Die gleichgültige Form

Meister der Gründlichkeit Poetisches und Analytisches von Franz Josef Czernin

Wenn ein Dichter heute Sonette schreibt, dann kündet das von Gelehrsamkeit. Wer auf diese strenge Gedichtform zurückgreift, die im deutschsprachigen Raum ihre Blüte im Barock hatte, zitiert, bewusst konservativ oder ironisch, stets zugleich ihre Geschichte herbei. Die Wahl der Gattung ist bereits vor dem Wortlaut Aussage.

Franz Josef Czernin bewahrt die Form des Sonetts und kombiniert sie mit einer gestörten Syntax sowie mit irritierenden semantischen Abweichungen von der Norm. Beides ist in der schönen Literatur und insbesondere in der Lyrik ohnedies angelegt, aber im Gefolge des Realismus bisweilen vergessen worden. Einzelne Formulierungen eröffnen einen Assoziationsspielraum, der häufig zurückverweist auf die Motivik und das Weltbild des Barock, aber auch der Romantik. Die Gedichte des jüngsten Bandes, die sich an den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft entlang hangeln, ergeben zwar keinen Sonettenkranz im engen Verständnis, bilden aber auch formal insofern einen Zyklus oder auch vier Zyklen, als bestimmte Wendungen und Schlüsselbegriffe wiederkehren und Verbindungen herstellen zwischen den einzelnen Sonetten. Alliterationen und Assonanzen konstituieren neben den obligatorischen Reimen ein dichtes Geflecht, das stellenweise eher musikalischen als literarischen Gesetzen folgt. Stakkatoverse, oft fast nur aus einsilbigen Wörtern bestehend, wechseln sich ab mit Legati, die geradezu nach lautem Lesen oder einer Vertonung verlangen. Die seltenen Verstöße gegen das metrische Schema bestätigen dieses nur.

Die Lektüre dieser Sonette vollzieht sich wie das Erlernen einer Fremdprache. Was einem zunächst "unsinnig" erscheint, wird zunehmend verständlich. Verständlich freilich nicht im Sinne prosaisch rekapitulierbarer Gedanken, sondern im Sinne einer poetischen Wahrheit, die sich von der Form nicht ablösen lässt. Damit berührt sich die Avantgarde mit sehr weit Vergangenem, das uns ja auch so fremd geworden ist, dass es sich einem unmittelbaren Verständnis verwehrt - wo es nicht, wie bei den Mystikern, von vornherein hermetisch konzipiert war.

In einem kurzen Nachwort deutet Czernin an, was den Gegenstand seiner Sonette, die Elemente, mit seiner poetischen Methode verbindet. In dieser wie in jenen herrscht eine dialektische Beziehung von Einzelnem und Allgemeinem. Im Kunstwerk, so führt Czernin aus, sind Prinzipien oder Kategorien "wirksam und zugleich das, worauf es hinweist". Das lässt sich so pauschal postulieren. Für Czernins Sonette gilt es in besonderem Maße. In ihnen ist die Trennung von Bezeichnendem und Bezeichneten nicht nur tendenziell, sondern programmatisch aufgehoben. Czernins Verse bedeuten, was sie sind.

Franz Josef Czernin ist in vieler Hinsicht eine antiquierte Erscheinung. In einer Gegenwart, in der die Kultur sich nicht weniger modebewusst gibt als die Bekleidungsindustrie, in der Popliteraten hochgejubelt werden von Kritikern, die damit beweisen wollen, dass sie die Hand am Puls der Zeit haben und jeden neuen Trend nicht nur mitbekommen, sondern auch akklamieren, beharrt Czernin auf Unzeitgemäßem, und zwar nicht aus Konservatismus, sondern weil er in ihm etwas entdeckt, was nach vorne weist. Dieser Haltung entspricht es auch, dass er, immun gegen Moden, bestimmte Versuchsanordnungen immer wieder variiert, Formen und Themen stets aufs Neue durchspielt. Kaum ein Wort kennzeichnet Czernins Arbeit besser als der schillernde Begriff "Gründlichkeit".

Czernin ist aber nicht nur ein gelehrter Poet, er repräsentiert auch den selten gewordenen Typus des Privatgelehrten. Mit dem Sonett hat er sich in früheren Publikationen nicht nur dichtend und übersetzend, sondern auch theoretisch auseinandergesetzt. Regelmäßig beschämt er die bestallte Germanistik durch Analysen von literarischen Werken, die in ihrer Genauigkeit und der Geduld der Einlassung das meiste übertreffen, was der akademische Alltag und dessen pensionsberechtigten Verwalter - wenn überhaupt etwas - hervorbringen. Dabei wendet sich Czernin mit Vorliebe Dichtungen solcher Autoren zu, die der Avantgarde zugerechnet werden, etwa Reinhard Prießnitz oder Paul Wühr. Aus dem scheinbaren Widerspruch zwischen experimentellem Gegenstand und ehrwürdiger Interpretationsanstrengung ergibt sich eine anregende und fruchtbare Reibung. Was die von Czernin gewählten Objekte und seine Reflexion darüber teilen, ist ein hohes Maß an Ernsthaftigkeit. Czernin ist ein Tüftler. So spöttisch er sein kann, wo er Überschätztes oder Scharlatanerie entdeckt, so besessen vertieft er sich in Texte und Gedanken, von deren Wert er offenbar überzeugt ist.

