Die Glückssucher

Im Kino Regisseur Fatih Akin verdankt in "Gegen die Wand" viel der lebenserfahrenen Glaubwürdigkeit seiner Darsteller

Durch die peinliche Schmuddel-Kampagne der Bild-Zeitung sind wahrscheinlich mehr Menschen auf Fatih Akins diesjährigem Bärenpreisträger aufmerksam geworden, als sich sonst jemals ernsthaft für deutsches Kino jenseits von Fußballheldentum und Spreewaldgurken interessieren würden. Das kann nur gut sein, und verschwörungstechnisch könnte man glatt denken, Regisseur Fatih Akin selbst oder sein Verleih hätten die Geschichte um Sibel Kekillis Karrierestart als Pornodarstellerin ins Rollen gebracht.

Dem ist natürlich nicht so. Denn Akins Film hat solche billigen Werbetricks ebenso wenig nötig wie sich die Leistung seiner Hauptdarstellerin durch das Wissen um ihre Vergangenheit mindert. Interessant ist die Geschichte aber trotzdem unter zwei Aspekten: Einmal, weil sie in der Doppelung von Fiktion und echtem Leben zeigt, wie sehr der Regisseur mit seiner ausgedachten Filmfigur - die im Film wohl nicht zufällig den gleichen Namen wie ihre Darstellerin trägt - den Nerv getroffen hat. Zum anderen, weil es die von Lebenserfahrung gesättigte Glaubwürdigkeit seiner beiden Hauptdarsteller ist, die Gegen die Wand die Kraft gibt, die ihn von den meisten anderen deutschen Filmen der letzten Zeit und auch den letzten Produktionen von Akin selbst unterscheidet.

Doch erstmal zur Geschichte selbst: Der 1973 geborene Hamburger Regisseur erzählt auch in seinem vierten Spielfilm von zwei Menschen, die lange brauchen, um zu erkennen, was sie für einander sind. Zu lange diesmal: der 40-jährige Deutschtürke Cahit hat sein Lebensfeuer nach einem im Film nur angedeuteten Schicksalsschlag ebenso erfolgreich wie freudlos in Alkohol ertränkt. Sein Brot verdient sich der heruntergekommene Loser, der sich verbal gerne von seinen Mit-Kanaken distanziert, als Gläserabräumer in einem Kulturzentrum in Altona. Sibel ist ungefähr halb so alt und will vom Leben noch das ganze Programm. Doch erwarten kann sie realistisch nicht allzu viel als Tochter einer biederen türkischen Einwandererfamilie und Friseuse. Selbst die kleine Ausflucht mit Disko und gelegentlichem One-Night-Stand sind von zu Hause selbstverständlich nicht erlaubt. Beide, Sibel und Cahit wollen aus unterschiedlichen Gründen ihrem Leben ein Ende setzen. Beide überleben und treffen sich in der Suizidabteilung der Psychiatrie. Und Sibel merkt schnell, dass Cahit genau der Mann ist, den sie in ihrem Leben gerade braucht: Einen türkischen Pro-Forma-Gatten nämlich, der der lebenswütigen Tochter die Freiheit aus familiärer Beobachtung erlaubt. Die Schein-Ehe kommt zustande. Und Sibel zieht zur Tarnung sogar in Cahits Säufer-Höhle ein.

Eigentlich ein ermüdeter Filmstoff: Denn das Konfliktpotential solcher Goodwill-Ehen war in der Filmgeschichte schon für einige Green-Card-Komödien gut. Und auch Fatih Akin hatte wohl erst vor, den Stoff zur Komödie zu machen, bis ein gütiger Gott (dem Akin im Abspann immer dankt) die Sache in die Hand nahm und die Geschichte mit schicksalsgewaltiger Eigendynamik zu einem Liebesdrama expandieren ließ, das den gewalttätigen Exzess ebenso wenig scheut wie das hingefluchte Wort. Bei manchen Dialogstellen kommt man sich dabei schon vor wie auf einer Übungsveranstaltung für sexuelle Abgebrühtheit. Manchmal exerziert auch der Plot seine Wendungen mit solch blutiger Wucht, dass man sich überfordert und erschöpft abwenden möchte. Doch dann wird Akin wieder ganz sanft und kann sogar solange die Klappe halten, bis sein Plot an einer ganz anderen Stelle angekommen ist. Und auch wir werden still und lauschen den melancholischen Liedern von Idil Üner und dem Roma-Orchester von Selim Sesler, das auf einem orientalischen Postkartentableau vor Istanbuls Traumkulisse die Saiten streicht.

