Die Eule auf dem Baum

Patchwork Wenn auch ein genialer Therapeut nicht mehr helfen kann. Vom schwierigen Leben einer Stiefmutter
Angelika Schulze | Ausgabe 39/2013 4
Die Eule auf dem Baum
In einer Familienaufstellung wäre unsere Autorin eine Eule – etwas abseits von den anderen
Foto: Johannes Romppanen/ Onimage/ Plainpicture

Eigentlich war es eine Kleinigkeit, aber sie brachte mich zum Nachdenken. Einmal hatte die Tochter meines Freundes – sie war damals zehn – als Hausaufgabe auf, ihre Familie als Tiere darzustellen. Es dauerte eine Weile, bis sie alle Familienmitglieder dazu befragt hatte, mit welchem Tier sie sich identifizierten. Anschließend malte sie ihren Vater als Dachs, ihre Mutter als Taube, die ältere Schwester Sarah als Löwe, den größeren Bruder Felix als Fischotter und sich selbst als Ziege. Keiner, der dieses Bild betrachtete und Eva nicht kannte, wäre auf die Idee gekommen, dass ihre Eltern geschieden waren. Aber was mir vor allem zu schaffen machte: Ich kam auf Evas Bild nicht vor.

Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits sechs Jahre mit ihrem Vater zusammen. Wir hatten uns kennengelernt, kurz nachdem er sich von seiner ersten Frau getrennt hatte. Seit vier Jahren lebten wir zusammen. Eva war vor zwei Jahren zu uns gezogen. Speziell zu ihr hatte ich von Anfang an ein gutes Verhältnis. Anders als ihre Schwester Sarah, die viel distanzierter auf die neue Frau an der Seite ihres Vaters reagierte, belegte sie mich gleich mit Beschlag. Unsere Beziehung ist seitdem gewachsen: Ich helfe Eva oft mit den Hausaufgaben, sie begleitet mich auf meinen Abendspaziergängen, und vor dem Schlafengehen lese ich ihr etwas vor. Doch die Sache mit dem Bild ließ mich spüren, dass ich – anders als sie für mich – keinen so wichtigen Platz in ihrem Leben einnehme. Oder zumindest keinen, den sie mit Familie in Verbindung bringt. Denn wenngleich ich für sie dieselben Aufgaben erfülle wie viele Mütter, bleibt da doch eine Distanz zwischen uns.

In Märchen wimmelt es nur so von bösen Stiefmüttern, und noch heute haftet dem Wort etwas Negatives an. Dabei ist es ja längst keine Seltenheit mehr, dass Eltern sich trennen und neue Beziehungen eingehen. Es gibt immer mehr Patchworkfamilien, aber es wird wenig über die Herausforderungen dieser Lebensform gesprochen – vor allem für Frauen, die sich in einer neuen Partnerschaft um Kinder kümmern, die nicht ihre eigenen sind.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul prägte dafür den Begriff „Bonusmutter“. Es gehe nicht darum, die leibliche Mutter zu ersetzen, sondern eine „gute Erwachsenenfreundin“ zu werden, ein Bonbon für die Kinder geschiedener Eltern: noch jemand, der sich um sie kümmert, für sie da ist und ihnen zuhört. Die Beziehung zu dem Kind sei umgekehrt ebenfalls ein Geschenk, das man zur Partnerschaft dazubekomme, schreibt Juul.

Auch mal kinderfrei haben

Und sicher, natürlich sind meine Beziehungen zu den Kindern und meine Erfahrungen mit ihnen ein Geschenk. Und es ist auch ganz bequem, jedes zweite Wochenende und die Hälfte der Ferien kinderfrei zu haben – auch ein bisschen weniger Verantwortung ist manchmal ganz angenehm. Da kann ich morgens getrost im Bett liegen bleiben, wenn um Viertel nach sechs der Wecker klingelt, und meinem Freund sagen: „Es sind ja deine Kinder!“ Da kann ich auf Recherchereisen fahren und weiß, mein Freund kriegt das schon allein hin. Müsste er sonst ja auch.

Manchmal ärgere ich mich aber auch über die Kinder, weil sie so viele Ansprüche stellen und so wenig im Haushalt mithelfen. Oder sie sind mir fremd in ihren Eigenarten, und ich denke: „Wenn ich eigene Kinder hätte, so wären sie niemals!“ Stief- oder Bonusmutter zu sein, ist nicht nur deshalb oft undankbar, weil man auf Familiendarstellungen nicht auftaucht oder die Kinder infrage stellen, ob man zum Familientreffen väterlicherseits mitkommen darf, weil man ja eigentlich nicht zur Familie dazugehört. Stiefmütter haben auch weniger zu sagen. Besonders bei den großen Kindern: Sarah war zehn, als mein Freund und ich uns kennenlernten. Sie lebte damals noch bei ihrem Vater und zeigte mir gegenüber pure Opposition.