Ein kleines Bändchen in der Essay-Reihe des Droschl Verlags enthält vier Beiträge, die eins gemeinsam haben: die dialogische Form. Sie gestattet dem Autor die Denkbewegung des "zwar-aber", des "einerseits-andererseits". Der erste Dialog betrifft Dichtung und Wissenschaft und ist sinnfällig Oswald Wiener, dem Mitglied der Wiener Gruppe und Kybernetiker, gewidmet. Zwei Dialoge führt der Dichter "mit" dem Mystiker Swedenborg, einer befasst sich mit der nachschrift von Heimrad Bäcker. Es geht auch in diesen Dialogen wie fast immer bei Czernin um die Frage, was Literatur eigentlich sei, worin ihr Spezifisches bestehe. Im Grunde entwirft Czernin in seinen Dichtungen implizit und in seinen Essays explizit so etwas wie eine Poetik, die gelegentlich ins Normative changiert. Man erinnert sich an die mit Ferdinand Schmatz verfertigte Fälschung, mit der die Freunde einst die mangelnde Fähigkeit zu Qualitätsurteilen bei Verlagslektoren nachweisen wollten.

In einem der Swedenborg-Dialoge sagt der Dichter: "Darstellung und Dargestelltes können zu einem einzigen Gegenstand werden; ja, in Kunstwerken nimmt die Beziehung zwischen Darstellung und Dargestelltem einen Verlauf, in dem beide Extreme Momente sind: sowohl die Distanz als auch die Einheit." Dem ist grundsätzlich zuzustimmen. Was an dieser Formulierung irritiert, sind die vorgetäuschte Allgemeingültigkeit und der prozessuale Charakter, den das Wort "Verlauf" suggeriert. Von wo ginge die Beziehung aus und wo führt sie hin? Gibt es nicht Kunstwerke, in denen die Beziehung zwischen Darstellung und Dargestelltem konstant ist? Czernin liebt Metaphern der Zielgerichtetheit. So spricht er von einem "Weg zum Angemessenen". Dahinter verbirgt sich, abgesehen von der Schwierigkeit, das Angemessene zu theoretisieren, die Vorstellung von Kunst als dynamischem Prozess. Ist das die Perspektive des Produzenten? Gilt sie auch und stets für den Rezipienten? Ist sie im Werk selbst angelegt? Swedenborg, der mehr an Himmel und Hölle als an Poesie interessiert ist, stellt diese Fragen nicht. Was Wunder: er spricht ja durch den Mund Czernins. Einen besonderen Reiz dieser Swedenborg-Dialoge machen die absichtsvollen Missverständnisse aus. Sie illustrieren, wie häufig Wörter in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet oder buchstäblich verstanden werden, wo sie metaphorisch gemeint sind.

Im Dialog über Heimrad Bäckers nachschrift wird in erster Linie und differenziert der Zusammenhang zwischen außerliterarischem Vorwissen und Literatur diskutiert - und wiederum, wenn auch gegensätzlich, mit der Wertfrage verknüpft. Die Gesprächspartner einigen sich auf die provokante Erkenntnis, dass der Sinn literarischer Formen von ihrem Gebrauch abhängt. "Die Form selbst, für sich genommen, zeigt sich als gleichgültig, sie nimmt die Züge an, die ihr ein Sprachgebrauch kontingenterweise verleiht. Mit anderen Worten: die Form zeigt nichts vom Wesen der Welt und deshalb auch die Literatur nicht, die ihren Sinn von ihrer Form abhängig machen muss." Provokant ist diese Erkenntnis, weil sie sich aus der beunruhigenden, durch Bäcker nachgewiesenen Tatsache ergibt, dass "die Literatur und der nationalsozialistische Staat die gleichen oder wenigstens ähnliche Formen gebrauchen können". Und wenn Czernin hier "Literatur" sagt, meint er die von ihm favorisierte experimentelle Literatur.

Bücher wie dieses setzen jede Kritik ins Unrecht, auch die zustimmende. Denn sie bedient sich grundsätzlich der Methode ihres Gegenstands, bleibt aber notwendig hinter diesem zurück, jedenfalls unter den Gegebenheiten einer Tageszeitung. Indem sie die präzise Ausführlichkeit in wenigen Zeilen preist, suggeriert sie, es ginge auch so. Geht es aber nicht. So kann, zumindest in diesem Fall, eine Rezension ihrem Objekt nicht adäquat sein, sondern nur als schlechter nacherzählender, charakterisierender, bewertender Hinweis gelten auf einen Text, dessen Lektüre nicht, wie die mancher anderer Publikationen, durch verkürzende Paraphrase ersetzbar ist. Will sagen: er ist im Gegensatz zu diesen anderen Publikationen nicht überflüssig

Franz Josef Czernin: elemente, sonette. Hanser, München-Wien 2002, 160 S., 17,90 EUR


Franz Josef Czernin: Voraussetzungen. Vier Dialoge. Droschl, Graz - Wien 2002, 108 S., 12,00 EUR

00:00 10.01.2003

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