Die Graswurzel-Aktivistin

Porträt Elizabeth Warren ist Senatorin der Demokraten und empfiehlt sich als Bewerberin für die US-Präsidentenwahl 2016
Konrad Ege | Ausgabe 22/2014 11

Mehrere hundert Menschen saßen kürzlich dicht gedrängt in der Sixth-and-I-Synagoge in Washington in Erwartung einer Politikerin, die das progressive Amerika und traditionelle Demokraten fasziniert mit ihrer Hoffnung, ein anderes Amerika sei möglich. Ein Land, das „nicht den Reichen und Mächtigen dient“, sondern den kleinen Leuten: Elizabeth Warren (64), gelernte Logopädin und Wirtschaftsjuristin mit Karriere an der Harvard Universität, seit Anfang 2013 Senatorin für den Staat Massachusetts.

Im Senat bittet sie bei Anhörungen mit sanfter Stimme Banker und Regierungsvertreter: „Let‘s be specific“ – werden wir konkret. Ob es denn wirklich belastbare Studien gebe, denen zufolge – wie das Gaststättengewerbe behaupte – höhere Mindestlöhne Arbeitsplätze kosten? Oder, an Elisse Walter gerichtet an die Vorsitzende der Finanzaufsicht: Wann habe die Behörde zum letzten Mal ein Strafverfahren eingeleitet gegen eine Bank?

Die Politikerin mit dem kurzen blonden Haar und der randlosen Brille ist gerade auf Buch-Tour, um ihre Autobiografie mit dem Titel A Fighting Chance vorzustellen. Schon häufen sich Mutmaßungen, sie wolle 2016 für das Präsidentenamt kandidieren. Warren hat etwas Bodenständiges. Verbale Höhenflüge im Stil Barack Obamas sind nicht ihre Sache. Doch sie kann mit den Leuten reden, ähnlich wie seinerzeit der „große Kommunikator“ Ronald Reagan. In der Synagoge erzählte Warren von ihrem Toaster. Als gestresste junge Mutter – sie habe schon mit 19 geheiratet, was sie nicht empfehlen könne – habe sie fast ihre Wohnung in Brand gesteckt. Es seien nämlich ein paar Scheiben Brot im Toaster vergessen worden, Flammen hochgeschossen, und Vorhänge in Brand geraten. Die Löschaktion sei gerade noch geglückt.

Dann macht Warren den Schlenker zur Bankenkrise. Vor 30 Jahren habe es keine Sicherheitsvorrichtungen gegeben, um Toaster bei hohen Temperaturen automatisch abzuschalten. Heute schreibe das Gesetz derartige Schalter vor. Bei der Bankenkrise gäbe es den gegenläufigen Trend: Dort habe die Politik seit den achtziger Jahren Sicherungen ausgebaut. Bis zu den jüngsten Reformen Obamas hätten Kunden Darlehen aufnehmen können, die sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht bedienen konnten. So habe die Finanzindustrie Riesenprofite eingefahren und letztlich die Nation einem Crash ausgesetzt. Mit den richtigen Vorschriften hätte man das vermeiden können – wie den Flammen spuckenden Toaster.

Ihre Jugend in Oklahoma „am ausgefransten Rand der Mittelklasse“ führe vor, dass Amerika auch für die mit wenig Geld und Status funktionieren könne. Als ihr Vater krank wurde, nahm Warrens Mutter einen Job im Versandhandel an. Es gab nicht viel zu verdienen, doch der Mindestlohn genügte damals, eine Familie zu ernähren. Heute heißtMindestlohn, in Armut zu leben.

Warren war Spitzenstudentin. Sie habe anfangs 50 Dollar Studiengebühren pro Semester gezahlt. Viele ihrer jungen Zuhörer besuchen heute Universitäten, bei denen das Semester 10.000 bis 30.000 Dollar kostet. Nach Angaben des Studentenverbandes Project on Student Debt haben 71 Prozent der jetzigen Studienabgänger Schulden von durchschnittlich 29.400 Dollar. „Ich bin in einem Amerika aufgewachsen, das investiert hat in seine jungen Leute“, sagt Warren, „und Wert darauf legte, eine starke Mittelklasse aufzubauen.“ Dahin müsse man wieder zurückkehren. Die Mittel seien da.

Die Expertin für Konkursrecht wurde Ende 2008 von den Demokraten als Vorsitzende der Aufsichtskommission für das 700 Milliarden Dollar schwere Bankenrettungspaket nach Washington geholt. Warren setzte durch, dass eine neue Behörde zum Schutz der Verbraucher gegen Kreditkartenfirmen und Darlehensgeber entstand. Sie war als Chefin der Behörde im Gespräch, scheiterte aber am Widerstand der Republikaner. Das dürfte manchem heute leid tun: Warren kandidierte für den Senat in ihrer Heimat Massachusetts gegen den Republikaner Scott Brown. Dessen Kampagne wurde überflutet mit dem Geld der Finanzindustrie. Dazu der Mitarbeiter einer Lobbyfirma: „Es gab keinen anderen Senatswahlkampf, der die Optionen über die künftige Ausrichtung des Landes so klar präsentiert hat.“ Warren gewannt mit 53,7 Prozent und erfreute ihre Anhängen mit scharfen Statements gegen den ungezügelten Markt.

„Niemand in diesem Land ist aus eigener Kraft reich geworden“, ist Warren überzeugt. Und an Unternehmer gewandt: „Sie transportieren ihre Güter auf Straßen, die wir alle bezahlt haben. Sie haben Arbeiter eingestellt, die in unsere Schulen gegangen sind. Und sie sind sicher in ihren Fabriken, weil Polizei und Feuerwehr da sind, die wir bezahlen“. Dass jemand reich werde, sei in Ordnung, doch man müsse sich am Gemeinwohl orientieren.

Warren ist Realistin; sie glaubt, dass man in der Politik trotz des gezinkten Spiels durch Engagement an den Graswurzeln etwas bewirken kann. Von der Senatorin wird man kaum Kritik hören an Barack Obama, obwohl der demokratische Präsident schon oft die Interessen seiner Wahlspender vor die vieler Wähler gestellt hat. Warren lobt Hillary Clinton als „großartige Kandidatin“. Sie selber wolle sich auf Wirtschaftreformen konzentrieren und arbeite momentan an neuen Gesetzen für Studiendarlehen. Was ihr vorschwebt, ist so etwas wie eine soziale Marktwirtschaft – in den USA ein geradezu linksradikales Konzept. Bei der Senatorin klingt mit, was zum politischen Grundkonsens zählt: Dass Amerika zu seinen „guten Werten“ zurückfinden werde. Auf ihre Frage, wann letztmals gegen Banken ein Strafverfahren eingeleitet worden sei, erhielt Warren keine Antwort.


ausgabe

06:00 30.05.2014

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