Mit meinen Versuchen, eine positive Beziehung zu ihr herzustellen, ließ sie mich gegen die Wand laufen. Von mir ließ sie sich gar nichts sagen. Das signalisierte sie auch ihren jüngeren Geschwistern, die sie mal mehr, mal weniger imitierten. Jesper Juul rät in solchen Fällen zu viel Geduld und Gelassenheit – nur ist das nicht immer so einfach, wie es sich sagt.

Ich erinnere mich noch gut an den zweiten Sommer mit meiner neuen Familie, als erst Sarah und dann ihre Geschwister erklärten, sie wollten nicht, dass ich mit ihnen in den Urlaub führe. Dem war, soweit ich mich erinnere, nichts Besonderes vorausgegangen – kein Streit, keine Spannungen.

Ich entschied mich damals – obgleich es mich traf, dass die Kinder mich nicht dabei haben wollten – den Wunsch zu respektieren und stattdessen mit einer Freundin wegzufahren. Die älteste Tochter meines Freundes, die die Revolte vom Zaun gebrochen hatte, kam schließlich gar nicht mit in den Urlaub, sondern verbrachte den Ferienteil bei ihrer Mutter. Nach dem Urlaub waren Felix und Eva mir gegenüber so herzlich und Sarah so distanziert wie immer. Rückblickend denke ich: Es war tatsächlich gut, den Kindern mehr Zeit zu lassen. Juul wäre stolz auf mich gewesen.

Die Eifersucht der Exfrau

In der Rolle der Stiefmutter lebt man auch immer mit einer abwesenden Anwesenden – der Mutter der Kinder. Sie vereinfacht das Verhältnis zu den Kindern nicht unbedingt. In meinem Fall mag es sein, dass sie auch in ihrer Eifersucht und ihrem Trennungsschmerz hin und wieder an empfindlichen Strippen zog. Aus einem Gespräch zwischen meinem Freund und seiner älteren Tochter hörte ich einmal heraus, dass Sarah mich für den Trennungsgrund ihrer Eltern hielt, etwas, was mir auch die Ex-Partnerin meines Freundes selbst am Telefon gesagt hatte. Denn auch wenn sie sich schon vor unserer Beziehung getrennt hatten, habe ja vor meinem Erscheinen zumindest noch die Möglichkeit bestanden, wieder zusammenzukommen.

Dieser Konflikt entzündet sich dann mitunter an Kleinigkeiten: Einmal warf mir Sarah vor, ich habe Eva vor einer Faschingsfeier in der Schule – sie ging als Tiger – geschminkt. Das sei doch Aufgabe ihrer Mutter gewesen. Ich war betroffen. Ich hatte niemand verletzen wollen, sondern nur das getan, worum mich Eva gebeten hatte.

Die Eifersucht der Exfrau meines Freundes überraschte mich, da ich den Eindruck hatte, diese erstreckte sich auch auf die Zeit, die ich mit ihren Kindern verbrachte: Aber die Mutter würde doch immer sie sein, das konnte ihr doch niemand wegnehmen! Nur offenbar ließ sich das nicht rein rational so klar trennen.

Vielleicht liegt genau hier umgekehrt eine der verwundbaren Stellen im Stiefmutterdasein. Vor allem, wenn man die Kinder des Partners auch liebt und sich auf sie einlässt: Eine Stiefmutter kann sich so viel in Haushalt und Kindererziehung einbringen, wie sie will. Sie kann Zeit mit den Kindern verbringen, sie lieb haben und versuchen, ihnen ihre Sicht der Welt zu vermitteln – Rechte hat sie dennoch keine, und unter den von den Kindern geliebten erwachsenen Personen kann sie es höchstens auf Platz drei schaffen.

Ich denke manchmal: Vielleicht wäre alles etwas anders, wenn mein Freund und ich noch ein gemeinsames Kind bekommen hätten. In den ersten Jahren unserer Partnerschaft konnte ich mir das aber nicht vorstellen: Es war zu stressig mit der Exfrau meines Freundes, zu schwierig mit Sarah und zu trubelig mit ihren Geschwistern. Und irgendwann fühlte ich mich zu alt, und mein anderes Leben – der Freiraum ohne Kinder – war mir zu wertvoll.

Trotzdem. Vieles ist über die Jahre besser und einfacher geworden. Sarah lebt inzwischen wieder bei ihrer Mutter. Sie besucht uns zwar kaum, aber wenn sie kommt, kann sie es stehen lassen, dass es mich gibt. Sie kann das Essen loben und mich sogar zum Abschied umarmen. Felix und Eva haben da sowieso weniger Probleme. Ich habe den Eindruck, sie schätzen meine Gegenwart und respektieren mich. Vielleicht ist es auch einfach nicht so wichtig, wer ich für sie bin, ob die Freundin des Vaters, eine Art Zweitmutter oder – was mir am besten gefällt – einfach Angelika. Trotzdem denke ich, es hätte damals zwei Bilder geben müssen: das mit Taube, Löwe, Fischotter und Ziege und ein zweites mit Dachs, Fischotter, Ziege und mit mir als Eule. Die Eule meinetwegen ein bisschen weiter weg, oben, auf einem Baum.

Angelika Schulze schreibt als freie Autorin vor allem über Wissenschaftsthemen

 

06:00 30.09.2013

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