebeneinander. Wir brauchen somit auch eine radikale Erwerbsarbeitszeitverkürzung, um alle Bereiche in den Alltag integrieren zu können.“ Diese Vorstellung kann an verschiedene Lebensrealitäten und -erfahrungen anschließen. Damit bleibt es aber ein offenes Konzept, wenn auch mit klarer Richtung. Ihr letztes Buch heißt dementsprechend auch Der im Gehen erkundete Weg.

Frigga Haug hat noch viel vor. Nach den ersten Marxismus-Feminismus-Kongressen 2015 in Berlin und 2016 in Wien, war Frigga Haug auch im schwedischen Lund 2018 dabei. Sie wird weiterhin denken und weiterhin eingreifen. So lang es die etwas unsicheren Schritte noch zulassen. Am 28. November ist Frigga Haug 80 Jahre alt geworden. Herzlichen Glückwunsch!

06:00 30.11.2017

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