Die fünfte Himmelsrichtung

Gedichtband Jan Wagner verzaubert den Leser in seinem neuen Werk „Australien“ mit filigraner, pathosfreier Kunst

Am Anfang des vierten Gedichtbandes Australien von Jan Wagner stehen Verse über das Chamäleon. Über das Tier also, das seine Farbe der Umgebung perfekt anzupassen weiß; eine Fähigkeit, die sich (natürlich) übertragen lässt auf das Schreiben von Wagner, der in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag feiert, und von dessen Gedichten einige das Zeug zu Klassikern haben. In chamäleon lesen wir: „die augenkuppeln, mit schuppen/gepanzert, eine festung, hinter der/nur die pupille sich bewegt, ein nervöses / flackern hinter der schießscharte […] komm herunter, rufen wir. doch es regt/sich nicht, verschwindet langsam zwischen/den farben. es versteckt sich in der welt.“

Wagners Lyrik ist eine des scharfen Blicks. Stets ist die Perspektive des Sprechers distanziert und klar umrissen: „mit einem blick am himmel und dem andern / am boden“ werden voller Konzentration und Ruhe Gegenstände, Personen, Landschaften und Tiere betrachtet. Dabei wird die Subjektivität des Sprechenden nie ausgestellt, findet man kein Ich-Pathos, herrscht äußerste Zurückhaltung. Wie das Chamäleon tritt der Sprecher hinter das Angeschaute zurück, verschwindet zwischen den Klängen und Farben der Worte, öffnet Raum für die Imagination des Lesers.

58 Gedichte, die hier in vier nach den Himmelsrichtungen benannten Abschnitten und einem fünften Abschnitt „Australien“ versammelt sind, laden zu einer Sprach-Entdeckungsreise ein. Und zwar entgegen der gängigen „Nicht-ohne-Seife-Waschen“-Richtung: zuerst geht es nach Süden, der (lyrischen) Sehnsuchtsdestina­tion schlechthin, dann auf den Spuren der Pioniere nach Westen, von dort richtet sich der Blick nach Osten, dann in Richtung des unwirtlichen Nordens, um schließlich „terra australis“ zu erkunden, jene Landmassen, die lange als Gegengewicht zu den Landmassen der nördlichen Hemisphäre betrachtet wurden. Vorgegeben wird der Richtungswechsel jeweils durch eines der Gedichte in den vorangehenden Abschnitten, ein Wort in einem Vers kündigt den neuen Kurs schon an.

Flink ins Unheimliche

Geführt wird man auf der Reise von freundlich-bestimmten Fingerzeigen. Sie deuten häufig auch auf geistes- oder literaturgeschichtlich signifikante, bisweilen auf skurrile Biografien wie in der elegie für knievel, die den amerikanischen Motorrad-Stuntman Evel Knievel besingt. Oder auf historische Ereignisse, wie etwa in frombork, das den Namen jener Stadt in Masuren trägt, in der Kopernikus lebte und an seinem Hauptwerk De revolutionibus orbium coelestium libri VI arbeitete, in dem er das heliozentrische Weltbild beschrieben hat.

So wohnt man lesend jener lyrischen Vermessung der Welt bei, die Jan Wagner seit seinem ersten Gedichtband Probebohrung im Himmel aus dem Jahr 2001 beharrlich und mit unverkennbarem Ton vorantreibt: so leichtfüßig wie handwerklich präzise und mit sicherem Gespür für kleine, wirkungsvolle Verschiebungen wird vermeintlich Vertrautes flink ins Unheimliche gewendet, wird stets die Kleinschreibung gepflegt, wodurch alle Worte gleich behandelt und zuweilen mehrdeutig werden. Assoziationsräume werden eröffnet, Kontexte aufgerufen. In „der brennende hain“ über einen Waldbrand im Abschnitt „Süden“ heißt es „nach einer weile/krähte ein hahn. ein hahn. ein hahn“ und man darf hier natürlich auch an Petrus’ Verrat („Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben!“) denken.

In Australien erweist sich Wagner zudem einmal mehr als versierter Spieler auf der Klaviatur des lyrischen Formenkanons. Der Griff zu tradierten Gedichtbauplänen erfolgt mal streng nach Ordnungsschema, etwa wenn sich unter der Überschrift „von den ölbäumen“ 15 Haiku aneinander reihen, mal spielerisch in freier Variation die Baupläne unterlaufend.

Scheues Tier

Häufig sind unreine Reime, in denen der Bezug zwischen zwei Worten klanglich hergestellt und zugleich aufgebrochen wird. Dadurch gerinnen die Formen nicht zur Pose, wirken tatsächlich als jene „Korsette, in denen man paradoxerweise freier atmen kann“, als die Wagner sie mehrfach charakterisiert hat. Und niemand braucht hier mit der kleinen Versschule gewappnet Silben und Zeilen zu zählen. Denn dass die Gedichtkörper ein Rückgrat haben, das die Worte stützt und trägt, dass hier jemand an der Sprache präzise gefeilt und poliert, seine Anordnungen genau geprüft hat, wird man ohnehin zur Kenntnis nehmen.

Konkret in ihrer Anschauung und kunstvoll in der Struktur sind diese Gedichte ausbalancierte Wahrnehmungsinstrumente und Zeugen von Wagners vielfach gelobtem, poetischem Vermögen, das in seiner Zeit stehend aus ihr hinauszuragen scheint. So viel ausgeruhte Zurückgelehntheit könnte ein bisschen beängstigend wirken, den Verdacht der Sterilität oder den Wunsch nach stärkerer Auflehnung gegen die Tradition aufkommen lassen. Doch die erneute Probe aufs Exempel, etwa mit dem Gedicht murmeltier, lässt die Zweifel vergessen: „einsam in seinem palast aus erde und dunkel“ und im Winterschlaf „sechs monate zusammen-/gerollt zu einem fast perfekten kreis“ erfährt das scheue Tier eine meisterhafte Charakterisierung, wird zum Sinnbild wachträumender, mal betriebsamer, mal innehaltender Eremitenhaftigkeit.

Dass Australien ein Zitat des portugiesischen Großmeisters Fernando Pessoa alias Álvaro de Campos aus dessen Gedicht Oxfordshire vorangestellt ist, verortet Wagners Dichtung an einem nicht erreichbaren, aber dennoch zu suchenden Ort, ohne den die Welt trostloser wäre. Es ist quasi die fünfte Himmelsrichtung, das utopische Terrain der Poesie, das es Dichtern und Lesern zu behaupten und zu erkunden gilt: „Man ist glücklich in Australien,/sofern man nicht dorthin fährt“. So ist zwar nach der Lektüre von Australien – um noch einmal Álvaro de Campos zu zitieren – „die Ferne nach wie vor da, wo sie war“. Dennoch haben diese Gedichte, ent- und neu verzaubernd, den Blick darauf verändert.


AustralienJan Wagner Gedichte, Berlin Verlag, Berlin 2010, 102 Seiten, 18

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17:00 22.01.2011

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