Die große Freiheit nochmal neu

Lauschangriff Das lässt sich nicht nur beim herrlichen Festival im norwegischen Kongsberg beobachten: Der Free Jazz wird von einer neuen Generation unvoreingenommen entdeckt

Ein Mann, ein Saxofon. Ein weiterer mit Gitarre. Oder ist es ein Klavier? Ein Bassist mit seinem Kontrabass. Den Schlagzeuger nicht vergessen. Der mit dem Saxofon lässt sein Instrument schnaufen, er bläst einige fast schon melodische Wendungen, dehnt die Töne, zieht sie, bis sie fadenscheinig werden, zerbersten oder deutlich schlanker in eine andere Oktave kippen. Der Bassist trommelt derweil auf dem dicken Holz des ehrwürdigen Korpus, und von den Becken lässt sich ein schrilles Quietschen vernehmen: Free Jazz.

Eine Gruppe von Musikern in einem Zusammenspiel, das nicht von kompositorischen Vorgaben gesteuert ist, sondern sich im Moment des Spiels erst sein Regelwerk und den klanglichen Bezugsrahmen erzeugt. Free Jazz ist eine historische Spielart des Jazz, entstanden irgendwann aus den Klangexperimenten der fünfziger Jahre, schnell behängt mit den Fähnchen von Rebellion, Aufruhr und dem schier endlosen Kampf für die Durchsetzung der Bürgerrechte. Und in Europa bald aufgegriffen, radikalisiert, intellektualisiert. Ein alter Hut, wenn man so will, eine Geschichte für alte Männer.

Die drei Männer da vorne aber sind jung, so jung wie die Sängerin, die da gurrt, quiekt, grunzt und singt. Und wie das Publikum, in diesem gestopft vollen Raum beim Jazzfestival in Kongsberg im norwegischen Hinterland, das die Bewegungen der Musik verfolgt, das mitfiebert, sich ent- und dann wieder anspannt, in den ruhigen Passagen dem Nachhall der Stille lauscht und den Geräuschen, die ihren eigenen Gesang singen. Free Jazz ist das Ding bei diesem Prachtexemplar von einem Festival, einer Kleinstadt in Aufruhr, bewegt von einer Musik, die auch einmal anstrengend sein darf. Und alle scheinen mitzumachen. Wer genauer hinhört, wird bemerken, dass dieser neue Free Jazz anders ist als der alte: dass er gar nicht anders kann als anders sein, denn das musikalische Material, das die jungen Musiker der Gegenwart verarbeiten, ist ein anderes als das der Altvorderen. Spielen können sie, und selbstverständlich verfügen sie über das Ausdrucksrepertoire der Jazzgeschichte, doch sie sind nicht existentiell damit verbunden. Blues, Swing und die Erfahrung der Sklaverei sind für sie – schon aus Gründen der geografischen Distanz – nicht mehr als eine ferne Erzählung, die hinter der Soundkulisse der Jetztzeit verblasst. Pop und HipHop mit ihren Cut-And-Paste-Techniken, die Energie des harten Rock, die strukturelle Strenge und das subtile Soundmanagement von neuer Musik sowie Anklänge an norwegische oder schwedische Folklore – das ­sind die Eckpfeiler ihrer musikalischen Sozialisation. Und die Spannung im Raum wächst mit der Prägnanz, mit der diese Anteile in ihren heutigen Free Jazz eingehen. In Kongsberg sind es Schweden und Norweger, die Saxofonisten Fredrik Ljungkvist oder Hakon Kornstad, der Schlagzeuger Paal Nilssen-Love und die Sängerin Sofia Jernberg, der Gitarrist Even Helte Hermanssen und Steinar Raknes am Bass, die den neuen Free Jazz in unverwechselbare Klanggestalten übersetzen.

Doch auch anderswo rückt der neue Free Jazz in den Blickpunkt: in Berlin, in Zürich und auch in Brooklyn, wo eine junge Szene von hochvirtuosen Instrumentalisten wie dem Trompeter Peter Evans nachgewachsen ist, die frei von Verstrickungen, aber voller Respekt für die Errungenschaften der Schöpfer des Jazz die große Freiheit noch einmal neu in Angriff nimmt.


Peter Evans QuartetPeter Evans Quartet. Firehouse 12 Records Mostly Other People Do The KillingThis is Our Moosic. Hot Cup Records The CoreOffice Essentials. Jazzland/Universal MotifApo Calypso. Jazzland/Universal

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14:27 27.08.2009

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