Die Fritten der Freiheit

Frankreich In Marseille ist eine McDonald’s-Filiale besetzt. Die Mitarbeiter verteidigen damit nicht nur ihre Arbeitsplätze

Ein Marseiller, der sich wegen seines Arbeitsplatzverlustes bei McDonald’s fast umgebracht hätte, holt mich ab. Kamel Guémari (38) trägt eine lange, graue Weste und fährt mich freihändig gestikulierend in sein Viertel Saint-Barthélemy, eine Blocksiedlung im für seine „Kalaschnikow-Bälle“ bekannten Nordsektor von Marseille. In Saint-Barth sind 39 Prozent so arm, dass ihnen der Staat die Krankenversicherung zahlt. Größter privater Arbeitgeber für die 155.000 Einwohner des Quartiers ist der Supermarkt Carrefour, der zweitgrößte McDonald’s. An der Kreuzung vor seinem Wohnblock zischelt mir Kamel zu: „Das ist ein Shitdealer.“ Halbwüchsige Bengel stehen für einen Jugendlichen Schmiere, einer sorgt mit einem Moped für ein waghalsiges Manöver vor Kamels Auto, sie hielten mich für einen Bullen.

Wir halten vor Kamels „McDo“. 1998 begann er hier zu arbeiten, gerade 16 geworden. Auf den leeren Parkplatz ist gesprayt: „Unsere Leben, ihre Dollars“. Wir treten ein. Die Sitzbänke sind abgewetzt, die Stühle auf Tische gestellt, laut Reklame ist „der Triple-Cheeseburger wieder da!“. Mitarbeiter sitzen zusammen. Ich frage sie, wie ich das nennen soll, was sie hier tun. Streik? Besetzung? „Das ist keine Besetzung, wir schützen unseren Arbeitsplatz“.

Dieser McDo war nie wie die anderen. Marseille-Nord ist eine „Freihandelszone“, die Investoren mit Steuernachlässen lockt. Zur McDo-Eröffnung erschien 1992 die sozialistische Sozialministerin Martine Aubry persönlich, denn dieser McDo bot kaum Nebenjobs, sondern Vollanstellungen für Saint-Barther, die hier alt wurden. Sie organisierten sich gewerkschaftlich und handelten bessere Konditionen aus, etwa den 13. Monatslohn. Der Name ihres Betriebsrats: Kamel Guémari. Nur ist McDonald’s Gewerkschaften nicht gewohnt. Seit Jahren will deshalb der Weltkonzern mit fünf Milliarden Dollar Gewinn das angeblich Verluste schreibende gallische Dorf abstoßen. Mich erwartet Salim Grabsi, Lehrer und Sozialaktivist, der hier als Student gejobbt hat. Er sagt dramatische Dinge: „Durch das Vorbild, das die Mitarbeiter den Jungen des Viertels gaben, haben sie unter den Drogensüchtigen Leben gerettet.“

Er übergoss sich mit Benzin

So wurde ihr McDo so etwas wie der Seelsorger von Saint-Barth. Als die Filiale 2018 an einen Strohmann verkauft, in Wahrheit aber geschlossen werden sollte, stürzte sich Kamel in einen Rechtsstreit und gewann. Er zeigt mir Geschäftsberichte des Konzerns – „McDonald’s Corporation, Ioockerman Square 32, Dover, USA“ – und sagt, andere Filialen würden viel größere Verluste machen und seien nicht bedroht. Salim Grabsi erzählt: „McDonald’s ließ eine der besten Anwaltskanzleien gegen uns los.“

Seit 2018 betrieben die Mitarbeiter das Fast-Food-Lokal auf eigene Faust weiter. McDonald’s drehte ihnen das W-Lan ab und nahm sie von der Homepage. Daraufhin senkten sie die Preise und gingen Kinder im Ghetto-Spital aufmuntern. Seit 20. Dezember 2019 ist Schluss, der Konzern hat die Linie gekappt, Saint-Barth wird nicht mehr beliefert. Alle 77 Angestellten besetzen dennoch weiter ihren Arbeitsplatz, auch bei Nacht schieben acht von ihnen Schicht, um Vandalismus zu verhindern. Sie kriegen keinen Lohn mehr und – da offiziell noch angestellt – auch keine Stütze. Emmanuel Macron ließ ihnen ausrichten: „Der Präsident verfolgt eure Geschichte mit Aufmerksamkeit und Interesse.“ Kommunalwahlen stehen an, Politiker aller Parteien wollen mit ihnen gesehen werden.

Sie fragen, was ich essen will. Ich bestelle Fritten. Farida, so um die 50, bringt nonchalant ein ganzes Tablett voll. Viel ist nicht mehr übrig im Lagerraum. Wo die Glasfront teils durch Karton ersetzt ist, taucht ein Vater mit kleinen Kindern auf, die begehrlich die Nasen an die Scheibe drücken. „Geschlossen“, ruft ihnen Kamel zu. Er dreht sich zu mir um mit fast heulend verzogener Miene: „Das tut mir im Herzen weh.“ Seine Mutter ist stolz auf ihn, der Vater hat Angst und fordert ihn auf, seinen Bart abzurasieren, da er wie ein Islamist aussehe. Kamel lehnt das ab: „Ich will damit zeigen, dass ich ein menschliches Wesen bin, das Aussehen hat nichts zu bedeuten.“

Ich frage Kamel, ob es stimmt, dass er sich beinahe selbst verbrannt hätte. Er nickt: „Ich habe in diesem Kampf meine Familie verloren, McDonald’s ließ falsche Gerüchte streuen, meine Kinder wollen mich nicht mehr sehen. Ich war verzweifelt, ich habe keine Berufsausbildung, meine wahre Familie, das ist der McDo.“ Als die Filiale am 6. August 2018 für immer schließen sollte, sperrte Kamel alle Türen ab und übergoss sich mit Benzin. Erst ein Anruf in letzter Minute von einer Senatorin der Linkspartei „La France insoumise“ ließ ihn innehalten.

Er erzählt, McDonald’s habe ihm „über die Anwälte 700.000 Euro angeboten“, sollte er aufgeben. Er habe abgelehnt, „ich hätte das Geld ohnehin verteilt“. Dann fährt mich Kamel in mein Billigquartier. „Rue d’Aubagne?“, fragt er stirnrunzelnd. „Haben Sie nicht vom Aubagne-Drama gehört?“ Auch das ist Marseille, 2018 stürzten in der zentral gelegenen Straße zwei Wohnhäuser ein – acht Tote. Beim Abschied fehlen mir die Worte, mir kommt nur ein dummer Aufruf in den Sinn: „Und bitte, Kamel, bitte keine Selbstverbrennung mehr! Das ist keine Lösung.“ Er schüttelt heftig den Kopf.

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06:00 27.01.2020

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