Die haben tot zu sein

Abwicklungsstab Stalingrad Weit über 100.000 deutsche Soldaten gerieten nach dem Kessel in Gefangenschaft - doch ihre Briefe wurden vom NS-Regime vernichtet, ihre Existenz verleugnet

Nein, es war nicht mehr von den Ölquellen in Baku die Rede, als am 2. Februar 1943 die Festung Stalingrad gefallen war. Jetzt ging es um offiziell verordnete Trauertage, um propagandistische Aufbereitung des Geschehens, um Heldenverehrung. Und um die Beschäftigung mit den Angehörigen der Gefallenen. Rund 300.000 Männer hatten an der blutigsten Schlacht des Zweiten Weltkrieges teilgenommen, 25.000 Soldaten waren als Verwundete dem Kessel entkommen - wichtige Zeugen bei der bürokratischen Einordnung von Kriegs- und Hinterbliebenen-Renten.

In Potsdam wird im Frühjahr 1943 ein »Abwicklungsstab Stalingrad« eingerichtet. Hier laufen die Anfragen der Familien, die Anträge auf Versorgungsansprüche, die Augenzeugenberichte Überlebender zusammen: »Gefreiter S., der zuletzt Obergefreiter war, fiel beim Gefechtsstand des 3. Bataillons am 17. Januar. Ich sah seine Leiche. / Gefreiter E. fiel am 23. Dezember durch einen Granatsplitter in die Brust. / Obergefreiter P. wurde am 21. Dezember vermisst. Auch sein Maschinengewehr wurde nicht mehr gefunden.« - Das sind nützliche Hinweise. Die Akten füllen sich. Hier wird auch das Gesuch eines Vaters abgeheftet, der um die sogenannte Kriegstrauung für seinen vermissten Sohn bittet. Die Verlobte habe inzwischen ein Kind geboren, das solle noch »ehelich« werden in diesem Jahr.

In dieser Dienststelle erscheint eines Tages ein Informant, der berichtet, ein Angehöriger der 6. Armee habe aus der Gefangenschaft an seine Frau geschrieben. »Um Gottes willen!« sagt die Sachbearbeiterin. »Sagen Sie der Frau, sie soll den Mund halten. Die haben tot zu sein!« Nicht nur der Mythos der toten Helden, sondern auch die Überzeugung, dass die Russen keine Gefangene machen, muss erhalten bleiben. Wenn jetzt Briefe durchkommen, dann hält die Front nicht mehr! Aber die Nachricht verbreitet sich. Immer mehr Frauen vermisster Stalingradkämpfer erhalten Briefe aus sowjetischen Gefangenenlagern.

So schreibt Leutnant Hugo B. am 23. März 1943: »Liebe Maria! Aus der russischen Gefangenschaft empfangt von mir meine ersten Grüße. In Stalingrad am 2. 2. 43 gefangen genommen, blieb ich unverwundet und wohlbehalten. Es wird Euch eine unschätzbare Freude sein, dass ich nicht verschollen bin, sondern weiter für Euch lebe. Die Kesselzeit mit ihren Erscheinungen liegt hinter uns. Ich werde Euch jetzt allmonatlich Post zukommen lassen und umgekehrt könnt Ihr mir jetzt schreiben. Wie geht es Euch allen? Besonders unserem kleinen Burkhart? Inzwischen ist er auch schon 18 Monate alt. Schickt mir Fotos von ihm und von Euch allen.«

Alles Feindpropaganda! kommentiert die Geheime Staatspolizei, die sich eingeschaltet hat. Das seien vorgegebene Texte. Aber die Familien setzten sich miteinander in Verbindung, tauschen Erfahrungen aus. Das NS-Regime ergreift Maßnahmen: Es lässt alle Postsendungen an eine zentrale Sammelstelle leiten. Hier sitzt ein Offizier, notiert Namen und Absender und - wirft die Briefe ins Feuer. Seht ihr, heißt es später, es waren nur Einzelfälle. Die Unruhe in der Bevölkerung wächst. Das bemerken auch die Spitzel der Geheimen Staatspolizei. Am 8. August 1943 melden sie: »Im Anschluss an Stalingrad war es noch möglich, die aufgewühlten Massen zu Entschlüssen hinzureißen, um das am Horizont erscheinende Unheil durch gesteigerte Tatkraft abzuwenden. Die Herzen waren neuer propagandistischer Beeinflussung wieder geöffnet. Seit aber der Luftkrieg die städtische Bevölkerung unmittelbar mit dem Untergang bedroht, erwacht in jedem Einzelnen ein bisher nicht bekanntes Bedürfnis zu selbständigem Nachdenken.«

»Wie kommt es«, überlegt die Mutter des Leutnants Hugo B. am 29. September 1943 in einem Brief, »daß mein Sohn, der am 23. März geschrieben hat, seitdem nichts wieder von sich hören ließ? Auf unsere Briefe und Karten haben wir keine Antwort bekommen.« Kein Wunder, sie sind gar nicht befördert worden!

