Die Flecken des Leoparden

Durchaus übersetzungswürdig Die Memoiren von Gabriel García Márquez - »Leben um davon zu erzählen«

Einige Jahre nach dem Erscheinen von Hundert Jahre Einsamkeit erzählte García Márquez über seine Berufung als Romancier: »Schon als Jugendlicher wollte ich Zauberer sein, das Problem aber war, daß ich im entscheidenden Moment so aufgeregt war, daß ich den Zaubertrick immer vermasselte. Da habe ich beschlossen, das Metier zu wechseln, und bin Schriftsteller geworden.« Das Bild vom Schriftsteller als Zauberer, das einst für Gogol und Dostojewski geprägt wurde (schließlich war das Bild vom Gaukler schon durch die Zunft der Maler besetzt), im Schoß der Familie Thomas Manns gedieh und folgerichtig in der TV-Serie Die Manns gefeiert wurde, findet seine Vervollkommnung bei García Márquez.

Der große Magier greift in den Zylinderhut und zieht einen Leoparden ans Tageslicht, die Kritiker im Zuschauerraum applaudieren, weil sie glauben, sie sähen das klassische Kaninchen von immer, diesmal rosa mit einer blauen Blume im Maul. Deshalb glauben sie, die Tanten und Geister und Geschehnisse schon genau zu kennen, denen jetzt in Márquez´ Memoiren im Haus seiner Kindheit in Aracataca eine Schlüsselrolle für sein Leben und Schreiben zugeordnet wird. Die Erzählkunst der Memoiren besteht aber gerade in der Verknüpfung der Fäden von Neuem, bisher nie Gesagtem, Erzähltem mit den fiktionalisierten Personen und Ereignissen aus den Romanen, so dass man meint, das Neue schon zu kennen, darüber schon gelesen zu haben.

Man hat Hundert Jahre Einsamkeit gelesen, beim Lesen der Memoiren glaubt man, vieles aus der fiktive Welt des Romans hier wieder zu finden. García Márquez führt uns auf diese Weise exakt vor, wie Gedächtnis und Erinnern als Materie des Erzählten funktionieren, was wir als Leser schon als Fiktion kannten, wird wieder erzählt als erlebte, erfahrene und imaginierte Wirklichkeit. Deshalb ist es bisweilen äußerst peinlich, in Kritiken allenthalben zu lesen und zu hören, die Autobiographie werde als »literarisches Weltereignis gefeiert«, enthielte aber wenig »Neues«.

Mit dem Wissen und dem Urteilen ist das so eine Sache. Hält es die Kritik heute bei der Lektüre mit dem legendären Desinteresse - oder ist es Unkenntnis gepaart mit eurozentristischer Borniertheit oder einfach Lesefaulheit? - die den Frankfurter Suhrkamp Verlag 1968 dazu bewegte, den Roman des jungen, damals unbekannten Lateinamerikaners Hundert Jahre Einsamkeit für »nicht übersetzungswürdig« zu halten. Hier geht ein Bravo an das deutsche Feuilleton: Wir haben als einziges Land der Welt - abgesehen vielleicht von Kolumbien und da auch nur in der Generation von García Márquez - Spezialisten vorzuweisen, die nicht nur die singuläre Geschichte Kolumbiens genau kennen, sondern auch bestens über die Dichter- und Intellektuellenzirkel der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts von Barranquilla Bescheid zu wissen.

Trotzdem spricht der weibliche Papst des Feuilletons, Sigrid Löffler, gerade heraus aus, was als Tenor mehr oder weniger verbrämt in vielen Kritiken des neuen Márquez´ mitschwingt: »So genau möchte ich es nicht wissen«. Was denn? Politik, Geschichte, Kultur, Alltagsleben in Kolumbien von den dreißiger Jahren bis 1957 (mit Rückblicken in das 19. Jahrhundert ) und die Anfänge der Pariser Zeit, also das Entstehen etwa des Romans Die böse Stunde? Also genau das, warum Kolumbien heute ist, was es ist? Das wollen sie alles nicht wissen? Kommentare über die gegenwärtige Situation des Landes, die im Zusammenhang mit Besprechungen der Memoiren zu hören sind, lauten pauschal: ja, Kolumbien das ist die Drogenmafia. Auch von García Márquez Freunden, Kollegen und dem Leben an der Karibikküste, also jenen Intellektuellen und Umständen, denen wir zum großen Teil die Existenz García Márquez´ und seiner Romane verdanken, möchten Löffler Co. nichts wissen. Wie wäre es, wenn wir uns auch nicht für die Zeitgeschichte, die Hintergründe, das Umfeld, die Biographie von William Faulkners, James Joyce oder Kafkas oder Prousts interessieren würden?

