Die Erlebnisgesellschaft als Vergnügungspark

Theorie und Belletristik Bruce Bégouts Roman „Der ParK“ schafft im Gewand einer anspruchsvollen Reportage eine bitterböse Satire

Um die konsumorientierte Erlebnisgesellschaft und um ein perfekt inszeniertes gigantomanisches Spektakel geht es Bruce Bégouts Roman Der ParK. 15.000 Dollar kostet ein Tag Aufenthalt im Titel gebenden „ParK“, einer riesigen Vergnügungseinrichtung, die sich auf einer Insel vor Borneo befindet und alle Vorstellungen von dem, was ein Park sein könnte, sprengt: daher auch die ungewöhnliche Schreibweise mit einem großen K am Ende. „Es gibt alle Arten von Parks, Parks für Pflanzen, Tiere und Menschen, Gewerbe, Fahrzeuge und Technik, es gibt Freizeitparks, Haftlager, Parkhäuser, Schutzgebiete. All das und noch viel mehr ist ParK. (…) Dieser Ort verkörpert in gewisser Weise die universelle Quintessenz aller realen und möglichen Parks.“

Gerade mal einhundert Personen dürfen pro Tag die Insel in Fünfergruppen besuchen. Und diese elitären Besucher werden natürlich auf Schritt und Tritt von Begleitern überwacht. Nichts wird dem Zufall überlassen in diesem perfekt durchdesignten Freizeitvergnügen. All die anderen unzähligen Menschen, die sich in dieser gigantischen Einrichtung aufhalten, sind lediglich Statisten.

Grenzen der Fiktion

Erbaut wurde dieses achte Weltwunder in der Größe der Megalopolis Djakarta von einem russischen Multimillionär, der sein Geld mit Waffenhandel und in der Unterhaltungsindustrie verdient hat. Der Parkleiter – ein Hybrid aus Eventmanager und Künstler – lebt in einem riesigen Elfenbeinturm, der versteckt und sehr malerisch an einem See liegt. „ParK“ ist der größte und ausgefallenste Erlebnispark, den man sich überhaupt nur vorstellen kann. Vom Jahrmarkt bis zum Straflager mit schauspielernden Häftlingen wie in „Todescamp I“ gibt es hier alles: edelste Restaurants, Spielhallen und Themenparks mit absurden Rollenspielen, jedwede Erotik inklusive.

Egal, ob der Besucher sich unter hungernden Häftlingen oder im elitären Upper-Class-Hotel aufhalten will, er wird mit jedem Extrem konfrontiert, das er aus nächster Nähe sehen und als Voyeur miterleben will. Mit der Grenze zwischen Fiktion und Realität wird hier fortwährend gespielt, selbst für die Angestellten ist nie ganz klar, ob sie gerade eine Prüfung absolvieren müssen oder einfach nur ihrer Tätigkeit nachgehen.

Agamben

Der 44-jährige Autor Bruce Bégout lehrt Urbanitäts- und Alltagsforschung an der Universität von Bordeaux. Bisher hat er vor allem Essays geschrieben, unter anderem über Las Vegas als gesellschaftliches und urbanes Phänomen. Der ParK ist der erste Titel von Bruce Bégout, der ins Deutsche übersetzt wurde. Was sich auf den 150 Seiten stellenweise wie eine stilistisch anspruchsvolle Reportage der Zeitschrift Geo über einen fantastisch anmutenden Ort liest, ist tatsächlich eine bitterböse Gesellschaftssatire mit Anleihen bei dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben. Gilt bei Agamben das Lager als das Paradigma des modernen Staates, so ist in Bégouts literarischem Experiment der Erlebnispark als verfremdete Form eines Spektakelorganisierten Lagers das Paradigma der spätkapitalistischen Gesellschaft. Die Lust, sich auszuleben, geht mit der freiwilligen Unterwerfung unter eine totale Kontrolle der Parkbetreiber einher.

Bruce Bégouts ParK ist damit ebenso Internierungslager wie Spielcasino. Guantanamo ist hier genauso präsent wie Disneyland, Las Vegas und der totalitäre Orwellsche Überwachungsstaat. Dieser Park bietet seinen Besuchern die Möglichkeit, ihre perverse Lust an Konsum und Ausschweifung zu befriedigen. Mit dem moralischen Zeigefinger kommt diese süffig erzählte und wie ein überkomplexer Laboraufbau anmutende Zukunftsversion aber nicht daher. Vielmehr ist Der ParK eine faszinierende literarische Gesellschaftslese, die ebenso mit erzählerischen wie mit fiktiven dokumentarischen Elementen spielt und bei der Lektüre keinerlei Längen aufweist. Ein wirklich gelungener Versuch, Theorie und Belletristik zu vermischen.


Der ParKBruce Bégout Diaphanes 2011, 176 S., 10

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14:25 08.02.2012

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