Gegen Ende 1943 versucht die Heeresleitung, mit einer Anzeigenkampagne die Bevölkerung zu beruhigen. Man wolle, heißt es in allen größeren Tageszeitungen, versuchen, mit Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes Verbindung zum russischen und türkischen Roten Kreuz zu bekommen, um das Schicksal etwaiger Kriegsgefangener in der Sowjetunion zu klären. Die Angehörigen mögen schreiben, man werde dann die Post weiterleiten. Auch diese Briefe werden vernichtet. Das sei schrecklich gewesen, berichtet Mechthild von Schilling, die als Sekretärin beim Abwicklungsstab Stalingrad beschäftigt war, »die vielen Briefe, kleine, liebevoll verpackte Päckchen, alles verbrannt!«

Später hat man, um die Angelegenheit ein für allemal vom Tisch zu haben, den Rest der Post mit einem Vordruck an die Familien zurückgesandt. Die Briefe und Karten seien offenbar unter Zwang geschrieben worden und sollten feindlichen Propagandazwecken dienen. Nunmehr, nach drei Jahren Krieg mit der Sowjetunion, stehe einwandfrei fest, dass in keinem einzigen Fall der Empfang eines aus Deutschland eingegangenen Briefes von einem deutschen Kriegsgefangenen bestätigt wurde. Es werde gebeten, von weiteren Rückfragen Abstand zu nehmen.

Wenn sie noch eines Anstoßes bedurft hätte, sich dem Widerstand gegen Hitler anzuschließen, diese Briefaktion hätte ihr die Augen geöffnet, meint Mechthild von Schilling. Heimlich notiert sie Namen und Adressen der Stalingradkämpfer, die sich gemeldet hatten. Wenn Angehörige in die Dienststelle kommen - manchmal sind es mehr als hundert am Tag - muss sie aufpassen: Wem kann man eine Botschaft zustecken, wem nicht? Eine Denunziation könnte die Aktion gefährden. Das KZ wäre ihr sicher. Und da gibt es die Rundfunksendungen. Über Radio Moskau werden die Namen Gefangener bekannt gegeben. Sie werden von Amts wegen dokumentiert. Für Zivilisten, die beim Abhören erwischt werden, kann das die Todesstrafe bedeuten.

Einige Offiziere aus Stalingrad haben sich in den Gefangenenlagern dem »Nationalkomitee Freies Deutschland« angeschlossen, einer von Emigranten in der Sowjetunion gegründeten antifaschistischen Bewegung. Diese Offiziere richten im September 1943 einen Aufruf an die Angehörigen der deutschen Wehrmacht mit dem Vorschlag, zusammen mit dem deutschen Volk Hitler und sein Regime zu stürzen. Sind das Verräter? Kommunistisch gesteuerte, vaterlandslose Gesellen? Diese Vorwürfe hat es gegeben, auch nach Kriegsende.

Der Theologe Helmut Gollwitzer hat während der russischen Gefangenschaft mit diesen Männern Kontakt gehabt. Er schreibt in seinen Erinnerungen: »Die wenigsten dürften Kommunisten gewesen sein. Der konservative Flügel war stark, die Namen alter, preußischer Familien waren vertreten. Es mögen Opportunisten dabei gewesen sein, sicher aber ebenso viele, die das brennende Gefühl, von Hitler betrogen worden zu sein, trieb, dem Untergang des Vaterlandes nicht untätig zuzusehen.«

Das ganze Ausmaß der Manipulation wurde erst viele Jahre nach Kriegsende bekannt. Es zeigte sich das Bild eines menschenverachtenden Zynismus, wie er zur Durchsetzung bestimmter Kriegsziele immer wieder entwickelt wird. Die deutsche Führung hatte nicht nur die Zivilbevölkerung mit geschönten und propagandistisch aufbereiteten Zweckmeldungen belogen, sondern auch die kämpfende Truppe und deren Vorgesetzte, die Hitlers Befehle gegen jede militärische Vernunft befolgten. Die Festung Stalingrad sei um jeden Preis zu halten, hatte der oberste Kriegsherr befohlen, es gehe um die Ölquellen in Baku, ohne deren Eroberung könne der Krieg nicht gewonnen werden.

Rund 6.000 ehemalige Stalingradkämpfer kehrten schließlich aus der Gefangenschaft zurück. Wie viele Gefangene am fehlenden Kontakt zu ihren Familien in der Heimat zerbrachen, ist unbekannt.

00:00 21.03.2003

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