Die Rolle García Márquez´ in der Weltliteratur gestern und heute beurteilte kürzlich der kolumbianische Literaturkritiker Carlos Rincón in einem Interview: »Als Hundert Jahre Einsamkeit erschien, gab es Kommentare, die den Roman für eine lateinamerikanische Version von William Faulkners großer Mississippi-Saga von Yoknapatawpha-County hielten. Heute 35 Jahre später sieht man das ganz anders: Hundert Jahre Einsamkeit gilt als der Roman, der die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmt. Wenn wir James Joyce - mit Ulysses - neben Marcel Proust und Franz Kafka - als die Dreifaltigkeit ansehen, die für die literarische und erzähltechnische Erneuerung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts steht, dann gehört die zweite Hälfte García Márquez mit Hundert Jahre Einsamkeit. Ich würde Der Herbst des Patriarchen dazu rechnen. Diese beiden Roman sind in der ganzen Welt zu Modellen postmodernen und postkolonialen Schreibens geworden.«

Dass es sich um Memoiren handelt und nicht um eine Autobiographie, darauf verweist schon der Titel. Bei Autobiographien liegt heute das Gewicht auf der imaginären Konstruktion eines Ich und der Konfrontation dieses imaginären Ich mit dem Unbewussten. Nach der Erfahrung von André Malraux´ Anti-Memoiren und Jorge Semprúns Gedächtnis-Arbeit setzen Memoiren offensichtlich auf Erinnern und Nicht-Erinnern, falsche Dokumente und unumgängliche Fiktion. Mit den Worten »Meine Mutter bat mich, sie zum Verkauf des Hauses zu begleiten. Sie war morgens in Barranquilla eingetroffen, kam aus dem fernen Städtchen, in dem die Familie wohnte, und hatte keine Ahnung, wie sie mich finden sollte« - setzt Leben, um davon zu erzählen ein. Der Ton und die Stimmlage des Erzählers, der berichtet, hat heute in der Weltliteratur etwas Vertrautes. »An dem Tag, an dem sie Santiago Nasar töten wollten, stand er um fünf Uhr dreißig auf, um den Dampfer zu erwarten, mit dem der Bischof kam. Er hatte geträumt...« So beginnt Chronik eines angekündigten Todes, das 1981, ein Jahr vor der Nobelpreisvergabe an García Márquez erschien, zu einem Zeitpunkt als Salman Rushdies Mitternachtskinder, Günter Grass´ Butt und Umberto Ecos Der Name der Rose auf den gewichtigen Einfluss des literarischen Modells des magischen Realismus verwiesen, der sich schon in den früheren Romanen von García Márquez gezeigt hatte.

Der Schlüssel zu den Memoiren ist der berichtende Ton, der uns mit allen möglichen Arten von Geschehnissen konfrontiert, ist die Kraft der Imagination, die zur Fiktion drängt, sind die Träume und Alpträume, wie der Kritiker Carlos Rincón erklärt: »Seit 1967 hat García Márquez in vielen Reportagen von einer Tatsache in seinem Leben berichtet: Über Jahre habe er jede Nacht vom Haus seiner Großeltern geträumt, dem Haus von Aracataca. García Márquez ist ohne Eltern groß geworden. Seine Großeltern waren - in Anführungszeichen - seine Eltern. Dann passierte etwas bemerkenswertes. In anderen Interviews erklärte García Márquez, dass seine Träume vom Haus der Großeltern bis zur Niederschrift von ›Hundert Jahre Einsamkeit‹ Alpträume waren. Nachdem er Leben und Gedächtnis in Fiktion umgesetzt hatte, wäre er die Alpträume los geworden. García Márquez erzählt uns in seinen Memoiren von Träumen und Alpträumen, die er als junger Mensch hatte. Damals besuchte er ein Internat in der Nähe von Bogotá. Wir finden beim Lesen jeden Augenblick Hinweise auf diese Alpträume. Das bemerkenswerte hier ist, daß er uns nicht sagt, wovon er träumte.« Überflüssig zu sagen, dass die so entstehende Lücke dem Leser und seinem Lesevergnügen vorbehalten ist.