Dort nämlich, in Istanbul, lässt Akin seine Geschichte nach einem heftigen letzten Schlagabtausch mit einem Schlussakkord ausklingen, der - Gott sei Dank - ganz in Moll gehalten ist. Eine betörende Stadt: Und die milden Bosporusdüfte sind das treffende Gegengift gegen den Bierdunst der Altonaer Kneipen-Tristesse.

Zwischen Deutschland und einem fremden Sehnsuchtsort pendelten alle bisherigen Filme Akins seit seinem Spielfilmdebüt Kurz und schmerzlos (1998). Alle sprachen auch von Leidenschaft und Liebe. Doch sowohl Im April (2000) wie Solino (2002) waren am Ende doch eher lauwarme Mainstreamgeschichten, in denen Feuer und Passion zwar behauptet wurden, doch nicht richtig vorkamen. So sieht es jetzt so aus, als sei Akin, der Gegen die Wand seinen bisher persönlichsten Film nennt, nicht nur geografisch sondern auch filmisch endlich bei sich selbst angekommen. Und als hätte er einiges aus vergangenen Fehlern gelernt., so etwa, adäquates darstellerisches Potential zu finden und zu nutzen. Denn es sind die beiden Hauptdarsteller Sibel Kekilli und Birol Ünel, deren Glaubwürdigkeit Gegen die Wand mit der Substanz füllt, die Akins letzten Filmen abging. Sibel Kekilli gibt die Kiezmieze zwischen wildem Ausbruchsbegehren und kleinbürgerischer Aufstiegsvernunft. Birol Ünel kann so unendlich abstoßend sein wie verführerisch zart. Vor allem glaubt man den beiden die Gefühle, die sie für einander entwickeln.

Man könnte Gegen die Wand alles Mögliche vorwerfen, seine größte Schwäche ist wohl die vorgetragene Kraftmeierei, die den Eindruck macht, als hätte Akin jetzt die emotionale Schwächelei seiner letzten Filme mit aller Gewalt konterkarieren wollen. Ein radikaler Romantiker, der bisher mit vereinten Kräften im Zaum gehalten wurde. Jetzt darf er sich endlich mal austoben. Und das Ergebnis ist nicht nur eine überzeugende Liebesgeschichte, sondern trotz seiner krassen Kino-Wendungen in seiner Lebensnähe ein Befreiungsschlag im gegenwärtigen deutschen Kino: Weil er Menschen zeigt, die wirklich kämpfen und nicht permanent damit beschäftigt ist, über ihre Situation nachzugrübeln. Weil er Konflikte zeigt, die nicht an den Reißtischen weltfremder Drehbuchingenieure entwickelt wurden. Und es ist eine Lebenswirklichkeit, die keineswegs auf die deutsch-türkische Szene beschränkt ist, sondern jeden betrifft, der oder die das Glück sucht. Ein Glück, das nicht nur in diesem Film lediglich mit schweren Verlusten errungen werden kann.

Ein netter Familienfilm, nach dem man sich gemütlich am Wohnzimmertisch zum Dialog der Generationen zusammensetzen kann, ist Fatih Akins Film dabei sicher nicht. Dazu ist er zu radikal und zu wahrhaftig. Schließlich geht es gegen die Wand. Es wird spannend sein zu sehen, welches Publikum dieser Film findet.


00:00 12.03.2004
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