Zugegebenermaßen hinkt die Übersetzung von Dagmar Ploetz, vor allem der Erzählton - also das Entscheidende - hinter dem Original her, aber das verdanken wir vor allem dem Verlag, der den Bestseller pünktlich zum Weihnachtsgeschäft auf den Markt bringen wollte, und weniger der Übersetzerin. Warum allerdings das Cover der deutschen Ausgabe nicht das wunderbare Kindheitsfoto García Márquez´ mit den großen Augen des Anderthalbjährigen der Originalausgabe übernimmt, das durch die Reproduktion eines wahrscheinlich kleinformatigen, vergilbten Fotos aus dem Familienalbum auf das Entscheidende, das Erinnern, evoziert, ist unverständlich. Stattdessen verheißt uns eine schlichte Palme ebenso schlichte Exotik. Auf der Rückseite blickt freundlich ein ganz in weiß gekleideter García Márquez den Betrachter vor einem renovierten Gebäude in der Altstadt Cartagena de Indias an. Wenigsten eine wichtige Überlegung der Buchgestaltung wurde für die deutsche Ausgabe übernommen.

Schlägt man das Buch auf, präsentiert sich einem die Landkarte der karibischen Region Kolumbiens und Venezuelas, mit den Küstenstädten Cartagena, Barranquilla, Santa Marta, Riohacha und dem Küstenverlauf, den Sierras und dem Magdalena-Fluß bis Sucre. Erst am Ende im Inlet der Rückseite finden wir eine Landkarte von ganz Kolumbien mit der Hauptstadt Bogotá, den drei Kordillieren, den Hauptströmen, den Städten und Regionen, dazu die angrenzenden Länder. Mit diesen Karten werden nicht nur die Orte der Kindheit, Jugendzeit und die Lehrjahre als Reporter - also die erinnerte und erzählte Zeit - in den Vordergrund gestellt, sondern es geht um den besonderen sozio-politischen, ökonomischen und kulturellen Stellenwert der karibischen Küstenregion und des Magdalena und die Dezentrierung der Hauptstadt, des zentralistischen Bogotás. Mit diesem geo-politischen Akt deutet García Márquez auf die Stoßrichtung seiner Memoiren: es ist ein eminent politisches Buch.

Die hohe Kunst seines Erzählens zeigt sich besonders eindrucksvoll in der Darstellung des emblematischen Ereignisses, das für die jüngste Geschichte Kolumbiens zum Schlüssel wird: die der Ermordung des populistischen Politikers und aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten der Liberalen Jorge Eliécer Gaitán am 9. April 1948 in Bogotá und der bogatazo, jener Gewaltwelle, die unmittelbar folgte. Inmitten dieses Ausbruchs von Gewalt, von Töten, taucht bei García Márquez eine enigmatische Figur auf - eine gut gekleidete Person der Oberschicht -, die mit dem Finger auf den angeblichen Mörder zeigt und die Meute zur Lynchjustiz aufhetzt und darauf mitten im Geschen wieder verschwindet. Das Auftauchen dieser Figur ist ein Novum in der Geschichte, sie existiert in keinem der zahlreichen Dokumente und Berichte. Woher kommt die rätselhafte Figur? War der junge García Márquez Augenzeuge, berichtet er etwas, worüber er noch nie zuvor gesprochen hat? Tauchte während seiner Recherche ein Bild in seinem Gedächtnis auf, das sich in der Figur herauskristallisiert?

Es gibt noch eine weitere Möglichkeit: In einer Erzählung von Thomas Mann erklingt plötzlich unerwartetes Glockenläuten. Danach gefragt, wer die Glocken geläutet habe, gibt der Erzähler Thomas Mann selbst die Antwort: »Der Geist der Erzählung«. Umberto Eco wurde einmal gefragt, worüber der Schriftsteller beim Schreiben nachdenke, was das Wichtigste sei. Seine Antwort: »Die Adverbien«. Die alte Kunst Thomas Manns und das Wissen um die Macht der Adverbien schwingen bei García Márquez´ Memoiren mit, dazu kommt die richtige Platzierung der Portraits, der Anekdoten, also nicht Gedächtnis- und Erinnerungsarbeit, sondern pures Schriftstellerhandwerk. Am Ende der Memoiren wissen wir als aufmerksame Leser eines, was viele nicht interessiert: wie die Flecken des Leoparden entstanden sind.

Gabriel García Márquez: Leben um davon zu erzählen. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Kiepenheuer Witsch, Köln 2002, 603 S., 24,90 E

00:00 07.02.2003

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